Kommentar zur ImpfpriorisierungSpahn kippt Konzept zu früh und startet Hausarzt-Chaos

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)
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Man hätte ja auf eine Impfreihenfolge verzichten können. Hätte einfach zunächst die Schwerstkranken und Hochbetagten gegen das Coronavirus geimpft und danach die Losung ausgegeben: rein in die Arme. Hätte man machen können, hat man aber nicht. Stattdessen hat die Politik in einem wochenlangen Diskussionsprozess eine Impfpriorisierung ausgebrütet und feierlich in eine Verordnung gegossen.
Was anfangs noch einigermaßen funktioniert haben mag, hat sich inzwischen als Illusion entpuppt. Spätestens seit die Hausärzte im großen Stil in die Kampagne eingestiegen sind, häufen sich die Berichte von Menschen, die einen Impftermin bekommen haben, weil sie jemanden kennen, der jemanden kennt. Insofern scheint die Entscheidung naheliegend, die Reihenfolge einfach komplett zu kippen, wie es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt zum 7. Juni angekündigt hat. Und doch ist sie falsch, oder zumindest verfrüht.
Spahn richtet ein Chaos in Hausarztpraxen an
Erstens, weil Spahn damit ein nie dagewesenes Chaos in deutschen Hausarztpraxen angerichtet hat. Viele haben angesichts des Ansturms längst die Hörer danebengelegt. Zweitens mangelt es noch immer am Impfstoff, woran auch die Ankündigung des Ministers nichts ändert. Wenn plötzlich alle dürfen, aber nicht alle können, wächst dadurch vor allem der Frust.
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Und drittens stellt die verfrühte Freigabe das gesamte System der Priorisierung infrage. Wie will man einem Patienten aus Priorisierungsgruppe drei eigentlich erklären, dass er brav gewartet hat, während mancher aus Gruppe vier nun beinahe gleichzeitig mit ihm geimpft wird?
Ein System erst einzuführen und dann nicht durchzuhalten, erhöht nicht gerade die Glaubwürdigkeit der Politik. Aber das gehört zu dieser Pandemie anscheinend dazu.

