Die Fitness-Sportart Hyrox zieht Massen an – auch in Köln. Ob die Events nachhaltig Erfolg haben oder der Trend bald vergessen ist?
Deutscher ExportschlagerWarum plötzlich alle Hyrox machen – und wer daran verdient

13.500 Sportler starteten Mitte April beim Hyrox im Rahmen der Fitnessmesse Fibo in Köln – hier drei von ihnen auf einer von acht Ein-Kilometer-Laufrunden.
Copyright: Uwe Weiser
Eine Stunde, 27 Minuten und 21 Sekunden steht auf dem Monitor. Es ist die Zielzeit von Jessica Kundiger und Tom Hankel, sie 31, er 51 Jahre alt. In der Kölner Messehalle 10.2 haben sie gerade gemeinsam ihren ersten Hyrox absolviert. Hyrox, das ist die Sportart der Stunde, ein global gehypter Fitnesswettkampf, ein Mix aus Ausdauer- und Kraftübungen. Nicht umsonst haben die Veranstalter der Fitnessmesse Fibo dem viertägigen Event eine ganze Halle eingeräumt – rund 22.000 Quadratmeter Fläche.
Bei ihrer Premiere ist das Ergebnis für Hobbysportler wie Kundiger und Hankel fast zweitrangig. Auf der Strecke und im Ziel werden sie bejubelt, das Publikum reckt selbstbemalte Plakate in die Luft, Hauptsache ankommen. „Es geht um die Challenge“, sagt der Nürnberger, der sich frühmorgens auf den Weg von Bayern ins Rheinland gemacht hat.

Im Ziel wurden Tom Hankel (2.v.l.) und Hyrox-Partnerin Jessica Kundiger verschwitzt von ihren Unterstützern in Empfang genommen.
Copyright: Janne Ahrenhold
Eine Stunde, 27 Minuten und 21 Sekunden alles vergessen, an die Grenzen gehen, „sich mal richtig auseinandernehmen lassen“, das sei ihr Antrieb gewesen, sagt seine Hyrox-Partnerin Kundiger. Eigentlich kennen sie sich vom Handball, Hankel war ihr Trainer. Jetzt haben sie sich eine neue sportliche Herausforderung gesucht.
Alles zum Thema Messe Köln
- Start-up „Life Teach Us“ Statt Unterrichtsausfall gibt es an dieser Kölner Schule Wissen fürs Leben
- Polizeieinsatz und Signalstörung Einschränkungen auf zwei Kölner Bahnstrecken im Berufsverkehr
- Olympia-Abstimmung Das lange Warten auf das Ergebnis – „Leute haben sich angeschrien“
- Fitnessmesse Die Fibo in Köln hat so viele Besucher wie noch nie – aber nicht alle sind begeistert
- Bürgerentscheid zu Olympia Langes Warten auf die Zahlen – darum lieferte Köln so spät
- Bürgerbeteiligung im April Wenn Kölner „Nein“ sagen, ist die Olympia-Bewerbung geplatzt
- 58. Art Cologne Eine Messe für die armen Reichen
Der Sport sei integrativ, gut durchdacht und für unterschiedliche Altersklassen und Können-Level geeignet, sagt Hankel. Das Durchschnittsalter liegt bei 34 Jahren, aber auch einige Ü60-Sportler sind dem Ausrichter zufolge dabei.
Prognose: 250 Millionen Euro Umsatz, 2,3 Millionen Teilnehmer weltweit
Das Format ist ein deutscher Exportschlager. 2017 gründeten Sportmanager Christian Toetzke und Hockey-Doppel-Olympiasieger Moritz Fürste in Hamburg die Marke Hyrox, die seit einigen Jahren die Sportbranche aufmischt – und nehmen damit einen Haufen Geld ein.
