Wer weiß: Hätte Olga Mendez Monsanto Queeny schon gewusst, dass ihr Mädchenname für viele Menschen einmal das Feindbild schlechthin werden würde – vielleicht hätte sie ihn dann nicht hergegeben. Damals im November des Jahres 1901, als ihr Mann John Francis Queeny diesen nahm, um danach sein neues Unternehmen zu benennen: Monsanto Chemical Works.
Fabrik am ersten Tag abgebrannt
Das junge Unternehmen nahm seine Produktion in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri allerdings erst 1902 auf. Bis dahin fehlten Queeny sowohl Mitarbeiter als auch ein Grundstück mit Ausstattung. Was er hatte, war eine Geschäftsidee und 5000 Dollar Startkapital, ein Teil davon geliehen. Dieser Mut war bemerkenswert, denn eine erste Investitionspleite von Queeny lag gerade erst zwei Jahre zurück: 1899 war seine frisch gegründete Schwefelfabrik gleich am ersten Betriebstag in Flammen aufgegangen. Unversichert. 6000 Dollar waren futsch.
Doch Queeny, der nur sechs Jahre zur Schule gegangen war und sich seit dem Alter von zwölf Jahren selbst durchgeschlagen und hochgearbeitet hatte, wollte ganz offenbar Unternehmer werden. Als er Monsanto gründete, war er 42 Jahre alt und seit vier Jahren als Einkäufer beim Pharma-Großhändler Meyer Brothers Drug Company in St. Louis angestellt. In dieser Rolle wusste er, für welche Stoffe es sich eventuell lohnen könnte, eine Produktion in den USA aufzubauen. Saccharin war eine solche Substanz.
Saccharin kam ausschließlich aus Deutschland
Das 1878 erfundene Süßungsmittel wurde bis dahin ausschließlich in Deutschland produziert und musste in die USA importiert werden. Queeny hatte schon im Vorfeld seiner Firmengründung von Sandoz in der Schweiz eine Zusage eingeholt, den Ausgangsstoff für die Saccharin-Synthese geliefert zu bekommen. Auch seinen ersten Mitarbeiter, einen promovierten Chemiker, warb er aus der Schweiz an. Am 31. Dezember 1901 traf dieser in St. Louis ein.
Im März begannen Produktion und Verkauf. Abnehmer für das Saccharin „made in USA“ war Queenys Arbeitgeber Meyer Brothers, der damit Limonaden- und Süßwarenhersteller belieferte. Gewinn stellte sich für Monsanto erstmals 1905 ein. 1908 war Queeny so weit, seine Festanstellung aufzugeben und sich ganz auf sein Unternehmen zu konzentrieren. Ein zweiter Schweizer Chemiker stieß dazu, und die Produktpalette wuchs. 1904 war Koffein hinzugekommen, 1905 Vanillin.
Monsanto produziert auch Aspirin-Kopie
Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs umfasste das Sortiment gut 20 Substanzen, darunter Basischemikalien wie Schwefel- oder Salzsäure, aber auch Arzneimittel wie etwa das fiebersenkende Phenacetin oder der Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS). Hier kommt es zum ersten Berührungspunkt von Monsanta mit Bayer. Das Patent der Rheinländer auf dem US-Markt war 1917 abgelaufen, und noch im selben Jahr startete Monsanto eine eigene Produktion. Später sollte das Unternehmen über Jahrzehnte hinweg der weltweit größte Hersteller des Wirkstoffs werden.
1928 übergab Queeny das Geschäft an seinen Sohn Edgar, der das Unternehmen im Laufe der 1930er-Jahre durch eine Reihe von Akquisitionen zu einem chemischen Mischkonzern mit einer breiten Produktpalette ausbaute und 1936 eine zentralisierte Forschungseinheit ins Leben rief. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Monsanto ein großes, international tätiges Unternehmen geworden.
