Beim Deutschen Unterwasserclub Köln wird in drei Dimensionen gespielt, die Damenmannschaft feierte den Meistertitel. Ein Besuch.
Unterwasserrugby beim DUC KölnDer Sport, der sich dem Blick entzieht

Beim Unterwasserrugby wird in drei Dimensionen gespielt: Die Tiefe ist einer der großen Herausforderungen.
Copyright: Timur Dietz
An der Oberfläche liegt das Wasser glatt wie eine Eisdecke. Sekunden später durchbricht eine Gestalt die Oberfläche, schnappt nach Luft und taucht wieder ab. Im Becken des Leistungsschwimmzentrums der Kölner Sporthochschule öffnet sich ein eigenes Universum, das erst sichtbar wird, wenn der Blick in die Tiefe wandert: Unterwasserrugby – eine der spektakulärsten Sportarten Kölns. Und doch eine, die sich dem Blick entzieht.
Sportart mit drei Dimensionen
Der Deutsche Unterwasserclub Köln ist einer der Vereine, die diese Sportart seit Jahrzehnten lebendig halten. Mehr als 40 Aktive trainieren hier, ein großer Kern für eine Disziplin, die in Deutschland nur von rund 80 Vereinen betrieben wird. Die Frauen des Klubs gewannen in der Saison 2024/25 die Deutsche Meisterschaft, die Männer spielen in der 1. Bundesliga. Nordrhein‑Westfalen gilt als Ursprungsort der Sportart; in Köln entwickelte sich vor mehr als 60 Jahren „Unterwasserball“, aus dem später das heutige Unterwasserrugby entstand. Schon lange wird der Sport auch international ausgeübt, es gibt Europa- und Weltmeisterschaften.
Am Beckenrand steht Marion Schlue, früher Nationalspielerin, heute Sportwartin und Spielerin im Verein - und manchmal auch Trainerin. „Es ist eine einzigartige Ballsportart“, sagt sie. „Die Einzige, die in drei Dimensionen gespielt wird.“ Dann lacht sie kurz. Von oben, sagt sie, sehe das Ganze eher aus „wie ein aufgewühltes Piranha‑Becken“. Sie deutet auf die glitzernde Wasseroberfläche, auf der sich das Hallenlicht spiegelt. „Man erkennt kaum etwas. Ab und an knubbeln sich die Spielerinnen und Spieler an der Oberfläche. Für Außenstehende ist das schwer durchschaubar.“
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Die Regeln sind schnell erklärt: Zwei Teams, zweimal 15 Minuten Spielzeit, je sechs Spieler pro Team im Wasser und weitere zum Wechseln. Das Becken misst dreieinhalb bis fünf Meter in der Tiefe, in der Länge zwölf bis 22 Meter und in der Breite acht bis zwölf Meter. Am jeweiligen Ende des Beckens stehen auf dem Boden schwere Metallkörbe, etwa 40 Zentimeter im Durchmesser. Die Mannschaften sind entweder weiß oder blau gekennzeichnet. Der Ball ist mit Salzwasser gefüllt und damit schwerer als das Wasser im Becken, ihn gilt es im Korb zu versenken.
Wenn die Luft ausgeht, musst du entscheiden: abgeben, auftauchen oder irgendwie rauskommen
„Man darf festgehalten werden oder festhalten – aber nur, wenn man selbst beziehungsweise der Gegner den Ball hat“, erklärt Schlue. „Wenn die Luft ausgeht, musst du entscheiden: abgeben, auftauchen oder irgendwie rauskommen.“ Für viele sei genau dieser Moment der Punkt, an dem sie merkten, dass der Sport nichts für sie ist. „Es ist halt ein Vollkontaktsport. Man muss zudem sicher mit Maske, Schnorchel und Flossen umgehen können. Sonst ist es wie Eishockey spielen, ohne Schlittschuh laufen zu können.“ Zusätzlich tragen alle Spieler Kappen, die als Ohrenschutz und mit einer farblichen Kennzeichnung zur Identifizierung der Teams dienen.
Die Männerliga ist in Nord, Süd und West unterteilt; die jeweils besten Teams der drei Regionen spielen die Deutsche Meisterschaft unter sich aus. Bei den Frauen zieht sich die Saison über mehrere Spieltage mit zwei bis drei Partien in Folge. Altersgrenzen gibt es nicht – Taktikverständnis, Kondition, Technik und nicht zuletzt die Kraft sind entscheidend.
Große Belastung für den Körper
Erst wer durch das Unterwasserfenster im Schwimmleistungszentrum blickt, erkennt die Abläufe. Dort entfaltet sich ein Spiel aus kurzen Pässen, Richtungswechseln und intensiven Zweikämpfen - alles unter der Wasseroberfläche. Ein Torwart, auch Deckel genannt, liegt quer über dem Korb, ein Untertorverteidiger schwebt davor. Er soll den Torwart vor Angriffen am Beckenboden schützen. „Man muss sich blind verstehen können“, sagt Schlue. „Man trainiert Spielzüge, aber vieles passiert intuitiv. Man muss das Spiel lesen, wissen, wo die Gegner oder Mitspieler gleich sein werden.“ Kontersituationen, Spielzüge, Freiwürfe, offensive und defensive Ausrichtungen – all das wird im Training gelehrt. Und all das müssen die Spieler umsetzen. Im Training gibt es keine Schiedsrichter. Im Wettkampf hingegen verfolgen zwei Unparteiische mit Tauchgerät das Geschehen unter Wasser, ein Schiedsrichter überwacht die Einhaltung der Spielregeln über Wasser.
„Es ist ein hochpulsiger Sport“, erläutert sie. „Die Kunst ist, oben in den kurzen Pausen den Puls runterzukriegen.“ Die Spieler verbringen etwa 30 bis 40 Sekunden unter Wasser, ehe sie kurz Luft holen. Eine Verständigung unter Wasser ist kaum möglich. Marion Schlue ist mittlerweile selbst im Wasser, fokussiert auf das Spiel. Am Beckenrand geht ein breitschultriger Spieler auf und ab. „Ich habe morgen ein Bundesligaspiel, heute mach ich’s daher ruhig“, sagt Max Kieth. Sein Vater brachte ihn zum Sport. „Hier läuft viel über Mundpropaganda. Du kommst einfach mal mit – und irgendwann bleibst du.“ Das Schwierigste? „Die Dreidimensionalität. Gegner kommen von überall. Und du musst gleichzeitig die Luft anhalten und den Ball kontrollieren.“
Er zeigt auf eine Stelle im Wasser. Dort schießt eine Person nach oben: Die deutsche Nationalspielerin und Europameisterin von 2025 Anne Reh. Sie nimmt die Maske ab, zieht sich mit geübtem Griff aus dem Becken. „Ich bin über meinen früheren Mitbewohner reingerutscht“, sagt sie. Dann schaut sie zurück ins Wasser. „Das größte Problem ist: Von hier oben sieht man nicht, was unten passiert. Livestreams helfen, aber auch dort sieht man oft nur Flossen und einen Knäuel Menschen.“ Unterwasserrugby ist schwer zu zeigen. Kein Kamerawinkel fängt die Tiefe ein, keine Tribüne gibt den Blick frei. Bei internationalen Turnieren nutzt man GoPros an Schiedsrichtern und Helmen. Für eine flächendeckende Umsetzung fehlen jedoch die finanziellen Mittel. Preisgelder gibt es auch für Meistertitel nicht.
Die Unterwasserrugby-Szene wächst
Trotzdem wächst die Kölner Szene. Rund 50 Personen gehören mittlerweile zum Kölner Kader, aus dem zwei Bundesligateams gestellt werden. Gleichzeitig werden die Trainingsmöglichkeiten knapper. Das Agrippabad, lange ihre angestammte Trainingsstätte ist geschlossen. Immerhin gibt es eine Alternative: Das Zollstockbad ist deutlich kleiner und damit eine neue Herausforderung. Der Sport ist sehr verbindend, sagt Reh: „Es gibt für jeden eine Position. Und Verletzungen sind selten, denn das Wasser dämpft viel. Daher sind auch grundsätzlich alle Altersgruppen vertreten. Männer und Frauen trainieren gemeinsam und die Frauen dürfen in der Männerliga mitspielen.“ Schlue bestätigt: „Wer das Spiel einmal verstanden hat, kann auch im fortgeschrittenen Alter noch gut mithalten.“
Auch international wächst die Sportart. Neben Deutschland und Norwegen ist Kolumbien vorne immer mit dabei. „Dort ist Unterwasserrugby eine Nationalsportart“, erklärt sie – und lacht, weil es für Außenstehende doch etwas absurd klingt. Nach der intensiven Einheit beruhigt sich das Becken langsam. Einer nach dem anderen taucht auf, zieht den Schnorchel ab, schiebt die Maske vom Gesicht. Die Flossen klatschen ein letztes Mal auf die Wasseroberfläche, bevor sie abgelegt werden. Das Wasser ist wieder glatt wie eine Eisdecke.


