Die Rekordhitze hat auch dem Getreide im Rheinland zugesetzt. Die Landwirte haben allerdings noch größere Sorgen.
ErntebilanzMagere Ernten wegen Hitze und Trockenheit

Mähdrescher bei der Weizenernte
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Getreide, Raps, Kartoffeln: Hitze und Trockenheit haben die Ernten in Deutschland vielerorts verdorben. Vor allem der Süden und Westen Deutschlands sei betroffen „bis hin zu Missernten bei einzelnen Kulturen“, berichtet Bauernpräsident Joachim Rukwied. Die Zahlen, die er zur Erntebilanz vorlegt, sind entsprechend schlecht. 41,9 Millionen Tonnen Getreide wurden in Deutschland in diesem Sommer eingefahren. Das sind sieben Prozent weniger als im Vorjahr und auch 1,4 Prozent weniger als im Fünfjahresschnitt mit 42,5 Millionen Tonnen. Bei den Ladenpreisen für Brot und Brötchen dürfte die geringere Ernte allerdings kaum zu spüren sein, wie Rukwied mit Blick auf den kleinen Anteil von Getreide am Gesamtpreis deutlich machte.
Die Probleme für die Landwirte begannen nicht erst in den heißen Sommermonaten. Schon das Frühjahr war zu trocken. Im Juni, also der wichtigen Kornfüllphase, in der das Getreide heranwächst, setzten Temperaturen von stellenweise 40 Grad den Pflanzen zusätzlich zu. Raps liegt mit Ertragsrückgängen von um die 20 Prozent an der Spitze der betroffenen Feldfrüchte.
Ernterückgänge auch im Rheinland
„Die Zahlen decken sich weitgehend mit dem, was wir bei uns in der Region beobachten“, berichtet Erich Gussen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV). Auch hier seien die Erträge pro Hektar um acht bis neun Prozent zurückgegangen. „Bei längerer Trockenheit stellt der Weizen das Wachstum ein“, sagt Gussen. Das Getreide geht dann früher in die Abreife über. Entsprechend muss es auch früher geerntet werden. In NRW war dies in diesem Jahr etwa drei Wochen eher der Fall als üblich.

Erich Gussen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV)
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„Das ist aber keine Katastrophe“, so Gussen. Eine schlechte Ernte gehöre für den Bauern zum Geschäft. Viel größere Sorgen machen dem Landwirt aus Jülich die schlechten Preise. Denn was für den Verbraucher an der Supermarktkasse erfreulich ist, ist für ihn fatal. „Die Lebensmittelhändler halten die Preise so niedrig, dass wir nicht mehr kostendeckend arbeiten können“, berichtet Gussen. Inländische Ware sei teilweise unverkäuflich. „Wir haben Bauern im Verband, die pflücken ihre Pflaumen nicht mehr“, weiß er. Höhere Mindestlöhne, Bürokratie und Umweltauflagen setzen den Landwirten zu. Vor allem aber: der Dieselpreis. „Wir können mit der Ernte nicht warten, bis der Preis wieder billiger wird“, sagt Gussen. Daher sei mit Zusatzkosten von rund 30 Prozent für Diesel auszugehen. Auch Düngemittel, die derzeit für die kommende Saison vorgekauft werden müssten, hätten sich enorm verteuert.
Futtermittelversorgung in NRW noch nicht gefährdet
Das betont auch Bauernpräsident Rukwied. Er nennt Süßkirschen als Beispiel. Die kosteten in der Erzeugung etwa vier Euro das Kilo – und seien damit chancenlos gegen Importware aus der Türkei zu 3,30 Euro. Entsprechend sind die Erntemengen „seit Jahren rückläufig“. Beschränkungen beim Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln kämen erschwerend hinzu. Den Klimawandel spürten die Bauern „schon lange, seit 15, 20 Jahren“, so Rukwied. In manchen Betrieben sei die wirtschaftliche Lage „schlicht toxisch“.
Im Rheinland kommen in diesem Jahr zusätzlich noch höhere Logistikkosten wegen des niedrigen Rheinpegels hinzu, weiß Gussen. Um die Herbstkulturen, also Kartoffeln, Mais, Zuckerrüben, Möhren oder Zwiebeln, die sich derzeit noch nicht bilanzieren lassen, sei es zudem kaum besser bestellt. „Der Mais steht zwar noch, ist aber bereits vertrocknet“, sagt Gussen. „Die wachsen auch nicht mehr, wenn es jetzt noch einmal ein paar Wochen regnet.“
Entwarnung gibt der RLV-Präsident dagegen bei der Futtermittelversorgung. Grünlandbetriebe, die beispielsweise Milchvieh hielten, seien zwar davon betroffen, wenn das Gras nicht nachwachse. „Wir hatten im vergangenen Jahr aber eine gute Ernte, das lässt sich teilweise überlagern“, so Gussen. Die ersten Schnitte im Jahr seien auch noch gut gewesen. Die Lage in NRW sei damit längst nicht so dramatisch wie in Baden oder in Südfrankreich, wo aus Mangel an Futtermitteln tatsächlich bereits Vieh geschlachtet werden müsse.
