Kita-ProjektTanzend integriert

Happy! Adryna zeigt, wie man tanzt, wenn man glücklich ist.
Copyright: Arton Krasniqi
„Und jetzt bitte, bitte das Heiratslied!“, bettelt Sandeeb lautstark – „Das Heiiiiiraaaaatslied!“ echotet es durch die kleine Turnhalle des Familienzentrums „Piccopänz“ in Holweide. Was sich 15 Kinder sehnlichst wünschen, kann ihnen Tanzpädagoge Christian Quentin nicht abschlagen. Will er auch nicht. Also schaltet er nach einer kurzen Verschnaufpause die Stereoanlage ein, Justin Timberlakes Stimme erfüllt den Raum – und mit ihr ganz viel Gefühl. „Not a bad thing“ säuselt er, während 15 Kita-Kinder zwischen drei und sechs Jahren in Turteltäubchen-Manier durch die Halle tänzeln. Pärchenweise Arm in Arm, im Trio Handküsschen zuwerfend oder alleine am Boden räkelnd. Keine Frage, hier geht’s ums Verliebtsein.
Wut und Trauer tanzen

Beim Tanzen entstehen Freundschaften.
Copyright: Arton Krasniqi
Zuvor standen schon vier andere große Gefühle auf dem Programm – und die Kinder drückten auf Pharell Williams Song „Happy“ tanzend aus, wie es sich anfühlt, glücklich zu sein, stellten zu dem Song „Say something“ (A great big world) Traurigkeit dar, waren wütend im Rhythmus mit Linking Parks „One step closer“ und ängstlich im Gleichschritt mit „Wolfpack“ von Philter. Da stampften sie mit den Füßen fest auf den Boden, machten große Luftsprünge, kauerten sich klein zusammen, hielten Händchen oder drohten sich symbolisch mit ihren Fäusten.
Ganz offensichtlich ist ein Ziel des neuen Tanzprojekts „Vom ich zum Du zum Wir“ erreicht, das die beiden Kölner Vereine „Pänz im Veedel e.V.“ und „Anderstanzen“ für die zehn Kitas des Diakonischen Werks entwickelt haben: Die 15 Kinder aus zehn verschiedenen Heimatländern haben im Tanz eine gemeinsame Sprache – und damit auch zueinander gefunden. Ein weiterer Beweis dafür ist der kurze Dialog zwischen einem Vater und seinem „Piccopänz“-Kita-Kind: „Gibt’s bei euch auch Ausländer? „Nein, nur Kinder!“
Kultur für jedermann

Verschnaufpause mit „Piccopänz“-Leiterin Martina Nordhoff-Hintze.
Copyright: Arton Krasniqi
„Pänz im Veedel“ ist ein Förderverein, der die rund 600 Kinder der zehn Diakonie-Tageseinrichtungen für Kinder in Kölns sozialen Brennpunkten unterstützt – darunter auch das Familienzentrum „Piccopänz“, wo momentan der Tanzworkshop an zehn Vormittagen für zwei Gruppen und insgesamt 35 Kinder angeboten wird. Höhepunkt ist eine große Abschlussveranstaltung, bei der die Kinder das Ergebnis ihres Tanzprojekts präsentieren werden.
Hauptanliegen des Vereins Anderstanzen – ästhetische und kulturelle Bildung im Tanz e.V. ist die Schulung der Sinne und der Motorik. „Wir tragen zur kulturellen Bildung bei, um durch den Tanz die Teilhabe an kulturellen Techniken zu ermöglichen“, sagt Leiterin Bettina Bierdümpel, die den Verein gemeinsam mit Ute Luckey gegründet hat.

