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VAR-Alternative im CheckDas sind die Vor- und Nachteile der Trainer-Challenge

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Vincent Kompany (hinten)

Bayern-Trainer Vincent Kompany spricht mit Schiedsrichter Christian Dingert. (Archivbild)

Die 3. Liga diskutiert die Trainer-Challenge als VAR-Alternative. Sorgt das für mehr Gerechtigkeit oder neuen Frust?

Statt des VAR aus dem Kölner Keller sollen Trainer selbst strittige Szenen zur Überprüfung melden. Die 3. Liga diskutiert die Idee. Doch ist die Challenge wirklich gerechter oder schafft sie nur neuen Frust?

Jürgen Klopp bezeichnet die Trainer-Challenge als eine «interessante Idee». Demgegenüber warnt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vor dem Risiko einer «noch größeren Enttäuschung» im Kontext des bereits emotional aufgeladenen Videobeweises. Die Kernfrage ist, was geschieht, wenn nicht der Video Assistant Referee (VAR), sondern die Übungsleiter selbst auf mögliche Fehlentscheidungen hinweisen.

Einem Bericht der «Sport Bild» zufolge erörtert die 3. Liga die Implementierung des Football Video Support (FVS). Demnach bekundet auch die Frauen-Bundesliga Interesse an diesem Pilotvorhaben des Weltfußballverbands FIFA, welches schon in manchen kleineren Turnieren erprobt wurde. Eva Virsinger, Trainerin der TSG Hoffenheim, äußerte, die reduzierte VAR-Version könne «für mehr Gerechtigkeit bei klaren Fehlentscheidungen sorgen». Für die Männer-Bundesliga ist eine Anwendung zunächst nicht vorgesehen, was spezifische Ursachen hat.

Das spricht für die Einführung:

Geringere Kosten

Die Vereine der dritten Liga und der Frauen-Bundesliga befassen sich mit der Challenge-Option, da diese im Gegensatz zum VAR erheblich kosteneffizienter ist. Es würde eine merklich geringere Anzahl an Kameras benötigt, häufig nur jene der Fernsehübertragung. Ferner entfielen die Ausgaben für den als «Kölner Keller» bekannten zentralen Videobeweis-Standort. Somit würden nicht sämtliche spielrelevanten Situationen kontrolliert, sondern ausschließlich jene, in denen die Trainer ihr Recht auf eine Überprüfung in Anspruch nehmen.

Größere Transparenz und Akzeptanz

Ein Hauptvorwurf gegenüber dem VAR besteht darin, dass für Anhänger und Beteiligte schwer verständlich ist, zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Grund eine Intervention erfolgt. Überträgt man diese Zuständigkeit auf die Trainer, wird beides umgehend klar. Sollte die Entscheidung über die Übungsleiter erfolgen, würde voraussichtlich auch die Zustimmung der Fans steigen.

«Das Spiel ist in den meisten strittigen Szenen eh unterbrochen. Es nimmt viel Diskussionen heraus. Das einzuführen, ist für mich eine sehr gute Idee», konstatierte Lars Kornetka, Trainer des Zweitligisten Eintracht Braunschweig.

Positive Erfahrungen

Die Challenge wird bereits in den dritten Ligen Italiens und Spaniens sowie in der höchsten kanadischen Spielklasse erprobt. Das FIFA-Projekt fand ebenso bei der U20-WM des vergangenen Jahres in Chile Anwendung, wo den Trainern pro Partie jeweils zwei Challenge-Karten zur Verfügung standen. Im Halbfinalspiel zwischen dem späteren Titelträger Marokko und Frankreich führte dies zu einem Strafstoß nach einem Foul und einem Treffer für das nordafrikanische Team. Man sei durch die gesammelten Erfahrungen «sehr ermutigt», erklärte Pierluigi Collina, der Vorsitzende der FIFA-Schiedsrichterkommission.

Auch in der Volleyball-Bundesliga (VBL) hat sich das technische Instrument etabliert. «Insgesamt hat sich das Challenge-System als wichtiger Baustein für mehr Fairness und Transparenz im Spiel erwiesen», teilte Geschäftsführerin Kim Oszvald-Renkema der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit. Sie fügte hinzu, dass sich Repräsentanten aus anderen Sportarten aus diesem Grund schon bei der VBL informiert hätten.

