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Interview

Ex-Finanzminister Lindner
„Der Autohandel ist kein Streichelzoo“

12 min
Ein Mann lächelt in die Kamera.

Einst Minister, jetzt Autoverkäufer: Christian Lindner im „Autoland“ in Berlin.

Als Bundesfinanzminister empfing Christian Lindner zum Gespräch in seinem Minister-Büro. Heute kommt er zum Interview in ein Autohaus im Berliner Nordwesten.

Herr Lindner, Sie sind jetzt Vorstand bei einem großen Autohändler mit 1500 Mitarbeitern. Die meisten davon kannten Sie bislang nur aus dem Fernsehen und aus der Politik. Wie treten die Ihnen gegenüber?

Die Mitarbeiter und unsere Kunden treten mir so gegenüber wie ich ihnen – aufgeschlossen und neugierig. Protokoll und Bekanntheitsgrad spielen keine Rolle, wenn es um konkrete Aufgaben geht. Bei Autoland bin ich in einen erfolgreichen Konzern eingetreten. Der Gründer Wilfried Wilhelm Anclam hat mit einer Leistung, die man mit Reinhold Würth oder Erich Sixt vergleichen kann, in 47 Jahren aus seinem Käfer-Treff in Hannover ein Milliarden-Unternehmen gemacht. Ich kann als Vorstand nicht den Anspruch haben, meinen Mitarbeitern zu erklären, wie Autohandel funktioniert. Das beherrschen die. Ich verbreitere das Management für neue Themen, Methoden und die Expansion.

Wo liegen denn Ihre neuen beruflichen Schwerpunkte? Sie sind jedenfalls nicht nur als Lobbyist engagiert?

Nein, Lobbyist bin ich gar nicht. Das liegt mir nicht. Mich kann man nicht bezahlen, damit ich eine andere Meinung als meine eigene vertrete. Mein Ressort umfasst den Vertrieb, das Marketing und die weitere Digitalisierung des Unternehmens. In meinen Bereich fällt damit auch die Verantwortung für unsere Niederlassungen, wie diese hier in Berlin. Meine Aufgabe ist, Autoland bundesweit zu etablieren. Niemand sonst im Markt hat so viel Auswahl an sofort verfügbaren Neu- und Gebrauchtwagen zu so günstigen Preisen. Autoland ist kein Fähnchenhändler auf dem Kiesplatz. Wir halten Mobilität mit dem eigenen Auto finanziell erreichbar. Ich will unsere Marke wie IKEA für Autos positionieren – tolle Qualität, guter Preis, alle gehen hin. Unser nächstes Ziel ist es, den Umsatz in den kommenden Jahren auf zwei Milliarden Euro zu verdoppeln, den Online-Verkauf zu stärken und bundesweit zu expandieren.

Mit Ostdeutschland vertraut

Bislang wird Autoland allerdings vorwiegend als ostdeutsches Unternehmen wahrgenommen, die Firmenzentrale liegt in der Nähe von Halle.

Über autoland.de kann man auch aus Köln unsere Fahrzeuge kaufen. In der Tat sind unsere 36 Niederlassungen noch schwerpunktmäßig in Ostdeutschland, aber beispielsweise in Hamburg, Hannover und Kassel sind wir auch schon vertreten. Als gebürtiger Nordrhein-Westfale freue ich mich natürlich, dass wir bald in NRW präsent sind. Einen ersten Standort gibt es bereits. Die Eröffnung wird spätestens 2027 erfolgen.

Müssen Sie denn jetzt Ostdeutschland neu kennenlernen oder ist Ihnen die Region vertraut?

Ich bin mit Ostdeutschland vertraut, aber nun bin ich hier natürlich ungleich öfter unterwegs. Was viele nicht wissen: Die Hälfte meiner Familie stammt aus Ostdeutschland. Ich habe Verwandtschaft im Spreewald, in Cottbus, in Magdeburg, im Jerichower Land und in Dresden. Ich würde mich also als gesamtdeutsch bezeichnen. Fremd fühle ich mich im Osten jedenfalls nicht.

