- Der Leverkusener Konzern Bayer ist seit der Übernahme von Monsanto Weltmarktführer für Chemikalien zum Schutz von Pflanzen. Doch der Widerstand gegen chemische Pestizide wächst weltweit.
- Die Landwirtschaft verändert sich radikal – und mit ihr die Geschäftsmodelle. Bayer setzt auf ein komplett neu gestaltetes Modell, das in den kommenden Jahren etabliert werden soll.
- Wir erklären, wie Bayer digitale Technologien wie Roboter und Drohnen nutzen will, um einem möglichen Ausfall von Einnahmen im Zuge der schwindenden Akzeptanz des Unkrautvernichters Glyphosat entgegenzuwirken.
Leverkusen/Köln – Die Landwirtschaft war, wenn auch kein triviales, so doch lange Zeit ein eindeutiges Geschäft: Agrarkonzerne entwickelten Saatgut und Pestizide, die sie Pflanzenschutzmittel nannten, und verkauften sie in möglichst großen Mengen an die Landwirte. Landwirte kauften von Agrarunternehmen jene Produkte, die ihnen bei möglichst geringem Aufwand den größten Ertrag sichern würden – und hofften darauf, dass sich die Versprechen bewahrheiteten.
Doch die Landwirtschaft verändert sich radikal, und mit ihr die Geschäftsmodelle. Bayer setzt auf ein komplett neu gestaltetes Modell, das in den kommenden Jahren etabliert werden soll: Der Leverkusener Konzern trifft anhand von datengestützten Feldanalysen Prognosen zum erwarteten Ernteertrag und wie diese mit dem gezielten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gesteigert werden können.
Bayer nimmt unternehmerisches Risiko von den Schulten der Kunden
Die Mittel zur Ertragssteigerung stellt Bayer sodann seinen Kunden zur Verfügung. Ist die Prognose fehlerhaft und die Ernte fällt geringer aus, sinkt auch die Höhe der Beträge, die Bayer dem Landwirt in Rechnung stellt. Übertrifft die Ernte die Prognose, teilen sich Bayer und der Landwirt die Überschüsse.

Ein Mitarbeiter steht auf einem Feld neben dem Agrarroboter Bonirob.
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Die Leverkusener vollziehen damit eine Abkehr vom klassischen Geschäft, in dem es dem Unternehmen gut ging, wenn es möglichst große Mengen seiner Produkte an die Bauern gebracht hatte. Nun nimmt es unternehmerisches Risiko von den Schultern seiner Kunden und will dazu beitragen, Pestizide nur dann einzusetzen, wenn sie notwendig sind.
Klimawandel macht Bauern weltweit zu schaffen
Die Veränderung der Landwirtschaft wird beeinflusst vom Klimawandel, der in Form zunehmender Extremwetterereignisse Bauern weltweit zu schaffen macht, von knappen Ressourcen und einer wachsenden Weltbevölkerung, die unter diesen Umständen ernährt werden muss. Und von der Entwicklung digitaler Technologien und Robotern sowie der öffentlichen Meinung, die sich immer stärker gegen Pflanzengifte wie Glyphosat richtet.
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Da ist zum einen der in Studien belegte negative Einfluss des Glyphosats auf die Biodiversität – Kritiker machen das Pflanzengift für das Bienensterben verantwortlich. Zum anderen steht Glyphosat im Verdacht, Krebs zu verursachen. Regulierungsbehörden weltweit sehen zwar keinen Anlass, der dünnen Beweislage für den Vorwurf zu folgen und verweisen stattdessen auf Hunderte Studien, die zum gegenteiligen Ergebnis kommen – doch die Akzeptanz für den Unkrautvernichter und den massenhaften Einsatz anderer Pestizide schwindet.
Bayer ist Weltmarktführer für Chemikalien zum Schutz von Nutzpflanzen
Das merkt auch Konstantin Kockerols, wenn er auf seinen Feldern in Baesweiler bei Aachen Pestizide versprüht. Kritisch nachfragenden Spaziergängern müsse er immer wieder versichern, dass die Pflanzenschutzmittel nicht gesundheitsgefährdend seien, erzählt der Bauer bei Bayers Konferenz „Future of Farming“ in der vergangenen Woche. Seit der 57 Milliarden Euro teuren Übernahme Monsantos im Sommer 2018 ist der Leverkusener Konzern Weltmarktführer für Chemikalien zum Schutz von Nutzpflanzen.

