Bayer 04 bringt den FC Arsenal im Achtelfinal-Hinspiel an den Rand einer Niederlage – dann schlägt ausgerechnet Kai Havertz zu.
Champions LeagueBayer 04 ärgert sich über Elfmeter – aber Rolfes sagt: „Der Druck liegt bei Arsenal"

Arsenals Kai Havertz verzichtet nach seinem verwandelten Elfmeter auf einen ausgiebigen Jubel in Leverkusen.
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Die Miene von Simon Rolfes durchlief am späten Mittwochabend alle Facetten. Zunächst zeigte sich der Sportgeschäftsführer von Bayer 04 verärgert, da seine Mannschaft um den verdienten Lohn gebracht worden sei. „Natürlich habe ich mich aufgeregt“, sagte Rolfes zur Szene in der 89. Minute. „Früher haben wir immer gesagt: Das reicht nicht für einen Elfmeter – eine Berührung reicht nicht einfach. Heute schauen wir nur noch, ob es überhaupt eine Berührung gab. Für mich glasklar: kein Elfmeter. Der Schiedsrichter sollte schon etwas gesehen haben – und da habe ich Zweifel, dass das so war.“
Leverkusen hatte den Favoriten FC Arsenal im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League an den Rand einer Niederlage gebracht. Der 1:1-Ausgleich durch einen fragwürdigen Elfmeterpfiff kurz vor Schluss trübte die Stimmung – trotz eines unerwartet starken Auftritts. „Irgendwie ist es ein bisschen enttäuschend, muss ich sagen – weil man gemerkt hat, dass heute mehr drin war“, sagte dann auch Kapitän Robert Andrich, der sein Team unmittelbar nach dem Seitenwechsel in Führung gebracht hatte. „Es war kein Riesenspektakel – das war auch zu erwarten, weil Arsenal einfach ein Topteam ist und es das erste von zwei Spielen war. Wenn man die Chancen und den Spielverlauf sieht, dann wäre ein 1:0 schon sehr gut gewesen.“
Dieses 1:0 hatte Andrich per Kopf nach einer Ecke erzielt – und Arsenal damit mit den eigenen Waffen geschlagen. Das womöglich beste Team Europas sticht besonders bei der Umsetzung von Variantenspiel bei Standardsituationen hervor, stiftet Verwirrung rund um den gegnerischen Torhüter und setzt gezielt Blocks. Diesmal blockten Jarell Quansah und Ibrahim Maza den Weg für Andrich am langen Pfosten frei, der den Ball nur noch ins kurze Eck einnicken musste. Es war eine verdiente Führung, weil Leverkusen bis auf einen Lattenschuss von Gabriel Martinelli nichts zugelassen hatte, im tiefen Block verteidigte und über Christian Kofane immer wieder umschaltete.
Rolfes greift in psychologische Trickkiste
„Wir haben erwachsen gespielt“, urteilte Rolfes mit merklich aufgehellter Miene. „Auch im Ballbesitz haben wir geschaut, dass wir – gerade nach der Halbzeit – in guten Phasen nicht zu euphorisch werden. Insgesamt hatten wir eine gute Kompaktheit – und immer die Ruhe, diese Stabilität nie zu verlieren.“ Nach wackligem Beginn, als Andrich nach wenigen Minuten bereits am Rand einer Gelb-Roten Karte wandelte, zeigte die Werkself eine reife Leistung, die ihr nach den jüngsten Auftritten kaum einer zugetraut hatte. Vor dem entscheidenden Rückspiel am kommenden Dienstag im Emirates Stadium (21 Uhr) griff Rolfes in die psychologische Trickkiste: „Wir fahren mit einem guten Gefühl nach London. Der Druck für Arsenal ist enorm – nicht nur weiterzukommen, sondern die Champions League vielleicht gewinnen zu müssen. Unsere Ausgangssituation ist, dass wir sie auch nächste Woche in Schwierigkeiten bringen wollen. Verteidigen wird weiterhin das Thema sein – aber mit Ball auch immer mal wieder für Entlastung zu sorgen.“
Die Miene von Rolfes erreichte ihren strahlenden Höhepunkt, als es um den Spielverderber des Abends ging: Kai Havertz. Zehn Jahre hatte der 26-Jährige für Bayer 04 gespielt, ehe er 2020 für rund 100 Millionen Euro zum FC Chelsea wechselte. Bei seiner ersten Rückkehr zu seinem Ex-Klub musste Havertz aufgrund der jüngeren Verletzungshistorie zunächst von der Bank zuschauen. Was ihn nicht daran hinderte, sich nach dem Elfmeterpfiff den Ball zu schnappen und Bayer 04 mit einem Flachschuss ins linke Eck das Herz zu brechen. „Es war schön, Kai zu sehen, als er auf den Platz gegangen ist. Dass die Zuschauer so applaudiert haben, habe ich für einen ehemaligen Spieler noch nicht erlebt“, sagte Rolfes und schob lachend zu einer möglichen Rückholaktion in Zukunft nach: „Bei Kai ist immer die Gefahr, dass ich schwach werde, muss ich sagen. Das weiß er auch. Immer wenn wir mal sprechen, dann fange ich schon mal ein bisschen an zu graben.“
Nun wird es darum gehen, eben diesen Kai Havertz und seine ebenso talentierten Mitspieler am Dienstag ein zweites Mal in Schach zu halten, um die Überraschung perfekt zu machen. Einen Aufbaugegner bietet der Spielplan in der Bundesliga jedoch nicht: Am Samstag (15.30 Uhr, Sky) wartet das Heimspiel gegen den FC Bayern, der nach dem 6:1-Sieg bei Atalanta Bergamo keinen Grund hat, Spieler vor dem Rückspiel am Mittwoch in München zu schonen. Andrich: „Wir haben vorher gesagt: das sind drei Bretter diese Woche – ich glaube, das trifft es ganz gut. Wir freuen uns auf Bayern.“


