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Interview

Marvin Schwäbe
„Manchmal wünsche ich mir in Köln mehr Geduld“

7 min
1. FC Köln, Trainingslager La Nucia, Tag 2, 03.01.2026, Bild: GEISSBLOG / Marc L. Merten

Bei der Arbeit: Marvin Schwäbe, Torwart und Kapitän des 1. FC Köln, auf dem Trainingsplatz in La Nucia, Costa Blanca

Marvin Schwäbe, Torwart und Kapitän des 1. FC Köln, spricht über ein bewegtes Jahr, Ziele, Kritik, seine Karriere und Trainer Lukas Kwasniok.

Marvin Schwäbe ist seit Ende 2021 Stammtorwart des 1. FC Köln und seit Sommer auch sein Kapitän. Der 30-Jährige spricht im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ über ein bewegendes Jahr, Ziele, Kritik und Coach Lukas Kwasniok.

Herr Schwäbe, Sie sind gerade erst aus dem Spielbetrieb raus, doch der zweite Teil der Bundesliga-Saison steht schon wieder bevor. Kann man in so einer kurzen Pause überhaupt abschalten – oder muss man es sogar?

Marvin Schwäbe: Erstmal versuche ich immer, meine Gedanken zu sortieren. Du hast immer einen Rückblick und einen Ausblick im Kopf, das lässt sich gar nicht vermeiden. Du gehst Szenen durch, überlegst, was besser laufen kann. Aber wenn du das permanent machst, wirst du irgendwann mürbe. Jetzt geht es wieder Schlag auf Schlag, die nächste längere Pause kommt erst im März. Deshalb ist es extrem wichtig, diese kurzen Phasen bewusst zu nutzen, um die Gedanken ein Stück weit zu sortieren.

Wie schaffen Sie diesen Abstand konkret?

Ganz klar über die Familie, mit der ich über die Feiertage in Dubai war. Wenn man 24/7 mit der Familie zusammen ist, mit den Kindern unterwegs ist, dann bist du automatisch im Moment. Man merkt, wie die Bindung jeden Tag stärker wird. Ich gehe da total drin auf. In diesen Momenten kann ich am besten vom Fußballbusiness abschalten.

2025 war für den FC ein Jahr voller Extreme: Zweite Liga, Aufstieg, Meisterschaft – und dann direkt Bundesliga-Alltag. Wie fällt Ihr Rückblick aus?

Aufs und Abs gehören im Fußball einfach dazu. Das wird sich auch nie ändern. Wir sind keine Mannschaft, die in eine Bundesliga-Saison geht und sagt: Wir gewinnen hier jetzt 20 Spiele. Aber wir haben grundsätzlich unseren Weg gefunden. Wir sind verdient wieder in die Bundesliga aufgestiegen. Die Meisterschaft war Emotion pur – für uns als Mannschaft, aber auch für den Klub, die Stadt und die Fans. Das war ein Erlebnis, das unglaublich viel ausgelöst hat.

Haben die Meisterschaft und vor allem der starke Start in die Bundesliga-Saison vielleicht auch Erwartungen geweckt, die schwer zu erfüllen sind?

Natürlich. Euphorie ist etwas Positives, sie trägt dich. Aber sie kann auch schnell kippen. Deshalb ist es wichtig, realistisch zu bleiben. Man darf nicht vergessen, dass wir Aufsteiger sind – und dass wir im Sommer einen riesigen personellen Umbruch hatten.

Zuletzt gab es allerdings einen Abfall und nur zwei Punkte aus sechs Spielen. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

In der Bundesliga wirst du für kleine Fehler sofort bestraft. Am Anfang war vieles neu – für uns, aber auch für die Gegner. Nach ein paar Spielen wissen die Gegner natürlich besser, wie wir spielen wollen. Dazu kommt, dass wir gegen viele große Mannschaften gute Leistungen gezeigt haben, aber nicht immer Punkte mitgenommen haben. Und dann hast du Spiele, in denen es in die eine oder andere Richtung kippen kann.

Hätte man trotzdem mehr Punkte holen müssen?

Ja und nein. Genauso gut hätten wir auch weniger Punkte haben können. Deshalb finde ich es wichtig, die Dinge richtig einzuordnen und nicht alles nur schwarz oder weiß zu sehen. Wir stehen da, wo wir stehen – und das nicht zu Unrecht.

