Leverkusen – Sanaa Koubaa-Schretzmair mag diesen Satz, den jemand über sie geschrieben hat. Das war kurz nachdem sie öffentlich gemacht hatte, warum sie in dieser Saison nicht läuft. Warum sie im Jahr nach ihrem größten sportlichen Erfolg, der Olympiateilnahme in Rio de Janeiro, von der Wettkampf-Bühne verschwunden ist. „Sanaa Koubaa will schneller sein als der Krebs“, stand da. Und die 32-Jährige dachte: „Genau, das trifft es.“
Offener Umgang mit ihrer Geschichte
Koubaa möchte nicht, dass Gerüchte die Runde machen, warum sie in diesem Jahr sportlich pausiert und warum sie nach den Sommerferien nicht direkt an ihre Schule zurückkehren wird, wo sie als Diplom-Sozialpädagogin arbeitet.

Sanaa Koubaa-Schretzmair bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016
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Deshalb erzählt sie ihre Geschichte: Bei ihr wurde eine der Genveränderungen nachgewiesen, die ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs mit sich bringen. Bei ihr liege es bei etwa 86 Prozent, sagen die Ärzte.
Mutter und Tante früh an Krebs gestorben
Koubaas Mutter und ihre Tante sind mit Mitte 30 an Brustkrebs gestorben, ihre ältere Schwester und eine Cousine sind beide mit Mitte 30 erkrankt.Koubaa selbst könnte sich jetzt engmaschigen Vorsorgeuntersuchungen unterziehen. Wird der Brustkrebs im Anfangsstadion diagnostiziert, sind die Heilungschancen sehr gut. Aber das kommt für die Läuferin nicht in Frage. Sie will nicht warten, bis der Krebs da ist. Sie will schneller sein.
Entscheidung gegen die Leichtathletik-WM
Also tritt sie in diesem Sommer nicht bei den gerade in London gestarteten Leichtathletik-Weltmeisterschaften über 3000 Meter Hindernis an. Sie wird sich stattdessen Mitte August prophylaktisch beide Brüste abnehmen und künstlich wieder aufbauen lassen. Das reduziere ihr Risiko auf Brustkrebs nach Angaben der Mediziner auf sechs Prozent.
Ein Prozent wäre auch möglich, aber dazu müsste sie sich auch die Brustwarzen entfernen lassen. Und das ist Koubaa dann doch eine zu einschneidende Veränderung für eine zu vage Wahrscheinlichkeitsrechnung. „Dann ist es immer noch meins, auch wenn sich das blöd anhört. Ich möchte etwas haben, woran ich sehe, das ist immer noch meine Brust“, sagt Koubaa. Sie wird ein künstliches Implantat bekommen.
Zu wenig eigenes Körperfett
Ein Neuaufbau mit eigenem Körperfett ginge auch. „Aber davon habe ich zu wenig“, sagt sie. Obwohl es schon etwas mehr geworden ist im Vergleich zu ihrem komplett austrainierten Zustand im vergangenen Jahr vor den Olympischen Spielen.
Keine Lust auf Doppel D
Wichtig ist Koubaa vor allem, dass ihre neuen Brüste natürlich aussehen. Und dass sie weiterhin laufen gehen kann. Sie sagt: „Wovor ich Angst habe ist, dass es mir nicht gefällt. Ich möchte nicht Doppel D, ich möchte etwas Natürliches haben und Sport damit machen können.“

Sanaa Koubaa-Schretzmair (M.) während des Wettkampfes 2016 in Rio de Janeiro
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Koubaa war acht Jahre alt, als ihre Mutter an Brustkrebs starb. Viel bekamen sie und ihre vier Schwestern und drei Brüder davon nicht mit. „Das darf man sich nicht so pädagogisch vorstellen, dass da am Tisch besprochen wurde, was los ist“, sagt sie. Der Vater war aus Marokko nach Deutschland gekommen, hatte hier seine ebenfalls aus Marokko stammende Frau kennengelernt und war in Hilden als einfacher Arbeiter beim Bauhof beschäftigt.
Beide Eltern früh gestorben
Die Mutter sei viel im Krankenhaus gewesen, hatte schließlich keine Haare mehr, „und irgendwann war sie weg“, erinnert sich Sanaa Koubaa. Der Vater starb nur acht Jahre später an Prostatakrebs. Nach dem Tod der Mutter wurden eine junge Cousine aus Marokko und ein älteres Ehepaar aus der Nachbarschaft zu den wichtigsten Ansprechpartnern der Kinder. Für Koubaa waren auch der Sport und ihr erster Trainer Wolfgang Kamps prägender Lebensmittelpukt. Beim Laufen fand sie Ablenkung, Inspiration und ein Netzwerk an Freunden.
Von Jolies Schicksal nicht angesprochen gefühlt
Dass der Krebs Teil ihres Lebens ist, wurde den fünf Schwestern erst im vergangenen Jahr bewusst. Als die amerikanische Schauspielerin Angelina Jolie vor vier Jahren ihre genetische Krebs-Vorbelastung und die geplante Brustoperation publik machte, dachte Koubaa: „Interessant. Aber ich habe mich nicht angesprochen gefühlt.“

Angelina Jolie
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Im vergangenen Jahr nun rieten ihre Frauenärztin und die ihrer Schwester unabhängig voneinander aufgrund der familiären Vorgeschichte zu einem Gentest. Das Resultat: Drei der fünf Schwestern tragen das Brustkrebsgen in sich, eine nicht, und bei einer steht das Ergebnis noch aus.
Heirat im vergangenen Jahr
Sanaa Koubaa hat sich 2016 nicht nur ihren großen Traum von einer Olympiateilnahme erfüllt. Sie hat auch geheiratet und mit ihrem Mann ein Haus in Nümbrecht umgebaut. Die nächsten Ziele waren: Die WM-Teilnahme in London, dann die Heim-EM 2018 in Berlin – und Kinder natürlich. Der positive Gentest hat all diese Pläne ins Wanken gebracht.
Wunsch nach einer eigenen Familie
„Ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen“, sagt Sanaa Koubaa-Schretzmair. Die Ärzte raten auch zu einer Entfernung der Eierstöcke bis spätestens zum Alter von 40 Jahren. Sie wird auch das machen lassen. Aber erst möchte sie noch versuchen, eine Familie zu gründen. Die Entscheidung, die Brustoperation sofort machen zu lassen, hat auch damit zu tun. Was wäre, wenn sie während einer Schwangerschaft die Diagnose Brustkrebs bekäme und sich dann zwischen dem Kind und einer möglicherweise lebensrettenden Behandlung entscheiden müsste? Koubaa möchte sich das gar nicht vorstellen. Sie will schneller sein als der Krebs.
