Große Spannung am Sternenhimmel: Der Supernovakandidat Beteigeuze wird immer heller. Kommt schon bald der Riesenknall?
„Ein astronomisches Superereignis“Wann explodiert der Riesenstern in unserer Nachbarschaft?

In einer sternenklaren Nacht ist die Milchstraße über der nordostchinesischen Provinz Liaoning zu sehen. Beteigeuze ist ein zur Milchstraße gehörender Riesenstern.
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Er zuckt noch, aber das Ende ist nah. Beteigeuze wird sterben, nach einem Leben, das auf der kosmologischen Zeitachse lächerlich kurz erscheint. Der Stern, astronomische Definition Roter Überriese, ist ein Kleinkind am Nachthimmel, acht bis zehn Millionen Jahre alt. Geboren also, als in unserem Sonnensystem auf dem Planeten Erde schon die frühen Vorfahren des Menschen auf der Matte standen, gewärmt vom Licht einer Sonne, die zu dem Zeitpunkt bereits viereinhalb Milliarden Jahre auf dem Buckel hatte.
Mit Brennstoff im Tank, um weitere fünf Milliarden Jahre zu leuchten. Beteigeuze, das todgeweihte Riesenbaby aus dem Sternbild Orion, 700 Lichtjahre von der Erde entfernt, kann von einer solch langen Lebensdauer nur träumen: Er fährt auf Reserve, den Großteil seines Wasserstoffs hat er längst zu Helium fusioniert. Massereiche Megasterne wie Beteigeuze sind da ziemlich verschwenderisch. Bald wird seine Zeit zu Ende sein. Die Frage ist nur: Wann ist bald?
Wenn es nach den meisten der mehr als 40.000 Twitter-Nutzer geht, die dem englischsprachigen Bot Betelgeuse Status folgen, dann ist bald genau jetzt. „Komm schon, tu es“, schreiben sie, oder: „Jetzt explodier endlich!“ Und Beteigeuze gibt alles, seine Helligkeit liegt seit Wochen deutlich über dem Mittel. Der Twitter-Bot führt penibel Buch über die Fieberkurve des Sterns, der so schon der zehnthellste am Firmament ist und nun geradezu glüht. Geht es zu Ende? Kollektives Daumendrücken in der Community, man hofft auf den ganz großen Knall, auf den wohl fulminantesten Tod, den das Universum zu bieten hat. Auf eine Supernova.
„Wenn Beteigeuze zur Supernova wird, wäre das für uns Menschen das spektakulärste Himmelsereignis, das wir jemals erleben dürften“, sagt Michael Hippke. „Für einige Wochen hätten wir eine zweite Sonne am Himmel, die zwar nicht ganz so hell wäre wie unsere, aber auch nachts einen Schatten werfen würde.“ Hippke, Hobbyastronom an der Sternwarte Sonneberg im Süden Thüringens, hat besagten Twitter-Bot gebaut. 2019 war das, als sich Beteigeuze beispiellos verdunkelte, bis heute können sich die Fachleute das nicht restlos erklären, ebenso wie die jetzige Phase. War damals von einem Herzstillstand bei Beteigeuze die Rede, hat er nun so etwas wie Herzrasen.
Es blubbert in Beteigeuze wie in einem gigantischen Kochtopf
Ein Anruf in Garching bei München, Max-Planck-Institut für Astrophysik. Ein freundlicher Herr mit bayerischem Akzent malt eine fremdartige Welt an die Wand. Beteigeuze, so beschreibt es Hans-Thomas Janka, einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Theorie von Sternexplosionen und Neutronensternen, ist so etwas wie ein gigantischer Kochtopf. „Er hat eine sehr ausgedehnte Wasserstoffhülle, die knapp 1000 Sonnenradien erreicht. Wir vermuten, dass in dieser Hülle heftige Blasen brodeln. Sie wird durchgerüttelt und -geschüttelt.“
Vielleicht, sagt Janka, sei das die Ursache für die Herzrhythmusstörungen des Kolosses, für seine periodischen Lichtveränderungen in jüngerer Zeit. „Ich vermute, dass die Verdunkelungsphase 2019 das Ergebnis absinkender Ströme war. Durch die nächste aufsteigende Blase wird es dann wieder sehr viel heller. Das passiert möglicherweise jetzt gerade.“ Was das aber über die verbleibende Lebenserwartung aussagt? Nun, betont der Supernovaexperte: Erst einmal gar nichts.
„Die Sternoberfläche, die wir sehen, gibt uns keine direkte Auskunft darüber, was im Inneren vor sich geht. Wir können daher nicht vorhersagen, wann Beteigeuze als Supernova explodiert“, sagt Janka. „Das kann in einer Million Jahren sein, das kann aber auch in 1000 Jahren sein. Wir müssen das nun weiter beobachten, aber man darf diese Änderungen an der Oberfläche nicht verkaufen als Anzeichen dafür, dass der Stern unmittelbar vor seinem Tod steht.“ Der Wissenschaftler bremst also allzu große Erwartungen. Nach dem Motto: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Oder?