Neben Basischemikalien, Nahrungsergänzungsmitteln, Pharmazeutika, darunter erste Antibiotika, gab es inzwischen auch Substanzen zur Aufbereitung von Trinkwasser, Hilfsstoffe für die Gummiherstellung, Schmierstoffe für Fahrzeuge, Beschichtungen für Textilien und Glas und vieles mehr. Auch im Markt der aufkommenden Kunststoffe mischte Monsanto mit, etwa mit Lustron (Polystyrol) und Opalon (Phenolharz).
„Das dreckige Dutzend“
US-Werbeanzeigen aus den Kriegsjahren betonten die Bedeutung von Monsanto-Produkten für die alliierten Streitkräfte. Eine Werbung von 1943 etwa zeigt einen glücklichen sowjetischen Soldaten, der mit Monsanto-Saccharin seinen geliebten Tee süßen konnte, nachdem das Land durch den deutschen Vorstoß von den eigenen Zuckerrübenfeldern in der Ukraine abgeschnitten worden war.
Zum breiten Monsanto-Portfolio zählten auch Produkte, wegen derer der Ruf der Firma später leiden wird. Seit einer Übernahme in den 1930er-Jahren etwa gehörten – unter dem Produktnamen Aroclor – auch polychlorierte Biphenyle (PCBs) zum Sortiment. Sie fanden als Weichmacher in Kunststoffen und als elektrisch isolierende Flüssigkeiten Verwendung und galten dabei wegen ihrer chemischen Stabilität und schlechten Brennbarkeit als vorteilhaft gegenüber Vorläufern. 1944 kam auch das Insektizid DDT (Produktname Santobane) hinzu.
Heute sind diese Stoffe nicht mehr zugelassen. PCBs und DDT, in ihrer Anfangszeit jeweils gefeiert, gehören zum sogenannten „dreckigen Dutzend“. Damit sind Substanzen oder Substanzgruppen gemeint, die aufgrund ihrer Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt sowie ihrer Langlebigkeit seit 2004 im Rahmen der Stockholmer Konvention entweder verboten sind oder deren Nutzung stark beschränkt ist. Ursprünglich zählte die Liste zwölf Namen, daher der Name, mittlerweile sind es mehr.
PR-Schlacht um Herbizide
1962 erschien in den USA Rachel Carsons „Silent Spring“ (in Deutschland 1964 als „Der stumme Frühling“). Die Biologin warnte an einer Reihe von Beispielen vor negativen Nebenwirkungen damaliger Herbizide und Insektizide wie eben DDT. Monsanto, obwohl schon seit 1957 kein Produzent von DDT mehr, reagierte mit einer Parodie auf Carsons Werk. „The Desolate Year“ hieß der Text, der ein „trostloses“ Jahr ohne Pestizide schilderte, in dem Insekten es sich auf Äckern gutgehen ließen und für die Menschen wenig übrigblieb. Es dauerte noch bis 1972, ehe DDT in den USA (und auch Deutschland) verboten wurde.

Monsanto wirbt 1951 für den Nutzen seiner Saatgut-Produkte.
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Bei den Agrochemikalien war Monsanto vor allem für seine Herbizide bekannt. Dazu zählten etwa die Substanz mit dem Kürzel 2,4-D, später auch die Produkte Lasso und Roundup, Letzteres mit dem 1974 eingeführten Glyphosat. Monsanto war auch einer der Hersteller von Agent Orange. Diese Mischung aus 2,4-D und 2,4,5-T erlangte traurige Berühmtheit, als die USA sie im Vietnamkrieg zur Entlaubung einsetzten. Produktionsbedingte Verunreinigungen mit Dioxin sorgten für Langzeitschäden bei vielen Soldaten und Bewohnern.

US-Flugzeuge versprühen das Monsanto-Entlaubungsmittel während des Vietnamkriegs 1968. Nicht nur die Natur, auch zahlreiche Menschen werden durch das Mittel stark geschädigt.