Miteinander – Tanzpädagoge Christian Quentin feuert an.
Copyright: Arton Krasniqi
„Das Spannende und Andersartige an unserem Projekt ist, dass wir mit den Kindern keine vorgegebene Choreographie einstudieren, sondern die Ideen der Kinder aufgreifen und sie als Experiment umsetzen“, sagt Christian Quentin vom Verein „Anderstanzen“. Um es mit den Worten Maria Montessoris auszudrücken: „Die Aufgabe der Umgebung ist es nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.“
Gemeinschaft ertanzen
Es geht darum, wie Kinder ihren Körper im Einklang mit der Musik einsetzen können, wie sie sich als Individuum in der Gemeinschaft fühlen, wie sie sich gemeinsam in der Gruppe bewegen können und wie wichtig es dabei ist, auf andere Kinder zu achten. „Letztendlich wollen wir Kindern, denen es an Selbstvertrauen und Sprachkompetenz fehlt, helfen, sich aktiv in die Kindergruppe und so langfristig auch in die Gesellschaft einzubringen“, sagt „Piccopänz“-Leiterin Martina Nordhoff-Hintze. Schließlich vermittele sich Selbstbewusstsein über das Körperbewusstsein. „Deshalb ist es wichtig, die eigenen Gefühle und die der anderen erkennen und ausdrücken zu können.“
„Welche Bewegung machen wir, wenn wir glücklich sind? Welches Gesicht?“, fragt Quentin in die andächtig-aufmerksame Stille des Raums. Und Jamie, der für üblich zurückhaltend ist, macht es vor: Er reißt die Arme in die Höhe und hüpft lächelnd durch den Saal. Die anderen tun es ihm gleich und hopsen mit heiteren Minen hinterher. Wie kann man traurig sein, ohne Geräusche zu machen? Meklit, die aus Äthiopien nach Deutschland kam, reibt sich die Augen und geht in die Knie, Schahinez aus Algerien schleicht mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf durch den Raum, vorbei an einem Dreiergrüppchen, das sich tröstend in den Armen liegt. Wie zeigt man Angst, für sich alleine, ohne den anderen zu erschrecken? Muss man immer kämpfen, wenn man wütend ist? Fragen über Fragen, mit denen Quentin die Kinder anleiten möchte, bei sich zu sein und und in sich hineinzuschauen.
Der Schlüssel zur Welt
Da man sich auf Dauer natürlich nicht ausschließlich tanzend verständigen kann und Sprache der Schlüssel zur Welt ist, legt „Piccopänz“ großen Wert auf die Sprachförderung. Unter anderem nimmt die Kindertagesstätte an dem Bundesprogramm „Sprachkitas“ teil, bei dem es darum geht, die sprachliche Bildung in den Kita-Alltag zu integrieren – ein wichtiger Schritt hin zu mehr Chancengleichheit.
„Auf spielerische Weise nutzen unsere Erzieherinnen Routinesituationen, um mit den Kindern, von denen 80 Prozent aus Familien mit nicht-deutscher Muttersprache stammen, immer wieder ins Gespräch zu kommen“, sagt Nordhoff-Hintze. Sie stellen gezielt offene Fragen, statt solche, die man knapp mir Ja oder Nein beantworten kann, begleiten sämtliche Handlungen mit Worten statt mit Gesten oder bringen Buchstaben in den Blick der Kinder, in dem sie die Bedeutung verschiedener Gegenstände mit bunten Buchstaben visualisieren.
Wie „Piccopänz“ bleibt auch der Förderverein „Pänz im Veedel“ immer in Bewegung, damit sich Kinder aus schwierigen sozialen Situationen zu selbstbewussten Menschen entwickeln. Seit seiner Gründung 2007 hat er jährlich ein großes, auch von „wir helfen“ gefördertes Projekt für die Kinder der Diakonie-Kitas ins Leben gerufen – jeweils mit sportlichem, musikalischem, künstlerischem oder artistischem Schwerpunkt.
Nordhoff-Hintze ist stolz auf die Nachhaltigkeit dieser Projekte: „Die Inhalte der von Experten begleiteten Aktionen sind zwar auf die Kinder zugeschnitten. Aber auch unsere Mitarbeiterinnen erhalten neue Ideen, die sie in den Kita-Alltag integrieren konnten.“ Leider hat Nachhaltigkeit ihren Preis, weshalb der Verein auch auf Spenden angewiesen ist.
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