Nach dem neuen Pisa-Schock warnen Lehrer im Rheinland vor fehlenden Basiskompetenzen – und das Handwerk spürt die Folgen.
Pisa-Studie„Manche Schüler sagen mir, dass sie zwischen acht und 16 Stunden am Tag online sind“

Die Pisa-Ergebnisse zeigen sinkende Leistungen, die auch mit der Smartphone- und Social-Media-Nutzung in Verbindung gebracht werden.
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Das Jubiläum der bekanntesten Bildungsstudie beschert Deutschland einen zweiten Pisa‑Schock. Vor 25 Jahren präsentierte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre ersten Testergebnisse und zeigte: Im internationalen Vergleich schnitt das stolze deutsche Schulsystem ziemlich mittelmäßig ab. Weltweit werden seitdem alle drei Jahre Hunderttausende Schüler im Alter von 15 Jahren auf ihre Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft getestet.
Nach dem Schock ging es einige Jahre nach oben, doch zuletzt war die Tendenz wieder stark fallend. Das Ergebnis aus den im letzten Jahr durchgeführten Tests wurde am Dienstag vorgestellt und ist so schlecht wie nie. Einem Drittel der Schülerinnen und Schüler fehlen Basiskompetenzen in Lesen und Mathematik, bei den Naturwissenschaften war es ein Viertel. Selbst im ersten Pisa-Jahr 2001 schnitten deutsche Schülerinnen und Schüler besser ab als jetzt.
Fragt man unter Lehrkräften im Rheinland nach den Ursachen, liefern sie gleich mehrere Gründe: Die Folgen der Corona-Pandemie seien in den Schulen noch immer spürbar, auch die Umsetzung der Inklusion sei vielerorts noch prekär, es fehle weiterhin an Lehrern und intakten Schulgebäuden. „Unser Schulsystem ist sehr inhaltsbasiert und wenig praxisorientiert“, fügt Daniel Pohl hinzu, Realschullehrer im Bezirk Köln, der eigentlich anders heißt. Pisa teste jedoch kein Auswendiglernen, sondern die Anwendung von Wissen. Was die Fächer und den Stoff angeht, sei Deutschland zudem sehr breit aufgestellt: Die Lehrpläne sind voll. „Das System steht unter Druck, auch weil immer neue Themen in die Verantwortungen von Schulen eingespeist werden.“
„Die aktuellen Pisa-Ergebnisse müssen aufrütteln“
Die Sozialen Medien wirken zunehmend in den Schulalltag hinein. „Die Schülerinnen und Schüler konsumieren Social Media sehr passiv. Sie gestalten nur selten kreativ eigene Posts“, sagt Pohl. „Manche Schüler sagen mir, dass sie zwischen acht und 16 Stunden am Tag online sind, gerade in den Ferien. Wenn ich frage: ‚Was macht ihr denn da?‘, sagen sie: ‚Wir gucken Videos.‘ Dann können sie sich zwar super schminken oder sind in ihrem Spiel sehr weit, aber sie entwickeln keine Kompetenzen, die ihnen in der Schule helfen.“ Fragt er seine Schüler nach ihren Berufszielen, würden einige von einer Zukunft als Influencerin oder Profi-Gamer träumen.
Die Bildungsgewerkschaften fordern nun Konsequenzen. „Die aktuellen PISA-Ergebnisse müssen aufrütteln“, schreibt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW. „Die politischen Einzelmaßnahmen, die Schule verändern und die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler steigern sollen, greifen aktuell nicht.“ Die Gewerkschaft Bildung und Erziehung (GEW) in NRW spricht von einem „deutlichen Warnsignal“. Besonders alarmierend sei der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Denn: Die Bildungsschere zwischen gut und weniger gut situierten Familien ist heute größer denn je.