Wie hat sich Ihr Berufsleben denn verändert seit Ihrem Abschied aus der Politik? Die Fremdbestimmung über Ihren Kalender hat wahrscheinlich abgenommen.

Ja, der Grad an Selbstbestimmung ist natürlich viel größer. Aber ich habe mir schon einen Kalender gebaut, der wie früher eng getaktet ist. Mir macht es Freude, unterwegs und gefordert zu sein. Neben der vielschichtigen Managementaufgaben bei uns habe ich noch externe Mandate in Aufsichtsräten anderer Unternehmen, um einen breiteren Horizont und unabhängigen Blick zu behalten. Trotzdem ist das Leben fundamental anders als zuvor. Politik ist im Grunde ein ständiger Käfigkampf – ohne Pause und mit harten Tritten. Das schaue ich mir jetzt von außen an. Natürlich ist auch der Automobilhandel kein Streichelzoo. Neue Antriebstechnologie, eine höhere Preissensibilität der Kunden, Margendruck und neue digitale Kanäle verändern die Branche. Aber es ist kein Cagefight.

Auto als Unabhängigkeits-Symbol

Vermissen Sie den denn nicht manchmal auch?

Nein. Ich war leidenschaftlich gerne Politiker und habe immer für meine marktwirtschaftlichen und liberalen Grundüberzeugungen gekämpft. Auseinandersetzungen bin ich nie aus dem Weg gegangen. Aber alles im Leben hat seine Zeit. Jetzt habe ich Freude an konkreter Gestaltung, wo man Ergebnisse schneller sieht.

Bei der Wahl der Branche waren Sie jedenfalls konsequent. Aus Ihrer Leidenschaft für das Automobil haben Sie nie ein Hehl gemacht.

Absolut. Für mich persönlich war und ist das Auto Unabhängigkeit. Politisch war es immer mein Anliegen, die Freiheit der individuellen Mobilität finanziell erreichbar zu halten. Mit dieser Mission passe ich gut zu Autoland. Das allein hätte aber nicht gereicht. Ich hatte noch bedenkenswerte Angebote aus anderen Branchen, die mich interessieren. Herr Anclam als Eigentümer und Gründer hat mir aber eine einmalige unternehmerische Mitverantwortung angeboten. Diese Kombination aus Branche und Gestaltungsmöglichkeiten hat mich überzeugt. Auch wenn mir klar war, dass viele Beobachter vollkommen erstaunt sein würden und nicht wenige über den Gebrauchtwagenhändler Lindner spotten.

Sie wussten vorher, dass das kommt.

Ja, natürlich. Politiker als Gebrauchtwagenhändler hat ja auch eine humorige Note. Mich stört aber höchstens, dass unser Neuwagengeschäft unterschlagen wird. Dennoch sagt die Häme viel über unser Land aus. Autobranche, Mittelstand und Ostdeutschland wurden als Ausdruck von sozialem Abstieg gedeutet. Dabei ist auch der Gebrauchtwagen kein Schrott, sondern ein hochwertiges, zumeist hochpreisiges Produkt, das professionell vermarktet werden muss. Wenn jemand fünf Jahre ein Auto fährt, erwartet er beim Wechsel schließlich einen fairen Restwert. Und für viele ist das neue Auto erst aus zweiter Hand bezahlbar. Deshalb wird auf diesen Bereich zu Unrecht herablassend geschaut. Denn in Wahrheit reden wir über eine Branche in Multimilliardenhöhe, die ein hohes Maß an Professionalität erfordert.

Was verkaufen Sie denn lieber? Verbrenner oder E-Autos?

