Hat Bastian Schweinsteiger mit seiner schonungslosen DFB-Analyse recht? Unser Autor geht noch weiter, sagt: Mittelmaß wäre schön!
DFB-Elf nur noch Mittelmaß?Damit untertreibt Schweinsteiger sogar noch

DFB-Kapitän Joshua Kimmich steht nach der Pleite gegen Griechenland enttäuscht auf dem Platz.
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Jürgen Klopp hat die ersten vier Spiele seiner Amtszeit zum XXL-Test erklärt. 44 Spieler, aufgeteilt auf zwei Kader, die jeweils zwei Spiele absolvieren dürfen, und danach ist klarer, wer zukünftig am ehesten in der Lage ist, den Adler auf der Brust zu tragen – so die Idee des neuen Fußball-Bundestrainers.
Doch schon nach zwei Spielen steht erneut der ganze deutsche Fußball in der Kritik. Nach dem 1:1 zum Einstand in den Niederlanden folgte eine 0:1-Niederlage im Nations-League-Spiel gegen Griechenland und die These von Weltmeister Bastian Schweinsteiger: „Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmaß angekommen. Wir haben nicht diese Spieler mehr, die den Unterschied ausmachen“, analysierte er in der ARD.
Hat der 121-malige Nationalspieler recht? Ist die DFB-Auswahl, die am Donnerstag (20.45 Uhr, ZDF) mit Klopps zweitem Kader in München gegen Serbien antritt, nur noch Mittelmaß? Die RND-Reporter Hendrik Buchheister und Roman Gerth diskutieren Schweinsteigers These.
Pro: Schweinsteiger untertreibt sogar
Bastian Schweinsteiger untertreibt. Seine Diagnose zum Zustand der deutschen Nationalmannschaft ist noch freundlich. Kein Topteam mehr? Stimmt. Im Mittelmaß angekommen? Wäre schön aus DFB-Sicht. Die Nationalmannschaft erfüllt längst nicht einmal mehr Mittelmaß-Ansprüche. Sie ist noch schwächer.
Das ist keine Polemik, sondern durch Fakten belegt: Bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften scheiterte die DFB-Auswahl zweimal in der Vorrunde (2018 und 2022) und einmal im neuen Sechzehntelfinale (2026). Die entscheidenden Niederlagen kassierten die Deutschen gegen Mexiko, Südkorea, Japan und Paraguay. Beim Turnier zuletzt in Nordamerika kam Deutschland so weit wie Bosnien-Herzegowina, DR Kongo und Kap Verde. Die Mannschaft war zu Hause, als unter anderem Kanada und Ägypten noch im Wettbewerb waren.
Angesichts dieser Tatsachen ist es erstaunlich, dass Schweinsteigers Thesen vom Absturz der Nationalmannschaft einen solchen Wirbel auslösen. Erstaunlich – aber erklärbar: Nur Brasilien war öfter Weltmeister als die Deutschen, kaum ein Land hat so viele große Fußballer hervorgebracht wie Deutschland, deutsche Profis und deutsche Trainer werden im Ausland geschätzt, die Stimmung in den Bundesliga-Stadien ist eine Attraktion. Deutschland ist eine große Fußballnation. Natürlich.
Das macht es umso schwerer, das Siechtum der Nationalmannschaft anzuerkennen. Die WM-Blamagen werden als Ausrutscher abgetan, an denen entweder der Bundestrainer, der Schiedsrichter, die politischen Umstände oder die Spielerfrauen Schuld sind. Lichtblicke wie die durchschnittliche Heim-EM 2024 oder ein 7:1 zum Start der jüngsten WM gegen Curaçao werden zur Auferstehung hochgejubelt. Das zeigt, wie schlecht es um die DFB-Auswahl steht.
Auch beim Blick auf das Personal wird die Misere deutlich. Im Tor sind die Deutschen so schlecht besetzt, dass Manuel Neuer bei der WM zuletzt ein misslungenes Kurz-Comeback geben musste, Joshua Kimmich ist bei drei Weltmeisterschaften gescheitert – und soll trotzdem als Kapitän eine Schlüsselfigur der DFB-Zukunft sein. Fußballer wie Florian Wirtz, Jamal Musiala oder Kai Havertz verkörpern internationale Klasse, haben dieses Niveau in der Nationalmannschaft aber nicht nachhaltig bewiesen.
Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp ist der Hoffnungsträger, den Deutschland braucht. Gefallene Edelmarken wieder zum Glänzen zu bringen, ist seine Spezialität, wie er in Dortmund und Liverpool gezeigt hat. Dass er im laufenden Spiele-Viererpack in der Nations League vielen Profis eine Chance gibt, die nicht damit gerechnet hatten, jemals für die DFB-Auswahl infrage zu kommen, ist ein mutiger Schritt, ein Signal für den Neuaufbau. Für einen Neuaufbau, der nötig ist, weil die deutsche Nationalmannschaft längst kein Topteam mehr ist.
Contra: Schluss mit dem Pessimismus!
Deutschland ist Weltmeister – im Pessimismus. Das zeigt die Debatte, die Bastian Schweinsteiger – auch Weltmeister, aber im Fußball – angestoßen hat. Ein Team, versunken im Mittelmaß? Von wegen, findet RND-Reporter Roman Gerth.
Nach dem Aus im ersten K.-o.-Spiel bei der Weltmeisterschaft diesen Sommer übernahm der Nationalheilige Jürgen Klopp von Julian Nagelsmann. Aufbruchstimmung kam auf wegen Klopps Ankunft, aber auch, weil er ankündigte, er habe vor Amtsantritt schon 57 Spieler auf seiner Sichtungsliste.
Das Namensverzeichnis, aus dem er das Personal für seine ersten Länderspiele gewählt hat, sei sogar erheblich gewachsen. Das betonte der Bundestrainer bei der Bekanntgabe des Kaders, in den es insgesamt 44 Profis geschafft haben. Aus diesem Kreis hatten 16 (!) zum Zeitpunkt der Nominierung kein Länderspiel absolviert. Welches Land kann behaupten, mal eben auf einen solchen Fundus talentierter Fußballer zurückzugreifen?
Nicht nur in der Breite, sondern übrigens auch in der Spitze ist Fußball-Deutschland weit weg von Mittelmaß. Kai Havertz gewann in seiner Karriere die englische Meisterschaft und die Champions League, Jamal Musiala und Florian Wirtz vereinen zusammen einen Marktwert von 200 Millionen Euro, zahlreiche Nationalspieler des FC Bayern (neben Musiala) vereinen Dutzende Titel auf sich.
Kriegen sie diese PS gerade oder zuletzt bei großen Turnieren auf die Straße, wenn sie den Adler auf der Brust tragen? Nein. Wer daraus aber ableitet, man habe grundsätzlich nur ein mittelmäßiges Team, übersieht einiges. 2018 (Russland; das Foto von Özil mit Erdogan) und 2022 (Katar; die „Mund zu“-Geste und die Regenbogenbinde) überlagerten politische Umstände den Sport, bei der Heim-EM 2024 klaute man Deutschland im Viertelfinale einen Elfmeter in der Verlängerung gegen Spanien, bei der WM in diesem Jahr ein eigentlich reguläres Tor in der Verlängerung gegen Paraguay.
Wenn Havertz und Musiala – wie aktuell – verletzt fehlen und Wirtz außer Form ist, kann es nicht zur Top-Nation reichen. Fakt aber ist: Die DFB-Auswahl hat diese Unterschiedsspieler in ihren Reihen, anders als von Schweinsteiger behauptet.
Fragen Sie doch mal die Italiener; klar, sie haben 2021 den EM-Titel geholt, aber ohne zu wissen, wie das passieren konnte. Es war Corona, ein Finale unter wilden Umständen im Wembleystadion zu London, die Engländer wurden im Elfmeterschießen bezwungen. Da kam alles zusammen. Nachhaltig war der Erfolg nicht, Italien verpasste daraufhin nach 2018 auch noch zwei weitere Weltmeisterschaften.
Es gibt Probleme in der deutschen Nachwuchsarbeit, ja, es wurden falsche Akzente gesetzt – aber vor allem: herausragende Talente lange übersehen. Da gibt es viele Beispiele, etwa Vitaly Janelt. Wer einen Neu-Nationalspieler mit 160 absolvierten Spielen in der englischen Premier League, der besten Fußball-Liga der Welt, aus dem Hut zaubern kann, kann kein Mittelmaß sein.
