Köln – Vor ihrem 91. EM-Spiel am Freitag in Bratislava gegen Belarus ist die Delegation aus Deutschland ein wenig ratlos. Eigentlich rechnet sie mit wenig, dem Einzug in die Hauptrunde, vom Halbfinale oder mehr sprechen weder die Spieler noch der Trainer. Doch dann kam der Sonntag und ein Sieg über den Olympiasieger und Turnierfavoriten Frankreich in Wetzlar. 35:34 gewannen die Deutschen, dank eines Nuancen vor der Schlusssirene erzielten Treffers des EM-Debütanten Luca Witzke aus Leipzig.
Zuvor hatte Bundestrainer Alfred Gislason betont, dass er nach vielen Absagen vor allem auf das Einspielen seiner jungen Mannschaft Wert lege. Und fast schon unumstößlich legte er sich fest: „Wir sind kein Kandidat für eine Medaille, deshalb reden wir auch nicht davon. Das ist momentan weit weg.“ Nach dem überraschenden Erfolg gegen die Franzosen ließ sich der Isländer zwar darauf ein, „viel Positives gesehen“ zu haben, um dann auch gleich auf die Unstimmigkeiten zu verweisen: „Wir sind noch nicht eingespielt im Angriff.“ Er bleibt bei seinem Mantra: Vorrunde überstehen. Dann mal schauen.
Aufbau-Turnier mit zehn Debütanten
19 Spieler hat Gislason für die nun anstehende Europameisterschaft in Ungarn und der Slowakei nominiert, zehn von ihnen spielen erstmals auf dieser Bühne. Nicht mit dabei sind Größen von einst, Uwe Gensheimer und Steffen Weinhold zum Beispiel, beide 35. Sie haben ihren Rücktritt aus dem Premium-Team des Deutschen Handball-Bundes (DHB) erklärt. Schmerzlich für Gislason ist der Verzicht des Weltklasse-Abwehrchefs Hendrik Pekeler, der eine längere Nationalmannschaftspause einlegt. Wegen Verletzungen fallen auch noch die Berliner Paul Drux und Fabian Wiede aus, während der von Gislason sehr geschätzte Spielmacher Juri Knorr (21) nicht dabei sein kann, weil er nicht geimpft ist. Das aber ist eine Voraussetzung, um an dem EM-Turnier, das erstmals in zwei Ländern ausgetragen wird, teilnehmen zu dürfen.
Nun also können sich junge Profis wie Rückraum-Spieler Witzke (22), Torhüter Klimpke (23, Wetzlar) oder Julian Köster (21) vom Zweitligisten VfL Gummersbach bewähren. Von den Siegern, die vor sechs Jahren in Polen Europameister wurden, stehen Gislason nur noch fünf zur Verfügung – die weiterhin zu den gesetzten Akteuren der neuen Nationalmannschaft gehören: Torwart Andreas Wolff, der noch angeschlagene Kreisläufer Jannick Kohlbacher und die Rückraum-Spieler Simon Ernst, Kai Häfner sowie Julius Kühn. Vor allem Häfner und Kühn bilden mit Regisseur Philipp Weber „eine Achse, die eingespielt ist“, wie Gislason sagt. Aber darüber hinaus gehört diesmal viel Improvisation zum Tätigkeitsfeld des Bundestrainers.
Im Rückraum fehle es an Stützen
Vor allem im Rückraum fehle es an Stützen: „Wir haben momentan sicher nicht die Superstars. Da sind uns andere Nationen voraus.“ Abgesehen von seiner Achse sei man überdies noch nicht abgestimmt im Angriff: „Da sind viele neue Konstellationen. Da müssen wir uns einspielen.“ Das gelang zuletzt mit zwei Erfolgen, vor dem Sieg gegen Frankreich stand einer gegen die Schweiz (30:26). Gegen Belarus am Freitag, gegen Österreich am Sonntag und gegen die Polen am kommenden Dienstag setzt Gislason auf „mannschaftliche Geschlossenheit“ und Härte in der Abwehr. Da baut Gislason auf den Veteran Patrick Wiencek (32 Jahre, 150 Länderspiele) vom THW Kiel und zudem auch auf den von ihm zum Kapitän beförderten Johannes Golla (24) aus Flensburg. „Er ist ein echter Kämpfer in Abwehr und Angriff und der engagierteste Kapitän, den ich in meiner langen Karriere hatte“, lobt Gislason.
