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Sozialarbeiter aus Bocklemünd erzählen„Viele haben sich völlig zurückgezogen“

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Mitten im Görlinger Zentrum in Köln-Bocklemünd liegt das Fiz.

Mitten im Görlinger Zentrum in Köln-Bocklemünd liegt das Fiz.

Köln – Zwischen den weiß-braunen Hochhäusern des Görlinger Zentrums im Bocklemünd liegt das Familienhaus Fiz. Die Anlaufstelle für Familien wird von der Stadt, „wir für pänz“ und der Stiftung Leuchtfeuer betrieben und von „wir helfen“ unterstützt.

Im ersten Lockdown letztes Frühjahr packten die Mitarbeiterinnen fleißig Päckchen mit Spielen und Malbüchern. Im zweiten Interview erzählen Christian Hidding und Franziska Wotzka nun, wie sich die Stimmung in den Familien und die Arbeit mit ihnen in den letzten Monaten verändert hat.

Frau Wotzka, Herr Hidding, ist das Fiz gerade geöffnet?

Wotzka: Ja, aber unser Betrieb läuft nach wie vor sehr eingeschränkt. Wer, natürlich mit Maske und Abstand, in die Beratung kommen möchte, muss einen Termin machen. Der Hilfsbedarf ist riesig und vieles geht einfach nicht am Telefon.

Wobei helfen Sie gerade am Meisten?

Wotzka: Hauptsächlich füllen wir mit den Besuchern Amtsanträge aus. Wir beantragen zum Beispiel einen Laptop fürs Homeschooling oder Arbeitslosengeld, weil die Eltern ihren Job verloren haben.

Hidding: Die Behörden haben ihren Publikumsverkehr sehr eingeschränkt. Die Probleme der Menschen haben sich dagegen in den letzten Monaten sukzessive verstärkt. Viele Kinder werden auch nach so vielen Monaten noch über das Smartphone beschult.

Das funktioniert vermutlich nicht besonders gut.

Wotzka: Nein, bei vielen nicht. Ich betreue eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die selbst eine Lese-Rechtschreibschwäche hat. Ihr ältester Sohn geht in die Grundschule und muss sich jetzt quasi Zuhause selbst lesen und schreiben beibringen. Nun wollte die Mutter mit mir besprechen, ob er nicht ein Schuljahr wiederholen kann, damit seine Lücken nicht zu groß werden.

Hidding: Das erleben wir oft. Die Eltern sind verzweifelt, weil sie die schwierigen Umstände für ihre Kinder nicht kompensieren können. Alleinerziehende haben es natürlich besonders schwer. In einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg zeigte jedes dritte Kind in Folge der Kontaktbeschränkungen psychische Auffälligkeiten. Das deckt sich mit unseren Beobachtungen. Die Belastungen – ohne Schule, Sport und Freunde treffen – sind enorm.

Wie eng ist Ihr Kontakt zu den Kindern im Moment? Sie sehen ja in der Beratung eher die Eltern.

Wotzka: Das stimmt. Als es lange so kalt und nass war, haben wir die Kinder kaum noch draußen gesehen. Viele haben sich völlig zurückgezogen und vereinsamen. In der ersten Phase der Pandemie kamen viele noch am Fiz vorbei und wir haben uns durchs Fenster unterhalten. Es bleibt für uns weiterhin nur die Möglichkeit, den Kindern Spiele und Bastelmaterial nach Hause zu bringen.

Was denken Sie: Wie lange halten Ihre Klienten den aktuellen Zustand noch aus?

Hidding: Aus psycho-sozialer Perspektive dauert die aktuelle Situation natürlich schon viel zu lange. Aber daran lässt sich nichts ändern. Wir fragen uns eher, was wir noch tun können, um die Lage erträglicher zu machen.

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Und was können Sie tun?

Hidding: Weiter präsent sein und die Kinder so gut es geht ansprechen. Wir versuchen, auch nach außen, ein Sprachrohr für ihre Probleme zu sein. Die Soziale Arbeit muss dringend von der Politik gestärkt werden. Auch die Menschen im Görlinger Zentrum haben ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe.

So können Sie helfen

Mit unserer Aktion „wir helfen: damit unsere Kinder vor Gewalt geschützt werden“ bitten wir um Spenden für Projekte, die sich für ein friedliches und unversehrtes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in unserer Region einsetzen. Die Spendenkonten lauten:

„wir helfen – Der Unterstützungsverein von M. DuMont Schauberg e. V.“

Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 370 502 990 000 162 155

Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 370 501 980 022 252 225

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