Denn neben Hankel und Kundiger laufen allein in Köln an den vier Messe-Tagen rund 13.500 Athletinnen und Athleten durch den standardisierten Parcours. Nicht alle auf einmal, sondern schubweise, sodass niemand das Gefühl hat, Letzter zu sein. Im Hintergrund wummern Elektro-Beats, ein DJ legt auf, der Moderator feuert die Athleten an. Schwitzend, teils ächzend, bewältigen sie acht Stationen, darunter Schlittenziehen und -schieben, Burpee-Weitsprünge, Ausfallschritte, Gewichte tragen und Medizinball werfen – und zwischen den Übungen wird gelaufen. Jeweils einen Kilometer.

Als Duo können Männer und Frauen gemeinsam antreten. Hier wechseln sie sich bei der Übung Wallball ab. 100 Mal pro Paar wird der Medizinball in Kombination mit einer Kniebeuge an eine hohe Zielscheibe geworfen.
Copyright: AFP
Einige dürften sich an die Trimm-dich-Pfade der 70er-Jahre erinnert fühlen, allerdings in ultramodern, hochprofessionalisiert und kommerzialisiert. Denn natürlich läuft hier niemand gratis mit. Bis zu 124 Euro beträgt die Startgebühr pro Person, abhängig von der Kategorie, in der man startet: als Paar im „Double“, so wie die beiden Nürnberger, allein als „Single“ oder in der Staffel. Die Events sind in kürzester Zeit ausverkauft, mehr als 100 Rennen veranstaltet Hyrox weltweit jährlich.
Zeitgleich mit dem Kölner Event fanden Veranstaltungen in Rotterdam, Malaga, Warschau und Monterrey (Kalifornien) statt. An diesem Wochenende beschlagnahmt Hyrox das Expo-Gelände in São Paulo und den eindrucksvollen Grand Palais in Paris. Neben Messehallen leisten sie sich Events in Fußball- und NFL-Arenen. Für die achttägige New Yorker Ausgabe Ende Mai haben sich 50.000 Menschen innerhalb von 40 Minuten angemeldet, der Rest landete auf der Warteliste.
Hyrox füllt Lücke: Aus dem Konzept Fitness wird eine Wettkampfsportart
So werden allein in diesem Jahr mehr als eine Million Teilnehmende einen Hyrox beenden. In der Saison 2026/27 sollen es 2,3 Millionen Starter weltweit sein, berichtet Douglas Gremmen dieser Redaktion zwischen zwei Terminen bei der Fibo. Bei Hyrox ist er Chief Growth Officer – zuständig fürs Wachstum des Unternehmens. Sein Kurs scheint nicht nur mit einem Blick auf die Teilnehmerzahlen und die Durchdringung von Märkten in Europa, USA, Südamerika, Indien und China zu stimmen, sondern auch wirtschaftlich. 2025 meldete Hyrox einen Umsatz von 130 Millionen Euro. „In diesem Jahr rechnen wir mit einer Verdopplung auf 250 bis 300 Millionen Euro“, sagt der Manager. Das Unternehmen sei profitabel, über die Gewinne spreche man allerdings nicht öffentlich.
Trotz dieser Unbekannten gilt Hyrox als das am schnellsten wachsende Fitnessevent der Welt. Kaum verwunderlich ist Gremmen auf dem Messegelände in Köln ein viel gefragter Mann, redet in Keynotes über die Skalierung von Fitnesskonzepten und in Panels über die Bedeutung von sozialer Interaktion beim Sporttreiben.

Manuela Petruk und Stefan Kauhardt, eigentlich Triathleten, haben in Hyrox eine neue Herausforderung gefunden.
Copyright: Janne Ahrenhold
Die ist eine der Zutaten des Erfolgsrezepts. Das berichten auch die Sportler, die reihenweise mit zufriedenen Gesichtern, aber sichtlich erschöpft aus der Zielzone torkeln und dort von ihren Unterstützern in Empfang genommen werden. Manuela Petruk (49) und Stefan Kauhardt (54) zum Beispiel. In Köln sind sie im pinkfarbenen Partnerlook-Outfit angetreten. Normalerweise nehmen sie an Triathlon-Wettkämpfen teil. „Da sind wir Einzelkämpfer“, sagt Kauhardt. Hyrox mache sie zu Teamplayern, gebe neue Impulse fürs Training und fülle eine Lücke für Fitnesssportler, sagt der Gladbecker.