Da sind wir vollkommen agnostisch. Entscheidend ist die Wahlfreiheit der Kunden. Die führt dazu, dass wir gegenwärtig nur wenige E-Fahrzeuge im Bestand haben. Ich selbst fahre dienstlich einen Plug in-Hybrid – in der Stadt elektrisch und auf längeren Strecken mit der Flexibilität eines Verbrenners. Für die Übergangszeit und viele Nutzungsszenarien ist das eine gute Lösung. Viele Menschen sind noch zurückhaltend: wegen der Ladeinfrastruktur, wegen hoher Strompreise, wegen der Unsicherheit über zukünftige Restwerte oder mögliche Technologiesprünge bei Batterien. Diese Bedenken sind nicht alle unberechtigt. Aber langfristig wird der Anteil der E-Mobilität trotzdem unbestreitbar stark wachsen.

Langfristig wird der Anteil der E-Mobilität trotzdem unbestreitbar stark wachsen.
Christian Lindner

Wird die neue Umweltprämie dazu beitragen?

Meine kritische Einstellung gegenüber staatlicher Wirtschaftslenkung und Subventionen habe ich nicht mit dem Job abgelegt. Die neue Förderung von E-Autos ist zudem schlecht gemacht. Denn es werden ja nur Neuwagen gefördert. Dadurch sinken die Restwerte gebrauchter E-Fahrzeuge. Da verlieren viele Privatleute Geld. Wenn man E-Autos schon fördern möchte, wäre aus meiner Sicht ein Gutschein für Ladestrom – beim Kauf eines neuen oder jungen gebrauchten Autos – der klügere Weg gewesen. Stattdessen gibt es eine hochbürokratische Konstruktion, die auch noch Verlierer produziert.

Hier hätten Sie ja als Lobbyist tätig werden können, ihre alten Verbindungen nutzen und sagen können: Jetzt macht das doch auch für die Gebrauchten.

Ich mache das lieber auf diesem Weg hier statt hinter den Kulissen. Also wenn schon Subvention, dann hätte es bessere Hebel gegeben. Denn wenn jemand vom Verbrenner auf ein gebrauchtes E‑Auto umsteigt, hilft das auch der CO₂‑Reduktion. Trotzdem bin ich grundsätzlich kein Freund von Subventionen.

„Ich muss nicht mehr zu allem etwas sagen“

Was muss passieren, um den gigantischen Sanierungsstau bei Straße und Schiene in den Griff zu bekommen? Funktionierende Straßen müssen Sie als Auto-Verkäufer ja auch interessieren.

Erstens: Straße und Autobahn dürfen nicht gegenüber anderen Infrastrukturprojekten vernachlässigt werden. Politisch gibt es eine starke Sympathie für die Bahn, was durchaus ehrenwert ist. Aber der Verkehrsträger Straße ist für Menschen und Logistik weiterhin mit großem Abstand die Nummer eins – und darf nicht darunter leiden. Zweitens: Wir brauchen schnelleres Planungs- und Baurecht. Viele Projekte scheitern nicht am Geld, sondern daran, dass wir uns selbst im Weg stehen. Die neue Bundesregierung hat zwar hohe Schulden aufgenommen, angeblich für Investitionen – aber die Investitionsquote des Staates ist trotz höherer Verschuldung 2025 erst einmal gesunken. Die CDU-Wähler werden sich ärgern: Die Regierung Merz macht mehr Schulden als die Regierung mit FDP-Beteiligung davor, und dennoch sinkt die Investitionsquote. Viel vom frischen Geld wird genutzt, um strukturellen Reformbedarf zu verdecken. Das darf nicht das letzte Wort sein.

Sie sind also mit dem Herzen durchaus noch dabei bei der Politik?

Ich verfolge politische Debatten natürlich weiterhin, aber ich bin auch froh, dass ich mich nicht mehr an jeder einzelnen beteiligen muss. Ich äußere mich gelegentlich – wenn ich einen Zeitungsbeitrag schreibe oder in einem Interview wie diesem. Aber ich muss eben nicht mehr zu allem etwas sagen. Das empfinde ich als Entlastung.