Man muss hier den verzerrenden Effekt des vorsichtigen Forschers herausrechnen, um der Sache näherzukommen. Und Hans-Thomas Janka, eigentlich einer, der von den Dingen sehr plastisch erzählen kann, ist an dieser Stelle aus gutem Grund vorsichtig. „Ich habe mal im japanischen Fernsehen gesagt, Beteigeuze könnte in 100 Jahren zur Supernova werden. Daraus wurde dann eine riesige Schlagzeile. Deshalb traue ich mich gar nicht mehr, das auszusprechen.“ Um es dann doch irgendwie zu tun: Ja, es könne sein, dass Beteigeuze schon explodiert ist. In der Wissenschaftssprache heißt das dann: „Es ist theoretisch denkbar.“
Man wird einen riesigen Neutrinoblitz wahrnehmen, dazu Gravitationswellen. Das konnte so im Detail bisher noch nicht gemessen werden.
Und warum sehen wir davon dann praktisch noch nichts? Weil Beteigeuze zwar Teil der Milchstraße ist, mit seinen etwa 700 Lichtjahren Entfernung quasi nur eine Hausnummer weiter wohnt. Aber 700 Jahre sind eben 700 Jahre, so lange ist sein Licht im interstellaren Raum zu uns unterwegs. Sollte er morgen vor unseren Augen explodieren, dann ist es in Wirklichkeit im europäischen Spätmittelalter passiert. Zu einer Zeit, als Kopernikus noch nicht geboren, das Fernrohr noch nicht erfunden war. Während der Reisedauer des Lichts war der Mensch in der Lage, die moderne Astronomie zu begründen, sein geozentrisches Weltbild zu versenken, irgendwann konnte er sogar hochentwickelte Teleskope in den Orbit schießen.
Sollte die Explosion also morgen sichtbar werden, würde sich der Menschheit nicht nur ein einmaliges Schauspiel bieten. Sie wäre dank ihres technischen Fortschritts auch in der Lage, den kostbaren Datenschatz zu heben, den eine Supernova in der Nachbarschaft gleich mitschickt. „Man wird einen riesigen Neutrinoblitz wahrnehmen, dazu Gravitationswellen. Das konnte so im Detail bisher noch nicht gemessen werden“, sagt Janka, der Fachmann aus Garching. „Das wäre ein astronomisches Superereignis von unschätzbarem Wert für die Wissenschaft.“
Das Universum produziert Supernovae wie Popcorn
Beim letzten Mal, als so ein Riesending in oder nahe der Milchstraße hochging, das Milliardenfache seiner Leuchtkraft ausstieß, war man noch nicht ganz so weit. 1987 konnte eine Supernova in der Großen Magellanschen Wolke beobachtet werden, 160.000 Lichtjahre entfernt. Für das Vorgängerereignis muss man schon bis ins 17. Jahrhundert zurück zu Cassiopeia A, immer noch 11.000 Lichtjahre entfernt. „Wir warten sehnsüchtig auf die nächste galaktische Kernkollapssupernova“, sagt Janka, eigentlich solle so etwas zweimal pro Jahrhundert geschehen. „Das Ereignis“, sagt er, „hat sich ein bisschen rargemacht.“
Was gleichwohl nur für unseren abgelegenen Winkel in den ewigen Weiten gilt, denn das Universum jenseits der Milchstraße produziert Supernovae wie Popcorn. „Während wir miteinander reden, explodieren jede Sekunde bis zu zehn Sterne im Universum“, sagt Hans-Thomas Janka. Es kracht und blitzt in jeder Ecke, teilweise fangen die Hightechaugen der Forschung Supernovasignale aus Galaxien ein, die Milliarden von Lichtjahren entfernt sind.
Eine einzige kosmische Knallfolie scheint das da draußen zu sein. Platzt nun auch bei uns endlich wieder ein Bläschen? Noch gibt es es Restzweifel, ob es den ganz großen Knall gibt mit dem Kollaps zum Neutronenstern, einer extrem dichten Kugel, die als Leichnam an die Stelle des Roten Überriesen tritt. Oder ob Beteigeuze nicht doch zum Schwarzen Loch wird, seine Wasserstoffhülle mit 1000 Kilometern pro Sekunde in den Äther pustet, was gewiss immer noch spektakulär wäre, nur eben deutlich lichtschwächer. „Ich will nicht mein Haus darauf verwetten“, sagt Janka. „Es ist auch unbekannte Physik im Spiel, von der wir nichts wissen.“
Unter 300 Lichtjahren Entfernung wäre die Ozonschicht der Erde in Gefahr
Für den Moment gilt Beteigeuze mit seinen ungefähr 20 Sonnenmassen aber weiter als Kandidat für die klassische Supernova. Also für die große Pyroshow, die gleichzeitig die größtmögliche Show ohne ernsthafte Gefahr für die Erde ist. „Unterhalb von 300 Lichtjahren Entfernung“, sagt Janka, „müssten wir ernste Schäden für die Ozonschicht befürchten. Beteigeuze befindet sich in einer Distanz, wo wir gerade so sicher sind.“ Die Auslöschung der Menschheit durch eine galaktische Katastrophe droht erst einmal nicht.
Und so warten sie weiter ab, im Institut in Garching, an der Sternwarte Sonneberg in Thüringen, bei Twitter. Worauf sie warten, ist dabei nicht jedem wirklich klar, aber vielleicht geht es darum auch gar nicht. „Ich gucke mir diese regelmäßigen Helligkeits-Updates an, ohne wirklich zu wissen, was sie bedeuten“, schreibt ein Nutzer unter einen Beitrag von Hippkes Beteigeuze-Bot. „Ich sollte wahrscheinlich googeln, aber ich genieße das seltsame Gefühl, keine Ahnung zu haben, was ich hier sehe. Mach weiter so!“
Von Marco Nehmer (RND)