Noch Trend oder ein nachhaltiges Format?
Lücke ist wohl das entscheidende Stichwort. Im Marketing heißt er „Sweetspot“, dieser Punkt, an dem mehrere Faktoren zusammen funktionieren. Das ist erstens die Möglichkeit, im Team anzutreten. Fitnessstudios sind – anders als Sportvereine – ein eher anonymer Ort: Kopfhörer rein und stumpf pumpen. Das gefällt nicht jedem. Stattdessen formieren sich nun ganze Trainingsgruppen, die gemeinsam auf die Wettkämpfe hinarbeiten. Auch Petruk und Kauhardt sind Teil einer solchen Gemeinschaft. Fünf- bis sechsmal trainieren sie wöchentlich.
Zweitens: Das Training in den Fitnessstudios verschiebt sich aktuell weg von reiner Ausdauer hin zu funktionaler Fitness und Einheiten auf der Freifläche. Hyrox ist mit seinen Lauf- und Kraftanteilen ein Hybrid aus beidem. Hinzu kommt eine geringe Eintrittsschwelle dank vergleichsweise einfacher Übungen. „Es ist zwar super anstrengend – aber jeder schafft es. Die Finisher-Quote ist um einiges höher als beim Marathon“, berichtet Fabian Menzel, Geschäftsführer der Kölner Fitnesskette Xtrafit.
Er und viele weitere Anlagenbetreiber wollen auf der Welle mitschwimmen. „Trainingsmöglichkeiten für Hyrox gehören bald zum Standard in Fitnessstudios“, sagt Menzel, der derzeit alle seine Klubs entsprechend umrüsten lässt. Wer zusätzlich von der Strahlkraft der Marke profitieren will, kann eine Lizenz erwerben: 130 Euro im Monat oder 1500 Euro im Jahr kostet die pro Studio – für Hyrox ist das eine zusätzliche Einnahmequelle. Zudem werden extra Coaches ausgebildet. Vor ein paar Tagen gab das Unternehmen die Zusammenarbeit mit Les Milles International bekannt, einem Anbieter von Gruppenfitness, vertreten in vielen deutschen Studios, der nun auch Hyrox-Training in seinem Programm mit aufnimmt.
Wir messen uns gerne, wir nehmen gerne an coolen Veranstaltungen teil. Der Wettkampf wird zum Erlebnis.
Drittens, und ein wesentlicher Faktor des Hypes: Fürste und Toetzke haben sich „den gesellschaftlichen Trend zur Eventisierung zunutze gemacht“, erklärt Kirstin Hallmann, Sportökonomin an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Wir messen uns gerne, wir nehmen gerne an coolen Veranstaltungen teil. Der Wettkampf wird zum Erlebnis.“ Und das Konzept Fitness wird zu einer Sportart, für die es sich lohnt, zu trainieren.
Zum Zeitgeist passe auch die Produktion von ästhetischen Bildern: viel Haut, Sixpacks, Schweiß, Willensstärke, emotionale Zieleinläufe. „Das geht nicht unbedingt nur vom Unternehmen aus, sondern auch von den Aktiven, die Fotos und Videos teilen. So vervielfältigt sich die Idee quasi von selbst“, beobachtet Hallmann bei Millionen Clips und Bildern auf Tiktok und Instagram.
Doch bis es dazu kam, mussten die Hyrox-Gründer erst einmal die Eintrittsschwelle überwinden. In den Anfangsjahren geschah das durch klassisches Klinkenputzen in Hamburger Fitnessstudios und durch erste kleine Gratisevents, wie Fürste und Toetzke in zahlreichen Interviews und Podcasts berichten. Zum ersten Rennen kamen einige Hundert Teilnehmer, der Großteil von ihnen eingeladen. Mit Kapital aus zwei Firmenkäufen und Mitteln, die sie kurz vor der Covid-Krise durch einen Investor einsammelten, überbrückten sie die Pandemie. Danach folgte die Eroberung internationaler Märkte.

