Während Astronauten in Köln fürs Mond-Comeback trainieren, steigert die Space-Industrie Umsatz und Arbeitsplätze – doch noch fehlen Investitionen.
Der Orbit als JobmotorWie NRW vom Boom der Raumfahrtindustrie profitieren will

Beim Industrietag Raumfahrt im DLR in Köln waren unter anderem Ministerpräsident Hendrik Wüst und die Astronauten Matthias Maurer und Alexander Gerst zu Gast.
Copyright: Land NRW / Marius Becker
„Knödel und Fleisch gibt es auch im Weltraum“, erzählt Esa-Astronaut Alexander Gerst NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst beim Blick auf eine karge Mondlandschaft. Es ist die Aussicht auf die Kölner Luna-Halle, eine Simulation des Erdtrabanten, in der Raumfahrer und Raumfahrerinnen aus aller Welt für Mondreisen trainieren. Weltweit ist sie einzigartig. Die Konversation über Knödel im All ist da nur eine kleine Randerscheinung. „Büchse auf, erwärmen und essen. Es schmeckt besser, als man denkt“, ergänzt Gerst noch. Vielleicht kommt er schon bald wieder in den Genuss der Dosen-Nahrung. Neben Matthias Maurer ist er einer von zwei Deutschen, die sich Hoffnung auf die anstehenden Artemis-Missionen machen. Und in Köln wird sich einer von ihnen darauf vorbereiten. Neben dem Fake-Mond ist auch das Europäische Astronautenzentrum hier ansässig – das interessierte den Ministerpräsidenten mehr, als der Austausch über galaktische Kochrezepte.
Industrie auf Wachstumskurs
Beim Industrietag Raumfahrt des Landes Nordrhein-Westfalen stand vor allem ein Thema im Mittelpunkt: die zunehmende Bedeutung der Branche in Deutschland. Denn die Industrie ist auf Wachstumskurs. Zwischen 2024 und 2025 stieg der Umsatz um 17 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, das geht aus den am Mittwoch veröffentlichten Daten des Bundesverbands für Luft- und Raumfahrt (BDLI) hervor. Rund 11.000 Menschen seien deutschlandweit in der Branche beschäftigt – ebenfalls ein Plus von zehn Prozent.

Die Luna-Halle auf dem Gelände des DLR in Köln simuliert die Umgebung auf dem Mond und ist weltweit einzigartig – sie ist nur ein Part des Raumfahrt-Ökosystems in NRW.
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Bei der Konferenz in Köln war man nicht überraschend an den wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Potenzialen am eigenen Standort interessiert und an der Frage: Wie entsteht Wertschöpfung in einem Sektor, der lange Zeit nur für Forschung und Exploration stand?
Um das zu diskutieren waren Hunderte Vertreter aus Industrie, Mittelstand, Forschung und Politik gekommen – und eben auch die astronautische Prominenz. Neben Gersts blauem Esa-Overall stach auch der von Maurer unter den Gästen hervor. Und egal, wen man fragte, eines wurde man an diesem Tag nicht müde zu betonen: „NRW ist ein starkes Raumfahrtland“, sagte etwa Wüst.
Strahlendetektoren aus Porz reisten ins All
Der Satz ist nicht neu, fiel er doch auch schon im vergangenen Jahr, bei der Auftaktveranstaltung des Formats. Doch seitdem sei einiges passiert, sagte der CDU-Politiker. Die Rückkehr zum Mond ist in vollem Gange. Auch NRW habe an dieser „Renaissance der Raumfahrt“ seinen Anteil, so der Minister. Etwa reisten Strahlendetektoren aus Porz zuletzt mit ins All.
Und auch die geopolitische Lage hat sich in den vergangenen Monaten weiter zugespitzt. „Raumfahrt ist ein Industriethema und ein Schlüsselbereich für Europas Handlungsfähigkeit. Denn die Zeitenwende gilt auch im All. Verlässliche Satellitenkommunikation, präzise Navigation und hochauflösende Erdbeobachtung sind Grundlage für moderne Wirtschaftspolitik, wirksamen Katastrophenschutz und funktionierende Verteidigung“, sagte der Ministerpräsident.
Auch um in Sachen kritischer Infrastruktur unabhängig zu werden, gilt Köln als wichtiger Standort. In drei Wochen steht der Spatenstich des Govsatcom-Hubs an. Das Programm, ein zentraler Baustein des europäischen Satellitenprojekts Iris2, ermöglicht sichere Kommunikation über Satelliten im Weltraum – und ist ein Gegenentwurf zu Elon Musks Starlink. Vor allem Behörden, öffentliche Einrichtungen oder der Katastrophenschutz sollen dadurch sicherer und störungsfrei kommunizieren können. 50 Millionen Euro steuert das Land bei.
400 NRW-Unternehmen in Luft- und Raumfahrt aktiv
Doch es sind nicht nur diese großen Projekte, mit denen NRW seinen Status als Raumfahrtland ausbauen will. Rund 400 Unternehmen sind in Nordrhein-Westfalen bereits in der Luft- und Raumfahrt tätig, 80 davon mit einer Spezialisierung auf Raumfahrt, von Leichtbaukomponenten bis hin zu Software für Satellitensteuerung. Und ginge es nach Wüst und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, sollen es noch mehr werden. Die Politik setzt auf Start-ups, auf technologische Innovationen, auf Ausgründungen aus den ansässigen Forschungseinrichtungen. Ein Beispiel: das frisch gegründete Unternehmen Fox Composites, das dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entspringt.