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Vorreiter bei Gensaatgut
Mitte der 90er-Jahre brachte Monsanto Saatgut von sogenannten glyphosattoleranten Nutzpflanzen auf den Markt, zunächst von Sojabohnen und dann auch von Mais. Eine Veränderung im Erbgut der Pflanzen sorgte dafür, dass ihnen Glyphosat nichts anhaben kann. Für die Farmer eine praktische Sache. Doch der massenhafte Einsatz bewirkte auch einen Wirksamkeitsverlust, weil manche Unkräuter Resistenzen gegen Glyphosat entwickelten. Später kamen Klagen von Anwendern hinzu, die ihre Krebserkrankung auf den Monsanto-Wirkstoff zurückführten. Bis heute wird darüber gestritten, ob die Substanz bei korrekter Anwendung Krebs auslösen kann.
2000 fusionierte Monsanto mit Pharmacia & Upjohn zur Pharmacia Corporation. Kurz darauf gliederte diese die Agrarsparte unter dem alten Namen Monsanto wieder aus, mitunter nun „The New Monsanto“ genannt. Dieses reine „Agrar“-Monsanto sollte nie mehr so groß werden wie der bisherige Mischkonzern. Der hatte zeitweise bis zu 64.000 Mitarbeiter (1979). Dafür machten etliche Übernahmen und Produktentwicklungen das neue Monsanto bald zum weltweit führenden Saatgut-Produzenten.
Übernahme durch Bayer 2018
2015 scheiterte ein Versuch, den Wettbewerber Syngenta zu übernehmen. Ein Jahr später wurde Monsanto selbst zum Übernahme-Kandidaten. Schließlich stimmte Monsanto der Akquisition durch Bayer zu, die 2018 zum Abschluss kam. Kaufpreis: 63 Milliarden US-Dollar (rund 54 Mrd. Euro). In seinem letzten Geschäftsbericht von 2017 wies Monsanto einen Jahresumsatz von fast 15 Milliarden Dollar und etwas über 20.000 Festangestellte aus.
Bayer wurde durch den Zusammenschluss zur globalen Nummer eins in Sachen Agrochemie und Saatgut. Allerdings schlägt sich das Unternehmen, beziehungsweise die als Tochtergesellschaft geführte Monsanto Company, bis heute mit juristischen Streitigkeiten aus der Vergangenheit herum. Die meisten Klagen betreffen Glyphosat, doch auch zu den schon seit fast 50 Jahren nicht mehr vermarkteten PCBs gibt es noch Verfahren wegen Umwelt- oder Gesundheitsschäden. In seinem jüngsten Geschäftsbericht weist Bayer den Umfang der Rückstellungen und Verbindlichkeiten allein für glyphosatbedingte Rechtsstreitigkeiten mit 9,6 Milliarden Euro aus.
Dass ihr Name so häufig vor Gericht steht, hätte Olga Mendez Monsanto Queeny sicher nicht gewollt. Die Gattin des Firmengründers starb 1938, fünf Jahre nach ihrem Mann. Der kinderlose Sohn Edgar leitete das Unternehmen noch bis 1960 und schied 1962 ganz aus. Ein Familienunternehmen war Monsanto da ohnehin schon lange nicht mehr, denn 1929 hatte Queeny jr. es an die Börse gebracht.

Testlabor für Herbizide
Copyright: Bayer Cropscience AG
Übrigens: Die Wege von Monsanto und Bayer hatten sich lange vor der Übernahme schon einmal gekreuzt. 1954 gingen die damaligen Farbenfabriken Bayer in den USA ein – bis 1967 währendes – Jointventure mit Monsanto ein, das den Namen Mobay trug. Für Bayer war es ein Weg, seine Polyurethan-Produkte in den USA zu vermarkten. Denn als Folge des Ersten Weltkriegs hatte das Unternehmen sowohl seine Namensrechte als auch sämtliche Vermögenswerte in den USA verloren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchte man, durch Kooperationen mit US-Firmen wieder Zugang zum wichtigen nordamerikanischen Markt zu erhalten. Mobay war eine dieser Kooperationen, aus der auch der langjährige spätere Sitz der US-Zentrale von Bayer resultierte: Pittsburgh. Erst ab 1986 durfte Bayer wieder unter eigenem Namen in den USA auftreten, wenn auch zunächst nicht für alle Produktsparten.

