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IntegrationAuf der Bühne das Leben üben

3 min

Schauspieler und Schüler proben den Ernstfall – auf der Bühne des Berufskollegs Ulrepforte.

Köln – Mehmet (17, Name geändert) sitzt niedergeschlagen auf einem Stuhl. Acht Bewerbungen für ein Praktikum hat er verschickt und nur Absagen kassiert. Was könnte er jetzt tun? Um diese und ähnliche Fragen geht es bei „Selbstbewusst auf dem Weg zum Ausbildungsplatz“. Es ist ein Theater-Projekt, das jungen Geflüchteten eine reale Chance auf ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland ermöglichen soll – unabhängig von staatlichen Leistungen.

Mühsamer Berufseinstieg

Szene aus dem Theaterprojekt „Selbstbewusst auf dem Weg zum Ausbildungsplatz“ des Forumtheaters Inszene mit Leiterin Friderike Wilckens-von Hein

Teilnehmer sind Schülerinnen und Schüler der Berufskollegs Ulrepforte und Richard-Riemerschmidt. „25 Prozent unserer Schüler haben Migrationshintergrund“, sagt dessen stellvertretende Schulleiterin Anne Mehler. „Viele von ihnen sind sprachlich auf Anfänger-Niveau.“ Für diese jungen Menschen, die in den internationalen Förderklassen auf ihren Hauptschulabschluss hinarbeiten, ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt sehr schwer.

Dabei soll Theaterspielen helfen, „denn es ist eine spezielle Form, leben zu üben“, sagt Friderike Wilckens-von Hein, die vor zehn Jahren das „Forumtheater Inszene“ gegründet hat. Der gemeinnützige Verein entwickelt interaktive Theaterstücke zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen, bei denen die Zuschauer zu Mitwirkenden werden, die ihre Ideen in das Stück einbringen.

Im übertragenen Sinne sollen die Beteiligten erleben, dass sie nicht Opfer, sondern Gestalter sozialer und gesellschaftspolitischer Prozesse sind. Wie kriege ich meinen Schulabschluss hin, wenn ich in der lauten Massenunterkunft kaum lernen kann? Wie erhalte ich die Chance auf einen Ausbildungsplatz, wenn ich nur wenig Deutsch spreche? Ziel des Projekts ist, dass junge Migranten bis zu drei Jahre lang begleitet werden – von der Schule bis zum Ausbildungsplatz.

Lebensnah und hilfreich

In fünf theaterpädagogischen Workshops werden insgesamt 50 junge Erwachsene pro Jahr unterstützt. Zusätzlich gibt es eine Lernbetreuung für zwölf Schüler an der Melanchthon-Akademie. Im Laufe des Jahres sollen auch Ausbilder in diversen Firmen unterstützt werden, damit die Ausbildungsverhältnisse dauerhaft bestehen bleiben. „Es ist insgesamt ein sehr lebensnahes Projekt“, findet Leonore Kampe, Studienleiterin an der Melanchthon-Akademie.

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"Inszene"-Chefin Friderike Wilckens- von Hein bezieht das Publikum mit ein

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Flüchtlinge von Institutionen und Helfern in erster Linie nicht unterhalten werden wollen, sondern konkrete Unterstützung für ihren Alltag in Deutschland brauchen.“ Genau das soll mit Hilfe des „Forumtheaters Inszene“ geschehen.

Die Teilnehmer erkennen ihre Stärken, entwickeln Selbstbewusstsein und werden so auf Vorstellungsgespräche vorbereitet. Beim Projekt werden Alltagsszenen dargestellt, zum Beispiel eine klassische Bewerbungssituation. Wilckens-von Hein und ihr Team geben keine Lösungen vor, sondern sehen die Bühne als geschützten Experimentierraum.

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Schüler und Schauspielprofis auf der Schulbühne.

Hauptförderer des Projekts, das dringend auf Spenden angewiesen ist, ist „Skala“, eine Initiative der Unternehmerin Susanne Klatten. Das Vorgängerprojekt „Zusammen kommen“ – das die Deloitte-Stiftung 2013 als herausragendes Bildungsprojekt ausgezeichnet hat – wurde unter anderen auch von „wir helfen“ gefördert. Das aktuelle Theaterprojekt „Selbstbewusst auf dem Weg zum Ausbildungsplatz“ findet in der Unterrichtszeit statt. Die internationalen Förderklassen der Berufskollegs nehmen komplett teil.

Brennglas der Gesellschaft

Friderike Wilckens- von Hein empfindet ihre Theaterstücke als „Brennglas der Gesellschaft“. Mit ihrer Arbeit möchte die Regisseurin kritische Themen in die Öffentlichkeit bringen und gesellschaftliche Veränderungen anregen. Sie will Menschen eine Stimme geben, die sonst nur wenig Gehör finden. Menschen wie Mehmet.

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