Zur Debatte um Ausbau oder Einschränkung des Sozialstaates haben Sie sich immer gerne geäußert.

Ja, denn das ist eine Schlüsselfrage. Es geht um Gerechtigkeit zwischen Jung und Alt und zwischen denjenigen, die Solidarität benötigen, und den anderen, die sie mit Steuern und Abgaben bezahlen müssen. Deshalb ist die Treffsicherheit eine Daueraufgabe. Ich empfinde den Sozialstaat dann als erfolgreich, wenn immer weniger Menschen ihn in Anspruch nehmen müssen. Viele Linke wollen dagegen Umverteilung und sehen möglichst hohe Sozialausgaben per se als Errungenschaft. Ich sehe es genau umgekehrt. Erfolgreich ist ein Sozialstaat dann, wenn seine Bilanz zeigen würde, dass durch Vorsorge, Aktivierung und Befähigung die Zahl derjenigen sinkt, die dauerhaft auf ihn angewiesen sind – außer in schweren Lebenskrisen, Schicksalsschlägen oder bei Krankheit.

Leistung soll einen Unterschied machen

Das sehen andere allerdings anders.

Es gibt meiner Meinung nach ein Missverständnis darüber, was die Mehrheit der Menschen in Deutschland vom Sozialstaat erwarten. Wir alle wollen – und das ist eine zivilisatorische Errungenschaft –, dass niemand ins Bodenlose fällt, wenn er in Not gerät. Gleichzeitig erwarten die meisten Menschen aber auch, dass sich Anstrengung lohnt, dass Leistung einen Unterschied macht. Wenn in einem Mehrfamilienhaus eine Familie lebt, die arbeitet, und in der Wohnung gegenüber eine Familie mit dem gleichen Lebensstandard wohnt, die nicht arbeitet, dann sagen die Menschen nicht: „Gut, dass unser Sozialstaat funktioniert.“ Sie sagen: „Hier stimmt was nicht.“ Beispielsweise die Dänen machen es in dieser Hinsicht besser.

Ein Mann lächelt in die Kamera.

Christian Lindner ist seit Langem leidenschaftlicher Auto-Fan.

Sie waren ja nun selbst lange in Regierungsverantwortung. Warum haben Sie sich nicht durchgesetzt?

Wie wäre das angesichts der Realitäten unserer Parteiendemokratie möglich? In Deutschland bilden wir seit vielen Jahren Regierungen aus zwei Richtungen. Parteien links der Mitte und rechts der Mitte müssen koalieren, weil die Ränder zu stark geworden sind. In der Sache heben sich die unvereinbaren Politikkonzepte dann auf und der Status quo wird mehr oder weniger fortgeschrieben. Friedrich Merz hat das am Anfang anders gemacht, indem er in der Haushaltspolitik auf den Kurs von Rot-Grün eingeschwenkt ist. Das war zwar mal ein Befreiungsschlag, aber zumindest ich war nicht begeistert. Ansonsten ist die jetzige Regierung genauso in der Verkantung gefangen wie die Ampel-Koalition oder die Merkel-Kabinette.

Sie haben zwar eben vom Käfig-Fight gesprochen, der die Politik für Sie war. Aber Hand aufs Herz: Fehlen ihnen die Politik, die Ämter, der Glanz, der Regierungsflieger oder die Dienstwagen nicht?

Die meiste Zeit meiner 25 Jahre in der Politik habe ich keinen Regierungsflieger gehabt, sondern sieben Tage in der Woche Anspannung. Vor allem als Minister habe ich das hohe Protokoll immer nur als geliehen empfunden. Das galt dem Staatsamt, nicht mir als Person. Deshalb habe ich beispielsweise als Finanzminister bewusst keinen Dienstwagen bestellt, sondern habe das genutzt, was das Bundeskriminalamt hingestellt hat. Das war auch ein Ausdruck für den sparsamen Umgang mit Steuergeldern. Einen schönen Dienstwagen habe ich erst jetzt, da ich ja an der Quelle sitze.