Eine Drohne fliegt vor einem Traktor über einem Getreidefeld. Mit «Smart Farming» sollen mit neuester Technik in der Landwirtschaft die Erträge gesteigert und die Nachhaltigkeit verbessert werden.
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Die EU-Zulassung für Glyphosat läuft Ende 2022 aus und wird wohl nicht erneuert. Auch Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) rechnet nicht mit einer Mehrheit für die Verlängerung, das Umweltministerium unter Svenja Schulze (SPD) begrüßt das.
Bayer: Glyphosat hilft dabei, Abgase zu vermeiden
Bayer verweist in der Diskussion gerne darauf, dass Glyphosat – das Mittel lässt Pflanzen absterben, mit denen es in Berührung kommt – dabei hilft, Abgase zu vermeiden. Schließlich müsse der Boden nach Glyphosat-Behandlungen nicht mehr mit Hilfe von Diesel-betriebenen Maschinen gepflügt werden. Der Agrarwissenschaftler Horst-Henning Steinmann, der am Zentrum für Biodiversität und Nachhaltige Landnutzung der Uni Göttingen forscht, stimmt zu: „Ohne Glyphosat werden Landwirte ihre Böden wieder stärker bearbeiten müssen.“ Und eine Bodenbearbeitung durch Pflügen verursache „deutlich mehr Energieverbrauch“, so Steinmann.
Den negativen Einfluss der Pflanzenschutzmittel auf die Biodiversität missachteten die Konzerne aber lange Zeit ebenso, wie sie den Widerstand ignorierten, der sich gegen ihre chemischen Mittel bildete. Matthias Berninger, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen und seit Anfang des Jahres oberster Lobbyist bei Bayer, umschreibt dies auf der Konferenzbühne wie folgt: „Die gesamte Agrarindustrie – und Bayer ist hier ein führendes Unternehmen – hat dazu beigetragen, die Ernteerträge zu erhöhen, hat dabei aber die planetaren Grenzen nicht ausreichend im Fokus gehabt.“
Bayer erwartet Ausfall von Einnahmen
Berninger bezog sich bei Bayers hauseigener Konferenz „Future of Farming“ auf das wissenschaftliche Konstrukt der „planetaren Grenzen“ des Schweden Johan Rockström. Es beschreibt die Grenzen des Ökosystems, deren Überschreitung die Lebensgrundlagen der Menschen gefährdet.

Ein Traktor mit dem Prototyp des Pflanzenschutzroboters fährt auf einem Salatfeld.
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Am Beispiel Glyphosat lässt sich der Wandel, dem sich Unternehmen wie Bayer und deren Kunden vermehrt unterwerfen müssen, gut veranschaulichen: Die Leverkusener haben nicht nur damit zu kämpfen, dass sie kein ähnlich effektives und preiswertes Alternativprodukt im Angebot haben, sondern auch mit dem erwarteten Ausfall von Einnahmen. Mit Pflanzenschutzmitteln macht der Konzern rund die Hälfte des Umsatzes der Agrochemie-Sparte – im Jahr 2018 betrug dieser 14,27 Milliarden Euro.
Datenanalysen und Elektroschocks
Nachhaltigkeit soll bei Bayer künftig ebenso viel zählen wie der Gewinn, verspricht Matthias Berninger. Digitale Technologien, Roboter und Drohnen sollen dabei eine große Rolle spielen. Mit Monsanto übernahm Bayer auch die Tochter Climate Corporation, die seit 2006 Daten zu Wetter, Boden, Klima und Erträgen sammelt. Die Daten von Drohnen und Satelliten geben Farmern einen komplett neuen Blick auf ihre Äcker. Sie können beispielsweise anhand des Chlorophyllgehalts erkennen, welche Pflanzen gesund sind, und daraus Schlüsse ziehen, die helfen, den Ertrag möglichst pflanzenschonend zu erhöhen.
Der erste Schritt sind Sprühgeräte, die nur noch dort Pestizide einsetzen, wo der Computer sie für notwendig erachtet. Solche Maschinen sind bereits im Einsatz. Bob Reiter, in Bayers Agrochemie-Sparte für die Forschung und Entwicklung verantwortlich, erzählt bei „Future of Farming“ aber auch von Drohnen, die die Größe von Pflanzen in Sekunden deutlich exakter feststellen können und in der Lage sind, Chemikalien präzise auf einzelne Pflanzen zu sprühen, statt ganze Feldabschnitte zu behandeln. Dem „Smithsonian Magazine“ zufolge sind landwirtschaftliche Drohnen in der Lage, an einem Tag bis zu 400 Hektar Ackerfläche zu analysieren. Menschen bräuchten für einen winzigen Bruchteil der Menge einen ganzen Tag.
Agrarforscher zweifelt an „idyllischer Zukunft“
Zahlreiche Unternehmen und Forschungsinstitute arbeiten auch daran, Pflanzenschutzmittel mit mechanischen Methoden zu ersetzen: Roboter wie der „Etarob“, der an der FH Aachen entwickelt wird, sollen chemische Lösungen ebenso obsolet machen wie das Pflügen. Autonom fährt er über die Felder, analysiert die Pflanzen per Kamera und nutzt Elektroschocks, um Unkraut zu vernichten. Der „Bonirob“ von Bosch verwendet Baggerarme, die das Unkraut aus dem Boden holen. Der Unkraut pflückende Roboter der US-Firma Farmwise wurde mit Millionen Bildern trainiert, damit er zwischen Nutzpflanze und Unkraut unterscheiden lernte.
Agrarforscher Steinmann erkennt in den neuen Methoden kein Allheilmittel: „Am Ende kommt es auf die Umsetzung durch den Landwirt an“, sagt der Professor. Statt zu nachhaltigeren Ökosystemen könnten die Technologien auch zu einer weiteren Intensivierung der Anbausysteme führen: „Ich bin noch nicht überzeugt, dass dieser Technikweg automatisch in einer idyllischen Zukunft mündet.“