Sie sind seit fünf Monaten Kapitän des 1. FC Köln. Wie fällt Ihr persönliches Zwischenfazit aus?

Man wächst mit der Aufgabe. Ich habe mir über die letzten Jahre ein Standing erarbeitet – in der Mannschaft und im Klub. Das hat sicher dazu geführt, dass ich jetzt die Binde trage. Das erfüllt mich mit Ehre und Stolz, bringt aber auch mehr Verantwortung mit sich.

Was hat sich konkret verändert?

Du hast mehr Gespräche, mehr Abstimmungen, mehr Themen, mit denen du dich beschäftigst. Du achtest stärker darauf, dass es innerhalb der Mannschaft strukturiert läuft. Gleichzeitig habe ich mich aber nicht komplett neu erfunden. Ich bin immer noch der gleiche Typ wie vorher.

Sie gelten nicht als Lautsprecher. Ist das im Profifußball manchmal ein Nachteil?

Nein. Führung funktioniert nicht über Lautstärke. Ich bin kein Typ, der alle fünf Minuten rumschreit – das wäre auch nicht authentisch. Wenn ich oder ein Spieler wie Ron-Robert Zieler etwas sagen, dann hören die Jungs zu. Genau deshalb, weil es nicht ständig passiert. Dauerlärm würde schnell verpuffen.

Marvin Schwäbe während des Interviews im Barcelo La Nucia Hills

Hierarchie oder eine vermeintlich fehlende Hierarchie in der Mannschaft war beim FC lange ein Thema. Wie sehen Sie das aktuell?

Hierarchie entwickelt sich. Man kann sie nicht erzwingen. Wenn jemand keine Autorität hat, merkt man das sehr schnell. In unserer Struktur funktioniert das aber gut. Jeder weiß, wo er steht, die Kommunikation funktioniert sehr gut.

Der Umbruch im Sommer war in der Tat mit über 25 Transferbewegungen auf Zu- und Abgabenseite sehr groß. Wie schwierig war das zu bewerkstelligen?

So ein Umbruch kann auch ganz anders laufen. Mit über einem Dutzend Zu- und Abgängen ist das immer eine große Herausforderung. Dass es bei uns so gut funktioniert hat, lag daran, dass wir eine stabile Basis und einen gefestigten Mannschaftsstamm hatten und dass die Neuen charakterlich sehr gut gepasst haben. Das ist im Profifußball keine Selbstverständlichkeit.

Hat Sie der starke Saisonstart deshalb sogar überrascht?

Überrascht nicht. Wir haben relativ schnell gemerkt, wo unsere Stärken liegen und wie wir Gegner vor Probleme stellen können. Natürlich war es ein tolles Gefühl, direkt solche Spiele zu gewinnen. Aber genauso klar war: Das wird nicht die ganze Saison so weitergehen. 

Trainer Lukas Kwasniok steht für eine klare Handschrift. Wie würden Sie seine Arbeit beschreiben?

Man sieht seine Handschrift sehr deutlich. Und er bringt extrem viel Know-how mit. Er hat einen klaren Matchplan und gibt uns viel an die Hand. Wenn wir das auf dem Platz umsetzen, bekommen wir unsere Chancen – auch gegen größere Gegner.

Sein Umgangston gilt als sehr direkt.

Ja, und damit komme ich gut klar. Dann weiß man, woran man ist. Nach zwölf, dreizehn Jahren Profifußball bringt mich das nicht aus der Ruhe – das wäre ja auch fatal. Im Gegenteil: Es hilft, weil Klarheit und Direktheit da ist.

Hat sich sein Ton oder seine Art des Umgangs verändert, als die Ergebnisse schlechter wurden?

Nicht grundsätzlich. Natürlich wird dann detaillierter gearbeitet, mehr analysiert, mehr angesprochen. Siege überdecken Dinge, Niederlagen legen sie offen. Man merkt aber schon, dass es auf dem Trainingsplatz jetzt etwas ruppiger zugeht, weil jeder noch mehr um seinen Platz kämpft und kämpfen muss.

Man kann uns vieles vorwerfen – aber sicher nicht fehlenden Willen oder eine fehlende Einstellung. Ich wünsche mir manchmal mehr Einordnung, mehr Geduld und mehr Blick auf das große Ganze
Marvin Schwäbe

Nach dem Union-Spiel wurde Ihrer Mannschaft fehlender Wille vorgeworfen. Sie haben sehr deutlich reagiert. Warum?