Zu jung, um nur noch zu reden

Wie hat Ihre Familie denn auf die neue Situation nach dem Ampel-Aus reagiert?

Erleichtert. Familie und Freunde von Spitzenpolitikern zahlen einen hohen Preis. Ich bin deshalb froh, dass meine Tochter anders aufwachsen kann. Und natürlich kann ich mich heute ganz anders in meine Familie einbringen, als es mir als Minister möglich gewesen wäre. Allerdings hat meine Frau mich bestärkt, unterstützt und geradezu aufgefordert, dass ich in meiner zweiten Karriere auch meine ganze Tatendurstigkeit auslebe. Sie meinte, dass ich zu jung sei, um nur noch zu reden. Ich müsse auch wirklich etwas gestalten.

Wie tief war denn das Loch, in das Sie damals gefallen sind? Gab es überhaupt eins?

Ich bin in kein Loch gefallen. Im Gegenteil. Ich hatte mir nach der Bundestagswahl und dem Ende der politischen Laufbahn romantische Vorstellungen gemacht. Vollkommen naiv, wie ich heute weiß. Ich habe seit meinem 18. Geburtstag durchgehend viel gearbeitet. Da dachte ich, dass wir mit unserem Baby einmal drei Monate ins Ausland gehen können. Eine Airbnb-Wohnung in Paris, Barcelona, Madrid – oder vielleicht Rom. Es kam aber anders, weil meine Natur ganz anders ist. Ich war gleich wieder aktiv mit Buchungen als Referent auf internationalen Kongressen und mit Gesprächen über berufliche Engagements. Übrigens gut für den Steuerzahler: Ich habe keinen einzigen Euro Übergangsgeld in Anspruch genommen. Ich bleibe also auch als Privatmann sparsam im Umgang mit öffentlichem Geld.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu den Ampelakteuren heute?

Es ist ja eine geradezu absurde Pointe, dass ich in meiner politischen Laufbahn die meiste Zeit im scharfen Wettbewerb zu Rot-Grün stand, aber aufgrund der Zeitumstände dann ausgerechnet in einer Ampel Regierungsverantwortung getragen habe. Deshalb habe ich zu einigen Sozialdemokraten noch herzlichen Kontakt und zu einzelnen Grünen, aber Freunde außerhalb meiner eigenen Partei habe ich vor allem bei der Union.

Lebensgefühl der Freiheit braucht eine politische Heimat

Und wie blicken Sie auf Ihre eigene Partei?

Ich liebe meine Freiheit, trage gerne Verantwortung, glaube an den Fortschritt und das Gute im Menschen. Dieses Lebensgefühl braucht eine politische Heimat. Für mich kann das nur die FDP sein. Das war immer die einzige Partei, die den einzelnen Menschen ins Zentrum gestellt hat. Und nicht Staat oder Gemeinde oder Christentum, nicht das Kollektiv der Arbeiterklasse, nicht die Fiktion einer ethnischen Volksgemeinschaft und auch nicht ökologische Imperative. Das ist also eine ganz eigene Position. Daraus ergeben sich der Einsatz für Bürgerrechte, Marktwirtschaft und gesellschaftliche Toleranz. Während der Regierungsbeteiligung in der Ampel wurden diese Markenwerte ausweislich der Wahlniederlage offensichtlich verdeckt. Ich bin überzeugt, dass es denen, die heute Verantwortung tragen, wieder besser gelingen wird, die liberalen Bürgerinnen und Bürger hinter der FDP zu versammeln. Übrigens ist mein Eindruck, dass zunehmend mehr Menschen die Rolle der FDP in der Ampelkoalition milder bewerten, wenn sie die aktuelle Regierung vergleichen.