Wenig Möglichkeiten für die Bauern, gegenzusteuern
Den heimischen Bauern bleiben allerdings kaum Möglichkeiten, selbst auf die schwierige Situation zu reagieren. „Wir können unsere Traktoren nicht mit Strom fahren“, sagt Gussen. Diesel ließe sich nur begrenzt bevorraten. Auch die Umstellung auf andere Kulturen und hitzebeständigere Pflanzen sei kein Ausweg. „Wenn trocken, dann trocken“, sagt Gussen. „Dann wächst irgendwann gar nichts.“ An der wirtschaftlichen Situation der Bauern werde sich daher kaum etwas ändern, solange „der Lebensmitteleinzelhandel Preiskämpfe auf dem Rücken der Landwirte austrägt und Ware zu Dumpingpreisen im Ausland gekauft wird“.
Wenn wir Gemüse aus Marokko und Spanien kaufen, fliegen wir letztlich Wasser ein. Wasser, das in diesen Gegenden dringend benötigt wird. Das ist im Grund unverantwortlich.
Das sei im Übrigen auch nicht im Sinne des Umweltschutzes. „Denn wenn wir Gemüse aus Marokko und Spanien kaufen, fliegen wir letztlich Wasser ein. Wasser, das in den Gegenden, die sowieso schon noch trockener sind als hier, eigentlich dringend benötigt wird. Das ist im Grunde unverantwortlich“, findet Gussen.
Bauernverband fordert Soforthilfen
Entsprechend energisch drängt der Bauernverband daher auch auf Soforthilfen von der Politik. Für Joachim Rukwied sind Mittel zur Unterstützung der Bauern in der derzeitigen Lage „zwingend notwendig“. Das Düngehilfepaket der Europäischen Union müsse von 60 auf 180 Millionen Euro aufgestockt und zügig ausgezahlt werden, idealerweise bereits im Oktober. Außerdem schwebt dem Bauernpräsidenten eine niedrigere Steuer auf Diesel vor. Rukwied kann sich außerdem auf den Koalitionsvertrag der Bundesregierung berufen. Dort war eine Risikoausgleichsrücklage angekündigt. Damit können Landwirte in guten Jahren Gewinne steuerfrei zurücklegen und sich so Reserven für schlechte Ernten oder schwankende Preise aufbauen. Bislang steht die Umsetzung des Gesetzesvorhabens aber noch aus. „Die Bundesregierung muss jetzt handeln“, sagte der Bauernpräsident. „Das erwarten wir. Punkt.“
Die Politik signalisiert zwar Unterstützung, zögert aber noch, den Umfang zu beziffern. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sagte kürzlich: „Ohne belastbare Daten können wir schlecht Hilfe leisten.“ Die Regierung habe aber die Folgen der Dürre „genau im Auge“ und werde „so gut es geht und so schnell es auch geht, passgenaue Hilfen anbieten“. Ende August sollen sämtliche Erntedaten vorliegen. Auch die Landwirtschaftskammer NRW hat für den 31.8. die Veröffentlichung der offiziellen Daten angekündigt. Die bislang zirkulierenden Zahlen stammen aus Erhebungen der Landesbauernverbände und auf langjährigen Mittelwerten. Für mögliche zusätzliche Zahlungen wegen Extremwetters sind zunächst die Länder zuständig. Eine Beteiligung des Bundes wird erst möglich, wenn der Hitzesommer als „Ereignis von nationalem Ausmaß“ eingestuft wurde.
Forderungen von Opposition und Verbänden
Die Opposition geht mit ihren Vorschlägen teilweise sogar noch über die Forderungen der Landwirte hinaus. Die Vize-Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Julia Verlinden, kritisiert, kaum eine der von Rukwied geforderten Maßnahmen helfe den Betrieben dabei, sich für die nächste Trockenheit und Hitzewelle zu wappnen und klimakrisenfest aufzustellen. „Wir schlagen ein Programm ‚klimafeste Böden‘ zur besseren Wasseraufnahme und Wasserspeicherfähigkeit vor.“ Damit könnten die Landwirte die eigene Produktivität in der Klimakrise sichern. Ähnlich äußerte sich der Naturschutzbund (Nabu): „Statt immer neuer Forderungen nach billigem Agrardiesel und dem nächsten Hilfstopf braucht es wirksame Klimaanpassung.“ Die Agrarförderung müsse daher gezielt Anreize für widerstandsfähige Betriebe schaffen – etwa für mehr Vielfalt auf den Äckern, humusreiche Böden und einen besseren Wasserrückhalt.