Viele Kinder haben einen niedrigen Abschluss, weil sie nicht bestmöglich gefördert wurden
Darauf verweist auch Thomas Lehmann, Leiter einer Hauptschule im Rheinland, der ebenfalls anders heißt. Bildungsbenachteiligungen lassen sich nicht allein durch Schulpolitik ausgleichen, sagt Lehmann. Die Sozialpolitik gehöre ebenfalls dazu. „Wir könnten wesentlich mehr aus den Kindern herausholen. Viele Kinder haben einen niedrigen Abschluss, weil sie nicht bestmöglich gefördert wurden.“ In seiner Hauptschule besucht ein Jugendlicher die zehnte Klasse, „der unter normalen Umständen auf dem Gymnasium wäre“. Angesichts seiner Lebensumstände sei Lehmann jedoch froh, wenn er die Schule mit einem Realschulabschluss verlasse. „Der Schüler gehört gar nicht auf unsere Hauptschule. Gesellschaftlich finde ich das verhängnisvoll.“ Lehmann vergleicht das Bildungssystem mit einem Gruppenausflug, auf dem drei Teilnehmer zurückfallen. „Wir nehmen diese drei Kinder aber nicht wieder mit. Die Gruppe behält ihr Tempo bei, immer mehr Kinder fallen zurück und der Abstand wird immer größer.“
Handwerk: Suche nach geeigneten Auszubildenden ist herausfordernder geworden
Was schlechte Schulbildung in den Betrieben für Folgen hat, weiß Thomas Radermacher. Der Präsident der Handwerkskammer zu Köln will der jungen Generation aber nicht pauschal die Motivation oder die Leistungsfähigkeit absprechen: „In unsere Betriebe kommen viele gut ausgebildete Schülerinnen und Schüler“, sagt er. „Aber natürlich erleben wir auch viele Bewerberinnen und Bewerber mit besorgniserregenden schulischen und sprachlichen Defiziten.“ Die Ergebnisse der PISA-Studie seien kein Problem der Schule allein, sondern eine Warnung für den gesamten Bildungsstandort. „Lesen, Rechnen, Verstehen und das Lösen von Problemen sind keine abstrakten Schulfächer, sondern Basiskompetenzen für die Ausbildung“, sagt Radermacher. Wer die Schule ohne diese Fähigkeiten verlasse, starte mit erheblichem Unterstützungsbedarf in die Arbeitswelt.
Für das Handwerk bedeutet das ganz konkret: „Die Suche nach geeigneten Auszubildenden ist herausfordernder geworden.“ Und auch jene, die zunächst einen Ausbildungsplatz ergattern, haben es schwerer. Die Auflösungsquote der Ausbildungsverhältnisse im Bezirk der HWK Köln ist in den vergangenen 15 Jahren deutlich gestiegen. Das muss nicht immer heißen, dass die Azubis vor den Anforderungen kapituliert haben. Häufig wechseln die Berufsanfänger noch einmal in eine andere Ausbildung. Sie tun sich aber in jedem Fall schwerer darin, ihren Weg zu finden, als die Generation vor ihnen.
Thomas Radermacher will dem Nachwuchs dennoch Mut machen. „Das Gute im Handwerk ist: Schlechte Noten in Mathe oder Deutsch bedeuten nicht, dass jemand kein handwerkliches Geschick besitzt“, sagt er. Wer beispielsweise bei einem Praktikum Begabung, Motivation und Zuverlässigkeit zeige, könne damit einiges wettmachen. „Betriebe bieten Jugendlichen etwas, das Schule allein nicht immer leisten kann: Lernen in einem konkreten, sinnvollen Zusammenhang“, weiß der Tischlermeister. „Mathematik wird plötzlich zu Materialberechnung, Lesen wird zum Verstehen eines Auftrags“, zählt Radermacher auf. „Eine Ausbildung verbindet theoretisches Wissen mit praktischer Anwendung und schafft damit genau die Lerngelegenheiten, die viele junge Menschen brauchen. Insofern ist die duale Ausbildung ein Teil der Lösung des Bildungsproblems und muss gestärkt werden“, ist er überzeugt.
Bei den Pisa-Studien, sagt Daniel Pohl, sei Deutschland zumindest ein ehrlicher Verlierer. „Man kann theoretisch Schüler mithilfe alter PISA-Aufgaben auf die Studie vorbereiten“, sagt der Realschullehrer. Aus den deutschen Ergebnissen könne man nun Erkenntnisse ziehen. Sowohl mit den Vergleichsstudien als auch mit der Fokussierung auf die Kernfächer in den Grundschulen habe man richtige Wege eingeschlagen. „Wir müssen jetzt nicht nur schimpfen, sondern produktiv und konstruktiv daran arbeiten, dass die Ergebnisse besser werden.“