In der letzten Spielzeit wurde ich nicht mehr Meister. Davor gab es aber Erfolge, an die ich mich gerne erinnere.
Christian Lindner

Die Frage ist, wie die Wähler das bei den anstehenden Wahlen bewerten.

Natürlich ist es die größte Herausforderung, außerhalb des Bundestags als relevante Stimme wahrgenommen zu werden. Da spreche ich aus Erfahrung. Manche denken: „Eigentlich wäre die FDP wichtig, aber sie schafft es ja leider nicht ins Parlament.“ Dabei gibt es keine verlorene Stimme. Jede ist ein Statement. Dass die nächste Wahl in Baden-Württemberg stattfindet, ist hilfreich – dort haben wir bekanntlich große Substanz.

Ist Ihr Rat denn noch gefragt in der FDP? Fragt Christian Dürr, Ihr Nachfolger als Parteichef, Sie um Rat?

Wir haben natürlich weiterhin freundschaftlichen Kontakt. Aber aus dem Tagesgeschäft bin ich raus. Der Parteivorsitzende findet seinen eigenen Weg.

Totengräber der FDP?

Und Parteiveranstaltungen lassen Sie aus. So waren Sie nicht beim Dreikönigstreffen in diesem Jahr, sonst ein Pflichttermin für Sie.

In diesem Jahr war das mein zweiter Arbeitstag im neuen Job. Da muss ich Prioritäten setzen – bei allen Freiheiten und Vorlieben, meine erste Loyalität gilt dem Unternehmen. Im Übrigen trage ich jetzt Verantwortung für eine Gesellschaft, für die alle Kunden und Mitarbeiter willkommen sind, wenn sie auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Wir haben zwar rote Farbe im Logo – aber Parteipolitik spielt hier keine Rolle. Das trenne ich ganz klar.

Es gibt Menschen, die in Ihnen den Totengräber der FDP sehen.

Es ist eine Tatsache, dass die FDP mit mir als Spitzenkandidaten den Wiedereinzug in den Bundestag 2024 nicht geschafft hat. Die Gründe sind vielschichtig. Von den Gründen bedauere ich das Ampel-Aus übrigens ausdrücklich nicht. Wir haben die Regierung Scholz aus voller Überzeugung beendet, obwohl wir die Risiken kannten und die eigenen Pensionsansprüche aufgegeben haben. Für all das habe ich die Verantwortung übernommen. Allerdings nehme ich für mich auch in Anspruch, dass die FDP ohne mich 2012 nicht in den Landtag Nordrhein-Westfalen und 2017 überhaupt gar nicht mehr in den Deutschen Bundestag eingezogen wäre. In meiner letzten Saison als aktiver Politiker hatte ich das Schicksal mancher Fußballprofis: In der letzten Spielzeit wurde ich nicht mehr Meister. Davor gab es aber Erfolge, an die ich mich gerne erinnere. Ich bin mit mir im Reinen.

Guido Westerwelle, ihr Vor-Vorgänger als Parteichef, ist vor zehn Jahren gestorben. Was bleibt von ihm in Erinnerung – für die FDP, aber auch für Sie persönlich?

Guido Westerwelle hat früh davor gewarnt, dass im jahrzehntelangen Erfolg unseres Landes auch die Gefahr eines späteren Scheiterns angelegt sein kann. Sein viel kritisierter Begriff der „spätrömischen Dekadenz“ war provokant und hat ihm Gegenwind eingebracht. Rückblickend muss man sagen: Er war vielleicht früh mit seiner Analyse, aber er hat die Gefahr klar gespürt. Die Stagnation der folgenden Jahre, der Verlust wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und eine gewisse moralische Überheblichkeit unseres Landes, die nicht mehr durch wirtschaftliche Substanz gedeckt war – all das hat seine Warnung im Nachhinein bestätigt. Sie bleibt eine Mahnung. Und ein Auftrag, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen.