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„Ich werde nicht viel vermissen“Der „König von Mallorca“ nimmt Abschied von der großen Bühne

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Sänger und Moderator Florian Silbereisen (r) und Jürgen Drews  während der Fernsehshow ·„Der große Schlagerabschied“.

Sänger und Moderator Florian Silbereisen (r) und Jürgen Drews  während der Fernsehshow ·„Der große Schlagerabschied“.

Schlagersänger Jürgen Drews verlässt die große Bühne. Im Interview spricht er über seinen neuen Alltag, Mallorca und seine große Liebe Ramona.

Herr Drews, am Freitag erschien Ihre Kompilation „Geil war’s … Danke Jürgen!“, am Samstag bei Florian Silbereisen gaben Sie Ihren endgültigen Bühnenabschied. Wie hat es sich angefühlt, die letzten großen Momente einer außergewöhnlichen Karriere zu begehen?

Jürgen Drews: Für mich fühlt sich alles richtig an. Ich hatte eine tolle Karriere und habe sehr viel erlebt. Sicher ist es ein seltsames Gefühl, wenn man weiß, das ist jetzt dein letzter Showauftritt. Aber es ist für mich die richtige Entscheidung.

Sie blicken auf eine langjährige Karriere mit vielen Momenten für die Ewigkeit. Und auch das Cover von „Geil war’s … Danke Jürgen!“ zeigt viele Bilder Ihrer beruflichen Laufbahn. Welche ganz besonderen Erlebnisse werden Sie niemals vergessen?

Da gibt es sehr viele Momente, die ich niemals vergessen werde. Einer dieser Momente war mit Sicherheit die Zeit bei den Les Humphries Singers, wo alles anfing. Dann „Ein Bett im Kornfeld“ 1976. Ich hatte so viele unvergessliche Momente. Und alles war bei mir vollkommen ungeplant. Es ist einfach so passiert. Ich wäre nie von selbst darauf gekommen, einen solchen Titel wie „Ein Bett im Kornfeld“ zu singen. Ende der 80er kam dann der Titel „Irgendwann, irgendwo, irgendwie (seh’n wir uns wieder)“. Ich hätte niemals gedacht, dass der so erfolgreich wird. Und weiter ging es zum Beispiel mit „Wieder alles im Griff“ oder „Ich bau’ dir ein Schloss“. Ich könnte immer so weitermachen. Und ich erinnere mich an jeden einzelnen dieser Momente gern.

Um im Bild zu bleiben: Gab es auch etwas, das in Ihrer Karriere nicht so „geil“ war? Worauf hätten Sie gern verzichtet?

Rückblickend kann ich sagen, dass alles, egal was ich durchlebt habe, gut war. Ich bin ein Stehaufmännchen, habe immer weitergemacht, weil ich von Natur aus ein positiv denkender Mensch bin. Deshalb sage ich immer: „Es war alles am besten.“ So heißt übrigens auch mein Buch, in dem ich alle meine Geschichten aufgeschrieben habe.

Wie werden Sie Ihren letzten TV-Auftritt in der ARD-Show „Der große Schlagerabschied“ in Erinnerung behalten? Lief alles genauso ab, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich gar keine Vorstellungen und auch keine Erwartungen. Mein Plan war es ursprünglich, weder eine Abschiedsparty noch eine Abschiedssendung zu machen, sondern einfach meine Karriere ausklingen zu lassen und dann einfach wegzubleiben. Florian Silbereisen war eigentlich der Ausschlaggebende dafür, dass ich diese Sendung gemacht habe. Er und sein Team wollten mich nicht einfach so gehen lassen und haben mir unbedingt eine eigene Abschiedsshow widmen wollen. Wie sollte ich da noch Nein sagen können? Und ich freue mich sehr, dass er diese für mich moderiert hat. Ich fand den Abend sehr, sehr schön und bin sehr dankbar, dass ich ihn erleben durfte. Es hat Spaß gemacht.