Hersteller von Sportkleidung, Nahrungsergänzungsmitteln oder auch Massagepistolen stellen am Rande der Wettkampffläche ihre Produkte aus – und verkaufen sie.
Copyright: Uwe Weiser
Inzwischen geht es darum, sich von Wettbewerbern und Nachahmern zu differenzieren. Das Geld fließe in erster Linie in die Events selbst, unter anderem in die Zuschauererfahrung: „costumer experience“, wie es im Branchensprech heißt. Ganze Fitnessfestivals schweben den Unternehmern vor. Auch sonst denken sie groß. Im Oktober dieses Jahres chartert Hyrox ein ganzes Kreuzfahrtschiff. Die „Mein Schiff 4“ von Tui legt am Hafen von Mallorca ab. Das Angebot: vier Tage Fitness-Urlaub. Stattliche 2499 Euro aufwärts kostet die Buchung.
Ansonsten ist alles auf eines ausgelegt, und zwar viertens: Standardisierung und Massentauglichkeit. Jedes Event ist in seinen Grundzügen identisch, was die Ergebnisse vergleichbar macht. „Das hat eine motivierende Wirkung, da wir uns nicht nur mit anderen vergleichen können, sondern auch mit uns selbst“, sagt Sportökonomin Hallmann. Und es macht die Skalierung möglich. Seit Neuestem gibt es etwa eine angepasste Klasse für Kinder und Jugendliche, Elite-Athleten starten in einer Profi-Serie, es finden Weltmeisterschaften statt. Hyrox liebäugelt sogar damit, olympisch zu werden – ein PR-Gag sei das nicht, bekräftigt Manager Gremmen. Kritiker sehen die Ambitionen allerdings skeptisch.
Puma und Red Bull als Partner
Fünftens kann Hyrox auf zahlreiche namhafte Partner setzen. Die Veranstaltungshallen sind bis ins letzte Eck durchgebrandet. Red Bull sponsert die Events. Der schwächelnde Sportartikelhersteller Puma liefert schon seit Beginn die Klamotten und will sich mit der bis 2030 laufenden Partnerschaft über Wasser halten. Der frühe Exklusiv-Deal wird als Clou in der Unternehmenshistorie bezeichnet.
Dass Unternehmen wie Puma langfristig in Hyrox investieren und etwa einen extra Schuh auf den Markt bringen, sei ein Zeichen dafür, dass aus dem Trend längst ein solides Geschäftsmodell mit Zukunftsperspektive gewachsen sei, sagt CGO Gremmen. „Sie brauchen bestimmt fünf Jahre, um einen Schuh zu entwickeln. Das macht ein Unternehmen wie Puma nicht nur auf Basis eines Hypes.“
Sportökonomin Hallmann ist da skeptischer. Viele Sportarten seien nach einem Nachfragehoch wieder in der Nische verschwunden. „Produkte und Dienstleistungen unterliegen einem Lebenszyklus. Die Frage ist, ob der Markt schon gesättigt ist oder noch weiterwächst.“
Hört man sich in Köln um, scheint niemand satt. Xtrafit-Chef Menzel, der schon zum wiederholten Male den Parcours mit einem Kollegen bewältigte, sagt: „Ein Trend ist etwas Temporäres. Meines Erachtens ist Hyrox aber eine nachhaltige Veränderung in der Branche.“ Auch Debütanten wie Jessica Kundiger und Tom Hankel sind sich sicher: „Das wird sich halten. Es ist nicht unser letzter Hyrox gewesen.“ Nur eines stört, wie Triathlet Stefan Kauhardt kritisiert: „Die Monetarisierung nimmt hier langsam Überhand.“
