Das 1:1 der Nationalmannschaft in den Niederlanden macht Mut. Zugleich zeigt Jürgen Klopps Debüt, wie viel Arbeit noch vor ihm liegt.
Nach dem Klopp-DebütAufbruch ja, Wunder nein


Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp herzt den DFB-Debütanten Yannik Engelhardt.
Copyright: IMAGO/osnapix
Karim Adeyemi hätte Deutschland vor der Pause mit einem Treffer ins leere Tor auf 2:0 bringen können. In der Nachspielzeit ermöglichte Serge Gnabry mit einem fatalen Ballverlust den – zugegeben traumhaften – Ausgleich der Niederlande. Wären beide Szenen anders ausgegangen, wären die Reaktionen auf Jürgen Klopps Debüt wohl noch euphorischer ausgefallen als ohnehin schon nach seinem Amtsantritt.
Natürlich hätte jeder, auch Klopp, die neue Ära gern mit einem Sieg beim fußballerischen Erzrivalen eröffnet. Doch vielleicht ist es mit Blick auf die kommende Zeit sogar ganz gut, dass es nicht so gekommen ist. Das respektable Ergebnis täuscht nicht darüber hinweg, dass im deutschen Fußball nicht plötzlich alles gut ist und auf Klopp viel Arbeit wartet. Kaum jemand weiß das so gut wie der 59-Jährige selbst. Deutschland, Zwölfter der Weltrangliste, holte nach einem unterhaltsamen, zeitweise wilden Schlagabtausch beim Neunten ein verdientes Unentschieden – nicht mehr, nicht weniger. Die Niederlande präsentierten sich spielerisch etwas stärker als die DFB-Auswahl, die allerdings nicht in Bestbesetzung angetreten war.
Klopp hat nach so vielen Enttäuschungen in der Vergangenheit und dem peinlichen WM-Aus sicherlich für die dringend benötigte Aufbruchsstimmung gesorgt. Ihn umgibt eine Aura, die auch bei den Spielern zu spüren ist. Zugleich zeigt er eine Nahbarkeit, die seinem Vorgänger Julian Nagelsmann gefehlt hatte. Man sieht das etwa daran, wie zugewandt, fast liebevoll Klopp am Spielfeldrand mit seinen Schützlingen umgeht. Doch auch der einstige Erfolgstrainer des FC Liverpool und von Borussia Dortmund ist kein Messias, der nach wenigen Trainingseinheiten alle Probleme auf einmal lösen kann. Der Coach hat viele Probleme seiner Vorgänger geerbt. Fans und Öffentlichkeit sollten das berücksichtigen.
Die Mannschaft will und wirkt lebendig
Die erste Partie unter Klopp lieferte auch einige wichtige Erkenntnisse: Die Einstellung stimmte und machte Lust auf mehr. Die Mannschaft wollte – und nach dem WM-Desaster ist das keineswegs selbstverständlich. Die Spieler legten insgesamt sechs Kilometer mehr zurück als die Niederländer. Klopp hat mit seiner Art, seiner Ausstrahlung und seinem Ansehen Energie in die Mannschaft gebracht. Sie wirkte lebendig, hatte aber lange Zeit auch einiges an Spielglück auf ihrer Seite. Die Mannschaft zeigte einige vielversprechende Ansätze. Debütant Philipp Treu brachte etwa auf der rechten Abwehrseite frischen Wind; Younes Ebnoutalib, der früh für den angeschlagenen Kai Havertz eingewechselte Stürmer, belebte das Spiel auf Anhieb.
Im 44-Mann-Kader, den der Trainer für seine ersten vier Spiele ausgewählt hat, steckt einiges an Potenzial, aus dem Klopp etwas entwickeln kann. Man sollte dem neuen Bundestrainer die nötige Zeit geben und dabei auch schlechtere Spiele und Ergebnisse einkalkulieren. Nach drei miserablen WM-Turnieren scheinen die Erwartungen im deutschen Fußball ohnehin realistischer geworden zu sein. Die positive Grundstimmung rund um die Nationalmannschaft lässt hoffen, dass dieser nüchterne Blick Zuversicht nicht ausschließt.
