Mehr als fünf Jahrzehnte war sie Treffpunkt, Versorger und ein Stück Zuhause: Die Aral-Tankstelle am Zollstockgürtel. Jetzt wird sie abgerissen.
Abschied im VeedelDie Tankstelle am Zollstockgürtel verschwindet

Martin Schmidt – hier 1969 mit seiner Mutter Hannelore – wuchs an der Tankstelle auf.
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Seit rund zwei Wochen rollen Bagger über das Gelände am Zollstockgürtel 39. Stein für Stein verschwindet die Aral-Tankstelle, an der sich Generationen von Zollstockern mit Sprit versorgt haben. Mehr als 60 Jahre lang war sie fester Bestandteil des Veedels – nun weicht sie neuen Plänen. Für viele Anwohner ist es ein Anblick, der wehmütig stimmt. Für Martin Schmidt und seine Familie ist er vor allem eines: persönlich.
„Da hängt schon das Herz dran“, sagt der 60-Jährige. Schmidt ist hier aufgewachsen. Zwischen Zapfsäulen und Werkstatt spielte er als Kind, lernte Fahrradfahren und feierte Kindergeburtstage. „Wir hatten auch eine Küche hier, und die Familie hat hier gegessen“, erinnert er sich.
Familie Schmidt übernahm 1968
Seine Eltern, Kurt und Hannelore Schmidt, übernahmen die Tankstelle 1968 – damals noch unter der Marke Gasolin, nachdem der Vater seine Karriere als Profi-Fußballer bei Fortuna beendet hatte. Mit der Zeit wuchs das Angebot: Neben Benzin und Diesel gab es bald auch Süßigkeiten und Tabak. „Zuerst hing ein Automat hinter der Theke. Wenn Kunden Zigaretten wollten, warf meine Mutter die Münzen ein und zog die gewünschte Sorte“, erzählt Schmidt.

Viele Jahre gab es an der Tankstelle am Zollstockgürtel auch eine Werkstatt, in der Kurt Schmidt selbst Hand anlegte.
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1973 wurde auf Aral umgestellt. Die Schmidts bauten eine der ersten Portalwaschanlagen Kölns. 1980 kam ein Minimarkt hinzu, 1991 folgte ein kompletter Neubau mit mehr Zapfsäulen, Shop, Werkstatt, großer Waschanlage und Bistro. Ein Jahr später übernahmen Martin Schmidt und seine Frau Heike den Betrieb. „Mein Vater hat noch mitgearbeitet, wollte aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr die ganze Verantwortung tragen“, berichtet Schmidt.
Müllers Aap und Howard Carpendale tankten hier
Die Tankstelle war über Jahrzehnte mehr als ein Ort zum Tanken. Sie war Treffpunkt. Samstags ging man zum „Waschtag“ zum Schmidt. Auch Prominente gehörten zur Kundschaft – vom Boxprofi „Müllers Aap“ bis zu Howard Carpendale. „Ich habe bei ihm auf dem Schoß gesessen, wenn er zum Plaudern blieb, und er hat mir Streichholztricks gezeigt“, erzählt Schmidt. Später kamen auch TV-Größen wie Anke Engelke, Till Schweiger, Birgit Schrowange und viele weitere vorbei. „RTL produzierte hier in der Nähe, und so kamen sie zu uns zum Tanken“, berichtet Schmidt.

Für Heike, Martin und Hannelore Schmidt war die Tankstelle am Zollstockgürtel Jahrzehnte ihr Lebensmittelpunkt.
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Besonders wichtig war der Familie immer der persönliche Kontakt zu den Kunden. „Viele kannte man beim Vornamen. „Wenn einer länger nicht kam, fiel das auf, und die Kunden freuten sich, wenn wir deswegen nachfragten“, sagt Schmidt. „Wir haben auch besondere Wünsche erfüllt. Für einen Stammkunden haben wir eine seltene Tabaksorte bestellt, die nur er rauchte, für einen anderen eine spezielle Biersorte. Das haben wir sehr gerne gemacht“, erzählt Heike Schmidt.
2004 wurde die Tankstelle erneut umgebaut. Der Fokus verlagerte sich auf Shop und Bistro, Werkstatt und Autovermietung entfielen – eine Vorgabe des Konzerns. „Der Entscheidungsspielraum der Tankstellenbetreiber wurde immer kleiner“, sagt Martin Schmidt. Auch das Sortiment sei zunehmend vorgegeben worden, Sonderwünsche durften die Schmidts nicht mehr erfüllen.
2018 gab das Ehepaar den Betrieb ab. Der Nachfolger führte die Tankstelle noch einige Jahre weiter, bevor nun der Abriss begann. Schmidt schrieb seine Erinnerungen auf und teilte sie per Facebook. Die Resonanz überraschte ihn: „Ganz viele Menschen haben darauf geantwortet, Erinnerungen und freundliche Worte geschrieben. Damit hatte ich gar nicht gerechnet“, freut sich Schmidt.
Auf dem Gelände soll Wohnraum entstehen; ein Bauantrag für ein Gebäude mit 36 Wohnungen liegt der Stadt vor. Für das Veedel bedeutet das Veränderung. Für die Familie Schmidt bleibt die Erinnerung an einen Ort, der über Jahrzehnte Lebensmittelpunkt war. Eine Ära endet – und macht Platz für eine neue.