Gab es Begegnungen oder Momente hinter der Bühne, die für Sie ganz besonders waren?

In diesem Fall nicht. Offen gesagt habe ich mich nicht sehr lange Backstage aufgehalten und bin erst kurz vor der Sendung zum Studio gefahren. Auch die Proben habe ich nicht mitgemacht. Es waren einige Überraschungen dabei und die durfte ich ja nicht sehen. Nach der Show habe ich mich mit vielen tollen Kollegen und Kolleginnen unterhalten, was sehr schön war.

Nach Jahrzehnten auf der Bühne beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Dürfen sich Ihre Fans dennoch ein wenig Hoffnung machen, Sie hier und da noch einmal im TV zu sehen?

Das weiß ich nicht. Wenn sich etwas Nettes ergibt oder man mich mal irgendwohin einlädt, wer weiß. Man sollte niemals nie sagen. Aber ein richtiges Bühnencomeback wird es definitiv nicht geben.

Sie sind seit nunmehr über 30 Jahren glücklich mit Ihrer Frau Ramona verheiratet, haben Ihr den neuen Song „Bis ich nicht mehr atmen kann“ gewidmet. Wäre Ihre Karriere ohne den stetigen Rückhalt durch Ihre Frau vielleicht anders verlaufen?

Das glaube ich schon. Ramona ist mein Fels in der Brandung und auch mein Rettungsanker. Ich wäre ohne sie wahrscheinlich auf viele schlechte Menschen hereingefallen. Sie war immer diejenige, die mir geraten hat, gut zuzuhören und genau hinzuschauen und auch mal eine Nacht über manche Entscheidungen zu schlafen. Sie war meine Rettung.

Konnten Sie sich in den vergangenen Monaten schon ein wenig an Ihren neuen Alltag im „Ruhestand“ gewöhnen?

Dieser Zustand ist für mich ja nicht wirklich neu. Seit Beginn der Pandemie habe ich mich schon gefühlt, als wäre ich ausgestiegen – von jetzt auf gleich keine Auftritte mehr und nur zu Hause zu sein. Das war für mich völlig neu, aber ich habe in dieser Zeit gemerkt, wie gut mir das tut. Endlich konnte ich Dinge tun, für die ich früher nie Zeit hatte. Kein Termindruck mehr, keine Hetzerei von Termin zu Termin. Ich genieße es sehr.

Haben Sie sich rechtzeitig genügend Geld beiseite gelegt, um auch nach dem Karriereende ein finanziell abgesichertes Leben führen zu können?

Da brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Ich habe viele Jahre hart gearbeitet und nie im Luxus gelebt. Daher geht es mir gut.

Wie darf man sich einen typischen Tag in Ihrem neuen Leben vorstellen? Wie verbringt der „König von Mallorca“ seinen Ruhestand?

Erst einmal schlafe ich aus. Wenn ich dann aufgestanden bin, macht Ramona mir einen schönen Latte Macchiato. Dann wusele ich ein bisschen zu Hause herum, gehe in den Garten, lese im „Spiegel“, schaue gern Fernsehen. Manchmal begleite ich Ramona zum Pferdestall oder wir besuchen meine Schwiegereltern. Alles völlig normale Dinge und komplett entspannt.

In der engen Kult-Diskothek „Oberbayern“ auf Mallorca mussten sich die Fans aus Sicherheitsgründen hinsetzen, ehe Sie auftraten. In Ihrem Bistro in Santa Ponça fuhren Sie mit dem Cabrio vor und schmetterten Songs. Wie wichtig war Ihnen diese Fannähe immer?

Das war mir immer sehr wichtig und ist es auch heute noch. Wenn man mich nicht bremst, verbringe ich viel Zeit mit Selfies und Gesprächen. Darüber vergesse ich oft die Zeit. So war ich immer mittendrin und hatte immer den Kontakt zu den Leuten. Mich hat es auch nie gestört, wenn jemand zu mir kam, um ein Foto mit mir zu machen. Ob beim Essen oder sonst irgendwo. Das habe ich immer gern gemacht.