Im professionellen Sport Nordamerikas liefern ebenfalls die Trainer den Anstoß für eine Kontrolle – nicht ein Video-Unparteiischer. Das System existiert in der NFL schon seit dem Jahr 1999; die Coaches werfen rote Flaggen auf das Spielfeld, um die Überprüfung einer Szene zu fordern.

Mike Tomlin

NFL-Trainer Mike Tomlin wirft die rote Challenge-Flagge aufs Feld. (Archivbild)

Zusätzliche Spannung

In der NFL kostet eine nicht erfolgreiche Anfechtung den Trainer eine Auszeit. Im Fußball müssten die Übungsleiter ihre begrenzten Challenge-Möglichkeiten ebenfalls gezielt einsetzen, da sie andernfalls verfallen und eventuell in der entscheidenden Endphase bei einer möglichen Fehlentscheidung nicht mehr zur Verfügung stehen. Dies verleiht dem Spiel eine zusätzliche, fesselnde Dimension.

Das spricht gegen die Einführung:

Mehr Druck für Trainer

Wenn die primäre Verantwortung für eine Intervention beim Trainer und nicht beim Video-Assistenten liegt, steigert dies unzweifelhaft den bereits enormen Druck auf die Übungsleiter. Dann würden nicht mehr nur taktische und personelle Weichenstellungen diskutiert, sondern ebenso die Entscheidungen bezüglich des Videobeweises. Laut einer Umfrage des «Aktuellen Sportstudio» begegnen die Bundesliga-Trainer dem Konzept deshalb mit Skepsis. Auch die Hoffenheimer Trainerin Virsinger äußerte: «Das Challenge-System beim VAR sehe ich kritischer, das würde ein Fußballspiel komplett verändern.»

Taktischer Missbrauch droht

Würden Trainer wie José Mourinho, die für den Sieg alles geben, auch die Grundidee der Challenge zweckentfremden? Es ist denkbar, dass Trainer ihre Anfechtungen gezielt in der Endphase einsetzen – selbst bei eindeutigen Situationen –, um bei einem Vorsprung Zeit zu gewinnen oder den Spielfluss zu unterbrechen.

Zweifel an der Notwendigkeit

Während die Challenge in der 3. Liga und der Frauen-Bundesliga wegen des nicht vorhandenen VAR eine Berechtigung haben könnte, erhebt sich in der Bundesliga sowie der 2. Liga die Frage nach dem Nutzen. Dort wird gegenwärtig ohnehin jede umstrittene Entscheidung in spielrelevanten Momenten kontrolliert.

«Wir haben eine permanente Challenge», erklärte der ZDF-Schiedsrichterexperte Thorsten Kinhöfer: «Die Chance, dass der Trainer was sieht, was der VAR in Köln im Keller mit zig Monitoren nicht sieht, das würde ich bei zwei Prozent in Betracht ziehen. Deswegen sehe ich noch nicht den Mehrwert.»

Potenzial für noch mehr Frust

Auch wenn ausschließlich die Trainer mittels ihres Vetorechts über die Anwendung des Videobeweises bestimmen, ist das Frustrationsproblem damit nicht zwangsläufig gelöst. In der 3. Liga und der Frauen-Bundesliga würden nur wenige Kameras verwendet, die bei strittigen Szenen unter Umständen nicht aufschlussreich sind. Die Konsequenz? «Mögliche Folgen könnten zusätzliche Diskussionen und eine noch größere Enttäuschung der Betroffenen sowie der Öffentlichkeit sein», warnte der DFB.

In der Hauptrunde der Männer-Volleyball-Bundesliga wird für die Challenge momentan die vorhandene Technik der Livestream-Produktion eingesetzt. Diese Methode gelange «bei komplexeren Szenen an technische Grenzen», so Geschäftsführerin Kim Oszvald-Renkema. Eine vollwertige Video-Challenge soll zur Spielzeit 2026/27 eingeführt werden.(dpa/bearbeitet durch Gemini 2.5 Pro)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.