In der Tat hat mich das richtig genervt. Denn ich kann meiner Mannschaft nicht absprechen, dass sie alles gibt. Das hat man auf dem Platz gesehen. Man kann uns vieles vorwerfen – aber sicher nicht fehlenden Willen oder eine fehlende Einstellung.

War das auch ein bewusster Moment in Ihrer Rolle als Kapitän?

Ja, natürlich. Da stelle ich mich klar vor die Mannschaft. Das ist meine Aufgabe – auch wenn das in der Form vielleicht einige überrascht haben könnte.

Wie erleben Sie als erfahrener Spieler generell das Anspruchsdenken in Köln?

Euphorie gehört dazu. Wenn du vier, fünf Spiele gewinnst, geht der Blick automatisch nach oben – auch meiner. Aber genauso schnell wird oft zu schnell alles schlechtgeredet, wenn du verlierst. Konstruktive Kritik darf und soll sogar geäußert werden, wir als Mannschaft sehen auch nicht alles rosa-rot. Doch ich wünsche mir manchmal mehr Einordnung, mehr Geduld und mehr Blick auf das große Ganze.

Sie haben auch Pfiffe zur Halbzeit kritisiert. Warum?

Weil sie niemandem helfen, wenn wir noch voll im Spiel sind. Wenn wir über Wochen schlechten Fußball spielen, dann sind Pfiffe gerechtfertigt. Aber nicht zur Halbzeit, wenn wir nicht in Führung liegen, aber das Spiel noch zu unseren Gunsten entscheiden können.

Wie richtungsweisend wird jetzt der Start in den zweiten Teil der Saison mit den kommenden Spielen in Heidenheim, gegen Bayern und gegen Mainz?

Sehr wichtig. Gerade nach einer Phase, in der die Ergebnisse nicht so waren, wie wir sie uns vorgestellt haben, brauchst du Spiele, in denen du wieder in einen guten Rhythmus kommst. Für uns geht es jetzt erstmal darum, das Trainingslager gut zu nutzen, körperlich und mental frisch zu werden und die Inhalte sauber auf den Platz zu bringen.

Ich kann mir gut vorstellen, auch lange beim FC zu bleiben, vielleicht sogar meine Karriere hier zu beenden. Ich fühle mich hier sehr wohl beim FC und in meiner Rolle. Sportlich und menschlich spüre ich VertrauenRolle
Marvin Schwäbe

Kommen wir zu Ihrer Zukunft: Ihr Vertrag läuft bis 2027. Können Sie sich eine Verlängerung vorstellen?

Das kann ich mir gut vorstellen, auch lange beim FC zu bleiben, vielleicht sogar meine Karriere hier zu beenden. Ich fühle mich hier sehr wohl beim FC und in meiner Rolle. Sportlich und menschlich spüre ich das Vertrauen, was für mich sehr wichtig ist. Gleichzeitig bin ich nach wie vor sehr ambitioniert, was meine sportlichen Ziele betrifft – die Perspektive muss für mich auch stimmen.

Gab es bereits konkrete Gespräche?

Nein, noch nicht. Für mich steht an erster Stelle, gute Leistungen zu bringen und dann werden wir sehen.

Es gab in der Vergangenheit bei Ihnen immer mal wieder das Stichwort Major League Soccer. War das für Sie tatsächlich einmal ein Traum – und ist das heute noch ein Thema?

Was heißt Traum? Natürlich macht man sich im Laufe einer Karriere Gedanken darüber, wie es weitergehen kann. Ich war im Ausland (bei Bröndby in Dänemark, d. Red.) und muss das nicht zwingend noch mal haben. Es wird oft unterschätzt, wie schwierig so ein Schritt ist.

Inwiefern?

Es ist nicht nur Fußball. Es geht um Sprache, Kultur, Alltag, Familie. Wenn man jung ist, denkt man vielleicht anders darüber. Aber mit Familie, mit Verantwortung, mit dem, was man sich aufgebaut hat, schaut man anders auf solche Entscheidungen. Viele glauben, man geht einfach in ein anderes Land und spielt dort Fußball. Aber so einfach ist es nicht, selbst wenn es nur ein europäisches Land ist. In die USA zu gehen, wäre nochmal etwas ganz anderes. Aktuell ist das kein Thema, mit dem ich mich beschäftige.