Katja Milde, Gleichstellungsbeauftragte des Rhein-Sieg-Kreises, schreibt über traditionelle Rollenverteilung, die unsere Gesellschaft immer noch prägen.
Gastbeitrag„Wer kümmert sich eigentlich um alles?“ – Warum der Weltfrauentag noch immer wichtig ist

Putzen ist auch 2026 oft noch Frauensache - auch wenn Frauen erwerbstätig sind.
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Wenn Kinder geboren werden, entscheidet sich oft, wie gleichberechtigt die Zukunft der Eltern sein wird. Wer reduziert die Arbeitszeit? Wer plant und organisiert das Familienleben? Kind oder Karriere? Genau an dieser Stelle zeigt sich, warum der Weltfrauentag auch heute noch wichtig ist.
Viele Frauen kennen das Dilemma; auch ich habe es als Mutter kennengelernt: Arbeitet sie Vollzeit, heißt es schnell, sie habe zu wenig Zeit für die Familie. Reduziert sie ihre Arbeitszeit zugunsten der Kinder, gerät sie in eine anhaltende Teilzeitfalle, es folgen Karriereeinbußen, geringeres Einkommen und Lücken bei der Altersvorsorge.
Geld, Macht und Zeit in unserer Gesellschaft werden weiterhin ungleich verteilt
Obwohl heute viele Paare gleichberechtigt miteinander leben wollen, sind die traditionellen Rollenbilder sehr wirkmächtig. Aktuell sind so viele Frauen erwerbstätig wie nie zuvor, doch sie übernehmen weiterhin mehr Sorgearbeit als Männer - im Schnitt neun Stunden pro Woche. Dieses Kümmern und Versorgen, damit es zu Hause allen gut geht, sowie das Drumherum aus Putzen, Kochen, Waschen, Planen ist unerlässlich für ein familiäres Zusammenleben. Doch abgewertet, unbezahlt und unfair verteilt führt sie zu ungleichen strukturellen Bedingungen zwischen den Geschlechtern. Hierdurch werden Geld, Macht und Zeit in unserer Gesellschaft weiterhin ungleich verteilt.
Echte Veränderung gelingt nur gemeinsam
Und genau hier setzt der Weltfrauentag an. Frühe Absprachen über Verantwortung, Hinterfragen von Rollenbildern und partnerschaftliche Organisation der Familien- und Erwerbsarbeit sind also entscheidend. Echte Veränderung gelingt nämlich nur gemeinsam: Bezahlte und unbezahlte Arbeit müssen gleichmäßiger zwischen Männern und Frauen verteilt werden.
In meiner Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte im Rhein-Sieg-Kreis erlebe ich, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen. Der Weltfrauentag ist dafür ein guter Anlass. Auch wenn viele Fragen jedes Jahr wieder auftauchen, sorgt dieser Tag dafür, dass sie sichtbar bleiben und gesellschaftlich diskutiert werden.
Zum Weltfrauentag gehört auch der Blick auf ein weiteres Thema, welches ebenfalls strukturelle Ursachen hat und oft im Verborgenen bleibt: Gewalt gegen Frauen. Noch immer erleben viele Frauen körperliche, psychische oder sexualisierte Gewalt – häufig im eigenen Umfeld, die Täter: männlich. Nicht selten kommt es zur Abhängigkeit von Frauen von ihren Partnern.
Hoffnung macht mir die wachsende Bereitschaft vieler junger Menschen, Gleichberechtigung ganz selbstverständlich zu leben. Sie hinterfragen Rollenbilder und suchen nach partnerschaftlichen Modellen für Familie und Beruf. Dazu braucht es Männer als Verbündete. Als aktive Väter, die Sorgearbeit übernehmen. Als Männer, die nicht wegsehen, sondern Gewalt klar entgegentreten.
Der Weltfrauentag erinnert uns also jedes Jahr daran, dass Gleichberechtigung nicht von allein entsteht. Sie braucht ein starkes Miteinander, in dem alle Beteiligten Verantwortung übernehmen als echten Gewinn für beide Seiten.


