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Rad-Ikone statt FußballprofiEvenepoel feiert Triumph nach schwerer Verletzung

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Evenepoel und Vater

Remco Evenepoel (r) aus Belgien vom Team Quick-Step Alpha Vinyl und sein Vater nach dem Sieg.

Lüttich/Köln – Schon auf den letzten Metern sind die Emotionen da, Tränen entweichen den Augen, sie sind Ausdruck puren Glücks, weil nun eine lange Reise der Ungewissheit zu Ende gegangen ist. Remco Evenepoel, ein junger Belgier von 22 Jahren, weiß jetzt, dass er im wahrsten Sinne zurück im Rennen ist und kurz davor steht, wieder „der beste Remco“ zu werden, wie er sagt. Er mag es, von sich in der dritten Person zu sprechen.

Am Sonntag gewann Belgiens große Radsporthoffnung erstmals ein Monument, also eines der fünf größten Eintagesrennen. Es gelang zudem in seiner Heimat, bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, genannt La Doyenne, weil es der älteste Klassiker in der Welt des Radsports ist. Nach dem Rennen kullern noch mehr Tränen über Evenepoels Wangen, seine Freundin Oumaiama ist bei ihm, sein Vater, die Mutter, innige Umarmungen. Patrick Lefevere eilt auch herbei, Evenepoels Teamchef bei Quick-Step-Alpha Vinyl, der Boss eines Teams, das in diesem Frühjahr bisher nicht so von Erfolgen geküsst wurde wie in den Jahren zuvor. Auch hier löst sich jede Menge Anspannung.

Evenepoel 1

Emotional bei der Zieleinfahrt: Remco Evenepoel

Evenepoel ist bereits seit drei Jahren Profi, 26 Siege hat er schon beisammen, das ist enorm – Zeitfahren waren darunter, kleinere Rundfahrten, auch die Classica San Sebastian. Die Erwartungen stiegen mit jedem Erfolg, weil die Radsportnation Belgien schon lange auf der Suche nach einem neuen Helden für die Tour de France ist – und Evenepoel schien diese Sehnsucht erfüllen zu können.

Evenepoel folgenreicher Sturz in der Lombardei

Es ging auch stets aufwärts – bis zum 15. August 2020. An jenem Tag verbremste sich Evenepoel bei der Lombardei-Rundfahrt in einer Kurve, stürzte hinter einer Brücke einen Abhang hinab, blieb dort regungslos auf einer Seite seines Körpers liegen und verletzte sich schwer: Beckenbruch, Lungenquetschung. Für Evenepoel begann eine Zeit des Leidens.„Meine ersten beiden Jahre waren verrückt, ich hatte den Eindruck, ich könnte alles gewinnen“, sagte Evenepoel am Sonntag – „aber mein Sturz hat alles verändert“. Geduld habe er aufbringen müssen, Ruhe, „bloß nichts überstürzen“, doch das fiel dem sehr anspruchsvollen jungen Mann schwer. Mental und körperlich habe er gelitten, zumal die Genesung nicht so schnell voranschritt, wie es sich der Sieggewohnte vorstellte. Zu Beginn des Jahres nahm er sich vor, „weniger explosiv zu sein, entspannter, reifer“. In Lüttich ging nun alles auf.

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Evenepoel gehört neben seinem Landsmann Wout van Aert (27), dem Niederländer Mathieu van der Poel (27), dem Slowenen Tadej Pogacar (23) und dem Kolumbianer Egan Bernal zum Kreis der fünf jungen, ikonischen Fahrer der Gegenwart, die eine Epoche prägen können. Und dies gemessen an ihren Siegen in großen Rennen wie Mailand-Sanremo (van Aert), der Flandern-Rundfahrt (van der Poel) oder der Tour (Pogacar, Bernal) sogar schon sind.

Evenepoel zog Radsport der Fußballkarriere vor

Wobei Evenepoels Weg der außergewöhnlichste von allen ist, denn eigentlich war alles für eine Karriere als Fußballer bereitet. Mit 16 war er Kapitän der belgischen Nachwuchsauswahl, er spielte für die PSV Eindhoven, den RSC Anderlecht und zuletzt den KV Mechelen. Ein Profivertrag stand in Aussucht. Doch 2017 spürte der junge Mann mit den phänomenalen Ausdauerwerten, dass er eigentlich für eine andere Disziplin berufen ist – den Radsport. In seiner Altersklasse gewann er prompt in 18 Monaten 34 von 44 Rennen. Er begab sich somit auf die Spuren seines Vaters Patrick, der ebenfalls Radprofi war.

Alaphilippe schwer verletzt

Lefevere stattete Evenepoel mit einem Vertrag bis 2026 aus – und darf sich nun bestätigt fühlen: „Wir haben uns nicht geirrt, in ihn investiert zu haben.“ Doch neben dem großen Erfolg und der Sieg-Erlösung für beide – Evenepoel und sein Team –, musste Lefevere auch eine schlimme Nachricht verdauen: Am Sonntag verletzte sich der bei ihm unter Vertrag stehende französische Weltmeister Julian Alaphilippe bei einem Sturz in eine Senke schwer: Er brach sich zwei Rippen, ein Schulterblatt und zog sich einen Pneumo-Thorax zu. Wie sich die Geschichten doch ähneln: Alaphilippe steht nun der lange Weg zurück bevor, den Evenepoel bereits gegangen ist.