Werden Sie Mallorca die Treue halten – ab und zu als Urlaubsgast, wenn schon nicht mehr als Sänger?

Wir haben ja immer noch unser Haus auf Mallorca. Daher werden wir der Insel ab und an noch einen Besuch abstatten.

Sie treten auf Mallorca nicht mehr auf, Mickie Krause 2023 im Mega-Park ebenso nicht mehr. Was soll aus dem Ballermann ohne Sie beide nur werden?

Der Ballermann an sich ist ja schon einige Zeit nicht mehr das, was er mal war. Was daraus wird, wird die Zeit zeigen. Das vermag ich nicht vorauszusagen.

Sie sind nicht der einzige Künstler, der sich in diesem Jahr von der großen Bühne verabschiedet. Auch Legenden wie Vicky Leandros oder Ireen Sheer treten ab. Macht es wehmütig zu sehen, dass prägende Gesichter einer ganzen Musikgeneration sich nach und nach zurückziehen?

Das ist leider der Lauf der Zeit. Generationenwechsel finden immer und überall statt. Aber hätte ich einen ganz normalen Beruf gewählt, so wäre ich ja spätestens schon mit 67 Jahren in die Rente geschickt worden. Ich hatte die Freiheit, es mir aussuchen zu können, wann ich mich zur Ruhe setzen möchte und habe schon zehn Jahre überzogen. Das finde ich großartig.

Es heißt, die Stars der „ZDF-Hitparaden“-Zeit waren eine große Familie. War Konkurrenzdenken für Sie damals wirklich ein Fremdwort?

Ich persönlich habe Kollegen oder Kolleginnen nie als Konkurrenz gesehen. Jeder hat sein eigenes Ding gemacht. Bestimmt gab es bei dem einen oder anderen Konkurrenzdenken. Aber für mich spielte das nie eine Rolle.

Werden Sie auch im Ruhestand die deutschsprachige Musikwelt weiter beobachten oder wird man dabei eher wehmütig oder vielleicht sogar etwas traurig?

Ich verschließe mich doch nicht vor der Außenwelt, nur weil ich mich zur Ruhe setze. Ich werde mich auch weiterhin für Musik interessieren und werde daher auch weiterhin verfolgen, wie sich die Musikwelt entwickelt.

Wen oder was werden Sie besonders vermissen?

Ich denke, ich werde nicht viel vermissen. Alle Erinnerungen sind ja in meinem Kopf und in meinem Herzen. Ich habe alles erlebt, was man sich vorstellen kann.

Sie werden dieses Jahr 78 Jahre alt. Hätten Sie Ihre musikalische Laufbahn auch ohne die Erkrankung Polyneuropathie beendet?

Ja, das hätte ich. Wie bereits erwähnt, habe ich während der Pandemie gemerkt, wie gut es mir tut, zu Hause zu sein und nicht mehr durch die Gegend zu hetzen. Demnach ein ganz klares Ja.

Inwiefern beeinflusst Sie diese Nervenkrankheit in Ihrem Alltag?

Es geht mir wirklich gut. Ich habe keine Schmerzen und lediglich kleine Beeinträchtigungen, die auch das Älterwerden mit sich bringt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich fühle mich absolut nicht eingeschränkt.

Gibt es Wünsche, die Sie sich nach ihrem Rückzug von der großen Bühne in naher Zukunft noch erfüllen möchten?

Ich habe eigentlich nur den Wunsch, meine Gesundheit weiterhin auf einem guten Status zu halten und noch ganz viele Jahre mit meiner Familie verbringen zu dürfen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie den Schlager, so wie er früher war, lange gehasst haben. Warum lieben Sie den Schlager heute?

Es ist eine neue Kategorie des Schlagers hinzugekommen, der als Popschlager bezeichnet wird – und damit kann ich mich wunderbar identifizieren.

Das Interview führte Lisa-Marie Yilmaz.