„Sind nicht vorbereitet“USA steuern auf neue Corona-Welle zu – und das Geld fehlt

In den USA sind fast alle Corona-Regeln aufgehoben, Menschen feiern so beispielsweise an St. Patrick's Day ausgelassen.
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Washington – Seit Wochen kennt die Kurve nur eine Richtung: nach unten. Gerade einmal 29.000 Neuinfektionen in den ganzen USA am Tag - das klingt im Vergleich zum Höchststand Mitte Januar, als die Fallzahl über eine Million geschossen war, beinahe lächerlich. Entsprechend haben die amerikanischen Behörden fast alle Corona-Auflagen fallen lassen.
Das Weiße Haus öffnet nach zweijähriger Pause wieder seine Türen für Besuchergruppen. Nur noch eingefleischte Linksliberale tragen beim Einkauf im Supermarkt eine Maske.
Chefberater Fauci: „Es ist verfrüht, jetzt einen Sieg zu verkünden“
Doch das Gefühl der postpandemischen Sicherheit, in dem sich viele Amerikaner gerade wiegen, könnte täuschen. „Es ist verfrüht, jetzt einen Sieg zu verkünden“, warnt Anthony Fauci, der Chefberater der Biden-Regierung: „Wir müssen für die Ausbreitung einer neuen Variante vorbereitet sein.“
Angesichts der gewaltigen Ansteckungswelle in Europa sagt er einen kräftigen Anstieg der Infektionen auch in den USA in den nächsten Wochen voraus. Der Bostoner Epidemiologe John Brownstein warnte beim Sender ABC: „Darauf sind wir nicht vorbereitet.“
In den vergangenen Tagen hat das Bild von der Rückkehr zur Normalität schon deutliche Kratzer bekommen. Erst wurde Doug Emhoff, der Ehemann von Vizepräsidentin Kamala Harris, positiv getestet. Dann musste kurzfristig ein Treffen von Präsident Joe Biden mit dem irischen Premierminister Michael Martin abgesagt werden, weil dieser an Covid erkrankt war. Kurz darauf meldete Bidens Sprecherin Jen Psaki einen positiven Test. Per Twitter tauschte sie sich mit der ebenfalls infizierten Ex-Außenministerin Hillary Clinton Film-Tipps aus.
Omikron-Variante BA.2 auf dem Vormarsch
Zwar verläuft die Mehrzahl der Infektionen vergleichsweise milde. Trotzdem sind Experten wie Brownstein besorgt. Die veröffentlichten Neuinfektionszahlen hält er für viel zu niedrig. Tatsächlich wird vielerorts in den USA nämlich gar nicht mehr getestet. Anderswo sind die Bürger auf die anfangs nicht verfügbaren Selbsttests umgestiegen, deren Ergebnisse selten gemeldet werden.
So dürfte die Abwärtskurve bei den Fallzahlen trügen. Abwasseruntersuchungen in 120 Städten und Gemeinden deuten auf eine tatsächliche Verdoppelung der Infektionen in der vergangenen Woche hin. Nach Daten der Seuchenschutzbehörde CDC gehen je nach Region zwischen 20 Prozent im Mittleren Westen und 39 Prozent in New York und New Jersey an der Ostküste auf die noch ansteckendere Omikron-Variante BA.2 zurück.
Die CDC orientiert sich bei ihren Empfehlungen jedoch an den offiziellen Infektionszahlen. Entsprechend hat sie vor einem Monat fast das ganze Land von „Rot“ auf „Grün“ gestellt und Maskengebote aufgehoben. Viele Experten bezweifeln, dass diese Entwicklung im Falle einer neuerlichen Welle zurückzudrehen wäre. Republikanische Bundesstaaten haben die Infektionsschutzauflagen ohnehin schon lange sabotiert, und zuletzt hatten auch demokratische Gouverneure angesichts der Stimmung in der Bevölkerung viele Vorschriften eigenmächtig aufgehoben.
Republikaner blockieren Corona-Paket
Noch problematischer ist, dass der Washingtoner Regierung im Kampf gegen die Pandemie gerade buchstäblich das Geld ausgeht. Präsident Biden hatte beim Kongress 22,5 Milliarden Dollar für ein neues Corona-Paket beantragt, mit denen ein Ausbau der Test-Infrastruktur, die Anschaffung von weiterem Impfstoff und die Forschung an Medikamenten subventioniert werden sollte. Das war den Republikanern aus ideologischen Gründen zu viel. Notgedrungen schrumpfte die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, das Paket aber auf 15,6 Milliarden Dollar. Doch nun stellen sich linke Demokraten quer.
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Ein Ausweg aus der gegenseitigen Blockade ist nicht in Sicht. Die Mittel werden tatsächlich knapp. So mussten am Mittwoch die bislang kostenlosen Tests und Behandlungen für mehr als 30 Millionen unversicherte Amerikaner bis auf weiteres eingestellt werden. Auch eine allgemeine zweite Booster-Impfung, die die Regierung angesichts der nachlassenden Wirkung der ersten Auffrischungsspritze für den Herbst erwägt, ist in Gefahr: Die dafür erforderlichen Vakzin-Dosen müssten dringend bald bestellt werden. Die USA, fürchtet der Epidemiologe Brownstein, seien auf dem besten Weg, "die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen“.



