Köln/Fougères – Das medizinische Personal eines Radsport-Teams muss sich genauso detailliert auf die Strecke vorbereiten, die der Veranstalter für eine Etappe der Tour de France vorgesehen hat, wie die Fahrer. Für die Ärzte geht es dabei darum, möglichst viele nahe gelegene Krankenhäuser ausfindig zu machen, um Sturzopfer aus ihren Mannschaften im Falle einer schweren Verletzung so schnell wie möglich auch operativ versorgen zu lassen. Bei der Recherche hilft auch der Rennorganisator ASO. Außerdem stellen sich die Doktoren ein Netzwerk aus Spezialisten zusammen, die sich mit der Behandlung von medizinischen Sonderfällen auskennen, wie etwa Gesichtschirurgen. Und schließlich ist ein Materialwagen der Teams mit Pflastern, Mullbinden und elastischen Verbänden so gut gefüllt, dass der Inhalt selbst bei außergewöhnlich hoher Unfall-Frequenz für drei Frankreich-Rundfahrten ausreichen würde. All das ist weniger Prophylaxe als eine ständige Notwendigkeit, das wurde an den ersten drei Tagen der 108. Tour de France erneut sehr drastisch deutlich.
Zwei große Massenstürze gab es in der durchaus lebensgefährlichen Disziplin Straßenradsport am ersten Tag und als Folge davon furchtbare Verletzungen – wie etwa den doppelten Ellbogenbruch des Spaniers Marc Soler. Immerhin gibt es seit 2007 die Helmpflicht für die Profis. Bei der dritten Etappe am Montag gab es erneut vier heftige Kontakte von Einzelnen oder Gruppen mit dem rauen Straßenbelag der Bretagne. Sie alle wurden von der rollenden Tour-Gemeinschaftspraxis versorgt, der zehn Ärzte und sieben Krankenschwestern angehören.
Mit knapp 80 km/h auf dem Rücken über den Asphalt
Am schlimmsten erwischte es am Montag nach einem Fahrfehler den australischen Sprinter Caleb Ewan, der auf abschüssiger und kurvenreicher Zielgerade in voller Fahrt – in diesem Fall mit knapp 80 Stundenkilometern – das Vorderrad des späteren Tagessiegers Tim Merlier touchiert hatte. Ewan verlor die Kontrolle und surfte mit dem Rücken über den Asphalt, wobei er noch den Slowaken Peter Sagan rammte, der ebenfalls heftig stürzte. Ewan wurde sofort von einem der sieben Rettungswagen, die zum Tross der Tour de France zählen, in ein Krankenhaus gebracht: Schlüsselbeinbruch, Rennen beendet. Ewan blieb lange auf der Straße liegen und krümmte sich vor Schmerzen. Solche Fälle sind etwas für die Notfall-Ambulanz.
Vor allem wegen der waghalsigen Streckenführung protestierten am Dienstag die Fahrer kurz nach dem Start und traten, angeführt vom Hürther Tour-Veteran André Greipel (38) , in den Streik. Die Profis forderten einen Dialog aller Beteiligten, um vermeidbare Massenstürze künftig zu verhindern. Nach dem gut einminütigen Halt bummelte das Feld zehn Kilometer weiter, ehe es dann wieder scharf fuhr. Ob und wann es zu einem Meinungsaustausch kommen wird, ist offen.
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Christoph Edler, der Arzt der deutschen Bora-hansgrohe-Auswahl, zitiert eine Statistik, der zu Folge bei den 21 Etappen der Tour jeder der 184 Starter etwas mehr als zweimal zu Fall kommt. „Bei der Tour ist diese Zahl insgesamt höher als bei anderen Rennen“, sagt Edler. Der Grund liegt in der immensen Bedeutung, die ein Tages- oder der Gesamtsieg beim größten Radrennen der Welt für den Sieger und sein Team besitzt. Häufige Verletzungen seien neben Knochenbrüchen „Hautabschürfungen, Hämatome und Prellungen“, berichtet Edler.
Hinzu kommt, „dass manche Aktionen von manchen Profis auch nicht immer überlegt sind, wenn sie sich ins Finale reinhauen“, sagt Ralph Denk, der Teamchef von Bora-hansgrohe. Immerhin habe sein Fahrer Peter Sagan die Nacht „ganz gut geschlafen“. Allerdings leide er unter „einer tiefen Fleischwunde im Hüftbereich“. Dieses Souvenir dürfte Sagan bis zum Tourfinale in Paris quälen. Und dennoch: „Wenn es geht, wird Peter sich wieder ins Getümmel stürzen und um Positionen kämpfen.“ Das sei eben sein Beruf.


