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InternetRevolution der Ehrlichkeit

5 min
  1. