Köln/Paris – Wenn die Menschen in 25 Jahre zurückblicken auf das Champions-League-Finale 2022, werden sie sehen, dass Real Madrid gegen den FC Liverpool 1:0 gewann und sich, sofern eine Erinnerung besteht, daran erinnern, wie der erfolgreichste Verein der Welt dank seines Torhüters Thibaut Courtois einen knappen Vorsprung verteidigt hat. Es wird allerdings vergessen und nicht mehr so einfach wachzurufen sein, welches Gesamtkunstwerk des Leidens dieser 14. Titel in der Königsklasse war.
Wer wird noch glauben, dass Real Madrid am 28. September 2021 sein zweites Gruppenspiel gegen Sheriff Tiraspol, das Abenteurer-Team aus Transnistrien, im eigenen Stadion mit 1:2 Toren verlor und mit mit Spott und Häme übergossen wurde? Wer wird sich erinnern, wie man im Achtelfinale nach 150 von 180 Minuten gegen Paris St. Germain mit 0:2 in Rückstand lag und wie eine chancenlose Altherren-Truppe wirkte, bevor Karim Benzema drei Tore erzielte und den Emir von Katar in ein Tal der Tränen stürzte.
Eine Aneinanderreihung von Wundern
Aber das war noch unspektakulär, verglichen mit dem Entfesselungstrick im Viertelfinale, als Chelsea im Santiago Bernabeu bereits 3:0 führte, ehe Rodrygo und Benzema den Traum mit späten Toren am Leben hielten. Die unwahrscheinliche Steigerung davon geschah in den Aufeinandertreffen mit Manchester City, als Real in der 90. Minute des Rückspiels drei Tore zum Triumph über den strukturell hoch überlegenen Systemfußball von Pep Guardiola fehlten und diese seltsame Mannschaft einen Weg fand, bis zur sechsten Minute der Nachspielzeit diese drei Tore zu erzielen.
Niemand, der sich nicht erinnern kann, wird diese Aneinanderreihung von Wundern im schlichten 1:0 des Endspiel-Resultat erkennen. Der FC Liverpool des Trainers Jürgen Klopp repräsentiert im Jahr 2022 wie kein anderes Team das Ideal des aggressiven, alles erstickenden und überrumpelnden Pressing-Fußballs, in dem sich Kollektivanstrengung mit Einzel-Genie perfekt ergänzen. Real versuchte es gar nicht, die Zukunftstaste zu drücken, sondern befand sich von der ersten Sekunde an einen fußballerischen Überlebensmodus, der jeden Schmerz akzeptierte, so lange er einen am Leben erhielt.
Real Madrid versprüht den romantischen Charme eines Amateurklubs
Die Auseinandersetzung mutete zeitweise an wie der Science-Fiction-Kampf einer auf einem fernen Planeten vergessenen Helden-Legion, die mit Knüppeln, Äxten und Schleudern gegen die Lichtschwerter und Phaser-Kanonen einer überlegenen interstellaren Armee kämpft. 24:4 Torschüsse in der Detailstatistik werden alles sein, was auf diesen ungleichen Kampf hinweist, in dem Real Madrid den romantischen Charme des Amateurklubs versprühte, der in der erste Pokal-Runde den Bundesligist aus dem Wettbewerb wirft.
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Dass dies mit einem Kader gelang, der mit etwa 320 Millionen Euro pro Jahr geschätzt fast doppelt so hoch entlohnt wird wie der des FC Liverpool, ist eine Besonderheit des Fußballs und eine Besonderheit von Real Madrid. Am Ende der Nacht von Paris interessierte es allerdings niemanden. Da stand nur dieses 1:0, in dem man eines Tages nur noch erkennen wird, dass eine Mannschaft ein Tor erzielt hat und die andere Mannschaft keines.



