Köln – Der 8. September 1972 war ein wunderschöner Freitag, und ich saß mit meinem Vater um fünf Uhr morgens im Bus in Richtung München. Auf wenig hatte ich mich in meinem elfjährigen Leben so gefreut wie auf diesen Tag, denn Sport war von allen Ablenkungen schon damals die spannendste. Teil der Olympischen Spiele zu werden, die ich nur aus Büchern und Berichten kannte, wirklich und leibhaftig vor Ort, war eine fantastische Sache.
Ich habe heute gar keine rechte Vorstellung mehr davon, wie wir Menschen damals in den Besitz aller Fakten und Nachrichten kamen, die heute mit einem Klick aufwandslos im Internet erscheinen. Die Zeitung hat eine große Rolle gespielt, das Radio auch, das gerade farbig gewordene Fernsehen sowieso. Und den Rest hat man sich erzählt. Ich wusste jedenfalls alles. Diese Fakten fielen nicht nur irgendwie in ein jugendliches Bewusstsein, sie wurden auf ewig da eingebrannt. Namen, Daten, Töne, Bilder.
Die Traumsequenz des Läufers Günter Zahn, 18 Jahre, schlank und blond, wie er am Nachmittag des 26. August mit der Fackel in der Hand die schier endlose Treppe hinauf federt und im Stadion das Olympische Feuer entzündet. Ragnar Skanaker, kaum ein Mensch kennt ihn heute mehr, mich begleitet er bis ans Ende der Tage, denn er war der erste Goldmedaillengewinner dieser Spiele. Ein schwedischer Kampfpilot und Pistolenschütze.
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Die Melodie von „If you could read my mind“, eine traurig-schöne Ballade des kanadischen Folk-Sängers Gordon Lightfoot, mit der im Fernsehen jeden Abend die Bilder des Tages unterlegt wurden. Unsere Helden mit dem roten Brustring, die uns olympisches Gold bescherten. Und die Anti-Helden in den blauen Hemden, die es uns im Auftrag der DDR noch viel häufiger wegnahmen. Auf ewig eingebrannt.
„Lass sie weitergehen, bitte lass sie weitergehen”
Am 5. September 1972 ereignete sich der Anschlag. Zu groß, zu tragisch, zu blutig für das Bewusstsein eines Elfjährigen, der sich so gefreut hatte auf diese Spiele. „Lass sie weitergehen, bitte lass sie weitergehen“, hat er sich gewünscht. Und als der IOC-Präsident Avery Brundage die Worte sprach: „The games must go on“, wollte er nur noch hin.
Als der Bus in München auf seinen Parkplatz rollte, sprangen uns schon Menschen entgegen mit schönen bunten Eintrittskarten für alle möglichen Sportarten, die ich alle sehen wollte. Wir hatten zwei schöne Tickets für die Leichtathletik am Nachmittag. Mein Vater erklärte mir, dass ich nicht alles sehen konnte, weil es viel zu teuer war. Ich war empört, wie man bei etwas so Wichtigem an Geld denken konnte. Da kaufte er für 50 Mark noch zwei Tickets für das Abendspiel der deutschen Olympia-Auswahl gegen die Fußballer der DDR. Staatsamateure, sagte mein Vater. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete.
Man spricht heute davon, dass die Olympischen Spiele nach dem Anschlag nicht mehr dieselben waren. Nicht mehr das fröhliche, bunte, heitere, naive, völkerverbindende Fest, mit dem die Bundesrepublik Deutschland nach der 1968 endgültig vollzogenen olympischen Trennung von der DDR die Weltbühne des Sports betrat.
In meiner Erinnerung ist der 8. September 1972 ein Tag voller pulsierender Energie und fröhlicher Menschen, die auf dem unwirklich schönen Olympiagelände eine schöne Zeit hatten. Und ich saß ungläubig in diesem wunderbaren Olympiastadion mit seinen geschwungenen Linien und dem futuristischen Dach und erfuhr zum ersten Mal in meinem Leben, wie es ist, wenn man glaubt, ein großes Glück kaum fassen zu können.
Es war der zweite Tag des Zehnkampfes, der im Zeichen des Sowjethelden Mykola Awilow stand, der mit 8454 Punkten einen sagenhaften Weltrekord aufstellte. Damals blieben die muskelbepackten Multisportler nach dem 1500-Meter-Lauf im Ziel noch minutenlang halb bewusstlos liegen und mussten auf ihrem Weg aus dem Innenraum von Helfern gestützt werden. Dramatische Bilder, fest ins Bewusstsein eingebrannt.
Über 110 Meter Hürden gewann Annelie Erhardt aus Ohrsleben in Sachsen-Anhalt die Goldmedaille. Weil sie das blaue Trikot der Anderen trug, war die Freude gemäßigt. So war das bundesdeutsche Empfinden damals, und es sollte im Laufe der Jahre bis 1990 noch stärker werden. Zwei Stunden später saßen wir auf der gegenüberliegenden Seite des mit 80 000 Zuschauern prall gefüllten Olympiastadions und schauten uns das Fußballspiel an.
Die Staatsamateure waren besser
Jetzt verstand ich auch, was Staatsamateure waren. Unsere besten Fußballer durften nicht mitmachen, weil sie Profis waren. Die besten Fußballer der DDR durften mitmachen, weil sie im sozialistischen System offiziell Amateure waren. In Wirklichkeit fehlte es ihnen aber an nichts und sie lebten nur für Fußball. In ihrer Mannschaft standen Könner wie Weise, Kreische, Sparwasser, Streich und Vogel. Im Wesentlichen war es dieselbe Mannschaft, die den späteren Weltmeister Deutschland 1974 mit ihrem 1:0-Sieg zur Besinnung brachte. Für die BRD trafen am 8. September 1972 die Jung-Stars Hoeneß und Hitzfeld. Vogel erzielte kurz vor Schluss das 3:2 und wir waren ausgeschieden.
Das olympische Glück des Elfjährigen wurde durch diesen Vorfall jedoch nicht getrübt. Die Energie, Aufregung, Freude dieses Tages waren noch in ihm, als er weit nach Mitternacht wieder im Bus saß. Es war der aufregendste Tag seines Lebens. Und er schwor sich: Irgendwann würde er auch an Olympischen Spielen teilnehmen. Sein Talent als Leichtathlet trug ihn allerdings nur zu mehreren Regionalmeisterschaften in Staffelwettbewerben, wo das Talent der anderen noch schwerer wog als seines. Der olympische Traum ging dennoch in Erfüllung. Beruflich. Aber das ist eine andere Geschichte.



