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Kommentar

Englands geplatzter Titel-Traum
Thomas Tuchel ist nicht der Alleinschuldige

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3 min
15 July 2026 - England v Argentina - Atlanta Stadium- Semi Final - 2026 World Cup - USA. 15 July 2026 - England v Argentina - Atlanta Stadium- Semi Final - 2026 World Cup - USA. England Manager Thomas Tuchel dejected after defeat to Argentina. Picture : Mark Pain ATLANTA USA PUBLICATIONxNOTxINxUK Copyright: xMarkxPainx

Thomas Tuchel leidet, England leidet noch mehr: der deutsche Trainer nach dem dramatischen Aus im WM-Halbfinale gegen Argentinien (1:2).

Die Kritik am deutschen Trainer Thomas Tuchel ist vernichtend. An ihr ist im Halbfinale auch einiges dran, doch sie geht zu weit und greift zu kurz.

Die Kritik der Medien, Experten und Fans nach dem spektakulären Halbfinal-Aus gegen Argentinien an Englands Trainer Thomas Tuchel war so gnadenlos und vernichtend wie erwartbar. Und sie fiel unisono aus: Die späte Niederlage nach eigener Führung geht auf das Konto des deutschen Trainers.

An dieser Kritik ist einiges dran. Tuchel verzockte sich mit seiner Taktik. Er sendete mit seinen defensiven Wechseln das falsche Signal. Es war ein fataler Irrglaube zu denken, man könne sich nach der Führung durch Gordon in der 55. Minute nur noch hinten reinstellen und sein eigenes Tor verbarrikadieren. Bereits der Turnierverlauf hätte Tuchel und seiner Mannschaft zeigen sollen, dass das gegen die Mentalitätsmaschine aus Argentinien nicht klappen würde, die mit ihren frenetischen Fans eine sagenhafte Einheit bildet.

Eine Niederlage, die sagenhaft schmerzt und nachhallen wird

Die Niederlage wird an Tuchel haften bleiben und den schier besessenen, perfektionistischen Trainer selbst am meisten ärgern. Oder wie der „Telegraph“ schreibt: „Die Vorwürfe werden noch Jahre anhalten.“ Das dramatische Aus schmerzt Fußball-England und wird nachhallen. So nah dran wähnte sich das Mutterland des Fußballs am ersten WM-Titel seit 60 Jahren. Möglicherweise wurde eine historische Chance nicht genutzt. Das schier ewige Warten, das Leiden der Three Lions geht also weiter.

Man muss den eigenwilligen, kauzigen Typen Tuchel nicht mögen. Doch ihn als Alleinschuldigen auszumachen und derart unter die Gürtellinie zu gehen, geht zu weit. Tuchel wird seinen Spielern nicht gesagt haben, dass sie sich nur noch hinten reinstellen sollen. Der Coach stellte auf Fünferabwehrkette um, was aber nicht heißt, dass man automatisch passiv sein muss. Zur Wahrheit gehört, dass Englands Schlüsselspieler wie Harry Kane und Jude Bellingham in diesem entscheidenden Spiel nicht mehr an ihre zuvor glänzenden Leistungen anknüpfen konnten. Viele Spieler wirkten platt und Argentiniens erdrückender Wucht physisch ausgeliefert.

Englische Trainer haben seit Jahrzehnten nichts mehr gerissen

Schon wurden die ersten Rufe nach Tuchels Entlassung laut. Eben jenes Trainers, der nach dem Sieg in Mexiko und gegen Norwegen auch für seine ehrlichen Worte noch gefeiert worden war und deutlich attraktiveren Fußball spielen ließ als sein Vorgänger Gareth Southgate bei der EM 2024, als sich England mit unansehnlichem Fußball ins Finale gemogelt hatte.

Ex-Nationalspieler Joe Cole sagte, dass er sich ohnehin nie mit einem deutschen Trainer für England wohlgefühlt habe. Cole mag einen Einheimischen bevorzugen, doch die Bilanz spricht eine andere Sprache. Seit dem WM-Titel 1966 versuchten es 17 englische Trainer, keiner brachte einen Titel auf die Insel. Und seit Einführung der Premier League 1992 hat noch nie ein englischer Coach die Meisterschaft geholt. Der letzte, der einen europäischen Pokal gewann, war 1997 Sir Bobby Robson – mit dem FC Barcelona den mittlerweile abgeschafften Europapokal der Pokalsieger. Ausländische Trainer prägten die Premier League: Mikel Arteta machte Arsenal jüngst zum Meister, Pep Guardiola dominierte mit Manchester City, wobei der Katalane, so heißt es, eine mindestens einjährige Pause einlegen will. Vielleicht wäre England gar nicht so schlecht beraten, Tuchel noch die Chance auf die Heim-EM 2028 zu geben.