Fakten zur Handball-EM
Der Modus: Es gibt sechs Vorrundengruppen mit jeweils vier Mannschaften. Die besten Zwei aus jeder Gruppe qualifizieren sich für die Hauptrunde, in der in zwei Gruppen mit jeweils sechs Teams weitergespielt wird. Die jeweils Erst- und Zweitplatzierten jeder Hauptrundengruppe erreichen das Halbfinale. Die beiden Drittplatzierten bestreiten das Spiel um Platz fünf.
EM im Fernsehen: Alle deutschen Auftritte werden im klassischen Fernsehen bei ARD und ZDF sowie beim Internetanbieter „sportdeutschland.tv“ gezeigt. Der Online-Sportsender überträgt alle Partien der Endrunde – allerdings gegen eine Gebühr von zwölf Euro. Ohne zusätzliche Bezahlung gibt es neben den deutschen Spielen bis zu 18 weitere Begegnungen bei Eurosport zu sehen.
Rekord-Europameister: Das ist Schweden mit vier gewonnenen Titeln (1994, 1998, 2000 und 2002). Die deutsche Mannschaft eroberte in den Jahren 2004 und 2016 die Goldmedaille.
Die meisten Einsätze: In dieser Statistik führt der französische Titelsammler Nikola Karabatic (37, Paris SG), der seine Bilanz von 63 Spielen beim Turnier in Ungarn und der Slowakei noch ausbauen kann, denn er wird wieder dabei sein. Karabatic ist einer der Helden seines Sports, dreimaliger Olympiasieger, viermaliger Weltmeister und dreimaliger Europameister. 2007, 2014 und 2016 wurde Karabatic Welthandballer. Von 2005 bis 2009 spielte er beim THW Kiel. (dpa, ksta)
Der DHB will in ein Jahrzehnt des Handballs starten, die nächste EM nach der Veranstaltung im Osten Europas findet 2024 in Deutschland statt, das gilt auch für die WM 2027. Auch bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris soll eine deutsche Auswahl wieder den Status eines Medaillenkandidaten erhalten – mit dem allseits als Top-Trainer respektierten Klub-Titelsammler Gislason, der seinen Vertrag jüngst bis 2024 verlängerte. Für einen Sprung nach vorn sei nun eben dieser Umbruch nötig, sagt Gislason: „Insgesamt ist unser Kader auch geprägt vom Aufbau einer Mannschaft für die Zukunft.“ Golla berichtet aus dem Kreis der Spieler, dass auch dort nicht über eine Medaille als EM-Ziel gesprochen werde: „Wir setzen uns erst einmal interne Ziele, die wir nicht an der Platzierung festmachen.“ Der Mannschaft sei es wichtig, „für die Zukunft zusammenzuwachsen“.
Dafür ist so ein Erlebnis wie ein Erfolg gegen Frankreich gewiss hilfreich. Doch just in jenem Spiel gab es auch einen Dämpfer, weil sich Weber nach einem Schlag an der Schulter seines Wurfarms verletzte. Allerdings gab er auch gleich schon Entwarnung. Er werde die Tage vor dem Turnier nutzen, „um den Flügel im ersten Spiel wieder schwingen zu können“.
Auch wenn die deutsche Mannschaft tief stapelt, andere Teams wie Frankreich mit seiner alten Garde um Nikola Karabatic, Dänemark mit dem Handball-Genie Mikkel Hansen oder Norwegen mit dem begnadeten Sander Sagosen rechnen sich offensiv eine Chance auf Gold aus.
Die Corona-Politik
Die Corona-Pandemie bestimmt auch bei dieser Veranstaltung die Rahmenbedingungen. Dazu sagt Axel Kromer, Sportvorstand beim DHB: „Wir sind dank unserer strengen Hygiene-Regeln bei insgesamt sechs großen Turnieren bei Männern und Frauen verschont geblieben.“ Kromer forderte von seinen EM-Spielern, den Jahresübergang nur im engsten Kreis zu feiern, zudem herrscht bei allen Zusammenkünften eine Maskenpflicht.
Die beiden Hallen in den slowakischen Städten Bratislava und Kosice dürfen in diesen Zeiten nur zu maximal 25 Prozent ausgelastet sein. Für die drei ungarischen Austragungsorte in Debrecen, Szeged und Budapest existieren derzeit keine Zuschauerbeschränkungen.
