Expertin erklärtWarum man Frauen nicht nach ihrem Kinderwunsch fragen sollte

Die Frage nach dem Kinderwunsch sollte nur unter sehr speziellen Umständen gestellt werden.
Copyright: (Symbolbild) dpa
Niemand würde eine fremde Frau fragen, wann sie mit ihrem Partner das letzte Mal Sex hatte, oder? Die Frage nach dem Kinderwunsch scheint für viele Menschen dagegen völlig normal zu sein. Die Autorin und Kulturwissenschaftlerin Sarah Diehl erklärt, warum man das besser lässt.
Die österreichische Artistin Lili Paul-Roncalli wurde kürzlich im ZDF-„Fernsehgarten“ von der Moderatorin Andrea Kiewel nach ihrem Kinderwunsch gefragt. Paul-Roncalli fand die Frage „ziemlich unpassend“ und ärgerte sich öffentlich darüber. Solche Fragen stelle man „doch 2022 einer Frau nicht mehr“. Aber warum nicht? Die Autorin und Kulturwissenschaftlerin Sarah Diehl („Die Uhr, die nicht tickt“) erklärt im Interview, was die Frage bei Frauen auslösen kann.
Frau Diehl, warum sollte man Frauen nicht nach ihrem Kinderwunsch fragen?
Sarah Diehl: Man kann einfach nie wissen, in welcher privaten Situation die Frau sich gerade befindet. Der Kinderwunsch kann mit unglaublich vielen Facetten des Lebens zu tun haben und betrifft daher manchmal auch Bereiche, in denen man sehr verletzlich und unsicher ist. Es gibt Frauen, die keine Kinder bekommen können oder auch Frauen, die sich gerade überlegen, sich zu trennen. Andere Frauen versuchen vielleicht schon seit Jahren, schwanger zu werden. Die Frage nach dem Kinderwunsch kann mit vielen sehr persönlichen Ängsten verbunden sein.
Was kann die Frage auslösen?
Die Frage löst bei vielen Frauen Scham aus. Frauen haben bei der Frage nach dem Kinderwunsch häufig das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen – gerade dann, wenn sie sich vielleicht gegen Kinder entschieden haben. Das ist auch der Grund, warum die Frage schnell als übergriffig gewertet werden kann. Schnell schwingt ein „Machst du deinen Job als Frau auch richtig?“ mit. Der Rechtfertigungsdrang liegt auch an den vielen Stereotypen und Klischees, die mit einer kinderlosen Frau verbunden sind. Eine Frau ohne Kinder wird leider schnell als egoistisch oder gefühlskalt empfunden. Manche Frauen versuchen daher, die Kinderlosigkeit mit einer Erklärung aufzuwerten, und sagen zum Beispiel, dass sie wegen des Klimawandels keine Kinder bekommen. Es muss aber doch okay sein, einfach zu sagen, dass man keine Kinder haben möchte.
Warum stellen viele Menschen trotzdem diese sehr private Frage?
Viele Menschen scheinen auch heute noch zu glauben, dass es eine unausgesprochene Jobbeschreibung von Weiblichkeit ist, dass man auch Mutter sein soll. In unserer Gesellschaft ist es immer noch üblich, dass Frauen mehr für die Bedürfnisse anderer da sein sollen als für ihre eigenen. Ich glaube, dass unterschwellig auch immer die Angst in der Kinderwunschfrage mitschwebt, dass der Kleinfamilie das Personal ausgeht. Die Frau ist nun mal in den meisten Familien noch dafür zuständig, dass alles läuft. Würde sie das nicht mehr tun, könnte das ganze System zusammenbrechen.

Autorin Sarah Diehl.
Copyright: Nane Diehl Lizenz
In Ihrem Buch „Die Uhr, die nicht tickt“ haben Sie Frauen befragt, die freiwillig keine Mütter sind. Was war der Hauptgrund für die Entscheidung gegen Kinder?
Es ist nicht so, dass diese Frauen Kinder nicht mögen. Das wird ja hinter freiwilliger Kinderlosigkeit schnell vermutet. Der Hauptgrund ist das überbordende Mutterideal, bei dem man nichts richtig machen kann, für das Leben eines anderen Wesens verantwortlich ist und eine aufopfernde Rolle einnimmt. Schließlich müssen die Bedürfnisse eines Kindes immer über den eigenen stehen. Ein anderer Grund ist die Freiheit, die Frauen ein Stück weit aufgeben müssen, um Kinder aufzuziehen.
Gibt es Situationen, in denen die Kinderwunschfrage okay ist?
Eigentlich nur, wenn man mit der betreffenden Frau in einem sehr persönlichen Gespräch ist und eine freundschaftliche Atmosphäre herrscht. Eigentlich ist der Kinderwunsch ja ein sehr schönes Gesprächsthema – so lange das Gespräch wohlwollend und ohne Vorurteile abläuft.
Sarah Diehl hilft Frauen in Seminaren, ihren eigenen Weg bei der Kinderwunschfrage zu finden.