Vito Leisner ist Co-Gründer des Start-ups Fox Composites, einer Ausgründung des DLR.
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Die Gründer, Michael Welter und Vito Leisner, haben sich auf die Herstellung faserverstärkter Keramiken spezialisiert. Ein Material, das Hitze von bis zu 1300 Grad standhält. Warum man das braucht? „Es gibt heutzutage eigentlich keinen Industriezweig, der nicht mit der Herausforderung kämpft, seine Produkte langlebiger oder seine Prozesse effizienter zu machen. Die Innovationskraft und der technologische Fortschritt werden dabei zu oft durch die maximale Einsatztemperatur der aktuell verfügbaren Materialien begrenzt. Genau hierbei helfen wir unseren Kunden aus der Luft- und Raumfahrtindustrie, aber auch der Energie-, Sicherheits- und Chemiebranche“, so Leisner.
Noch stehen sie am Anfang. „Für die nächsten Schritte unseres Unternehmens finden wir hier in NRW alles, was wir brauchen“: die Forschungsinfrastruktur, um die Technologie weiterzuentwickeln, vor allem aber viele potenzielle Kunden aus der ansässigen Industrie. „Raumfahrt entsteht heute an den Schnittstellen zu Maschinenbau, Künstlicher Intelligenz und Quantentechnologien. Genau hier haben wir besondere Stärken“, ergänzte Wüst.
Raumfahrt sichert Arbeitsplätze
Bei aller Euphorie trat ein Thema fast in den Hintergrund. Raumfahrt ist vielleicht die Zukunft, sichert Arbeitsplätze und ist ein wichtiges sicherheitspolitisches Instrument. Vor allem ist sie aber eines: kapitalintensiv.
„Daher kann es gar nicht genug Förderung und Investments geben, um Space-Tech-Start-ups zu fördern“, sagte der Fox Composites-Gründer. Um das sogenannte Death Valley, die kritische Anfangsphase von jungen Firmen, zu überstehen, fordert er weitere Unterstützung aus der Politik: ein Ökosystem für unkomplizierte Ansiedlungs- und Wachstumsmöglichkeiten und eine Politik, die nicht nur fördert, „sondern auch als Ankerkunde auftritt“. Sie profitiere schließlich auch von innovativen Produkten.

Vertreter aus Industrie, Mittelstand, Forschung und Politik diskutierten über die wirtschaftlichen Potenziale der Raumfahrtindustrie in NRW.
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Da schlossen sich auch Alexander Gerst und Matthias Maurer an: „Wir müssen heute investieren, das kostet Geld, klar, aber dafür haben wir morgen den Benefit. Die nächste Generation wird sichere Arbeitsplätze haben und hochmoderne Technik auf Weltniveau herstellen“, sagte der Astronaut. Noch könne man mit Ländern wie China und den USA allerdings nicht mithalten. „Das möchten wir natürlich ändern.“
Ein gutes Signal sei, dass das Potenzial auch auf Bundesebene gesehen wird. Während Raumfahrtthemen sonst verteilt in den Ministerien für Wirtschaft, Verteidigung und Verkehr lagen, werden sie seit der laufenden Legislaturperiode im Haus von Dorothee Bär, der Ministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, gebündelt. Unter ihrer Führung stieg auch der deutsche Esa-Mitgliedsbeitrag auf eine Rekordsumme von 5,4 Milliarden Euro. Der Bund ist damit beitragsstärkster Mitgliedstaat der Europäischen Weltraumorganisation.
Nationale Förderung gesunken
Doch – und da liegt in den Augen einiger der Haken – das reicht nicht. Denn die europäische Ebene sei nur die halbe Strecke, bemängelt der Interessenverband der Raumfahrtindustrie. Nationale Programme sind dem BDLI zufolge die Grundlage für technologische Leistungsfähigkeit und industrielle Wettbewerbsfähigkeit – und da sieht der Verband noch Nachholbedarf. Denn das nationale Budget namens RIKo (Raumfahrtprogramm für Innovation und internationale Kooperation) liegt derzeit bei 282 Millionen Euro – und ist seit 2022 um rund ein Viertel gesunken.
„Es wird weder der Relevanz der Branche noch dem eigenen Anspruch Deutschlands gerecht“, heißt es in einem Positionspapier. Kurz- bis mittelfristig sei ein Aufwuchs auf mindestens 500 Millionen Euro notwendig, langfristig auf eine Milliarde Euro, um strategisch handlungsfähig zu bleiben. Das zeige auch ein Blick auf die Nachbarstaaten. Frankreich investiere national bereits rund 1,3 Milliarden Euro, Italien rund 700 Milliarden Euro. „Deutschland muss hier deutlich stärker werden, damit europäische Mittel auch stärker in deutsche Wertschöpfung übersetzt werden. Schließlich stecken in EU-Programmen erhebliche deutsche Steuermittel“, hieß es.
Maurer widersprach dem: „95 Prozent des Budgets fließen wieder zurück nach Deutschland“, sagte er. Allerdings nicht unbedingt nach NRW. Bayern und Bremen etwa hätten die Nase vorn. „Was das angeht, wird das Potenzial hier noch nicht ganz ausgenutzt.“ Doch man sei auf einem guten Weg dahin.
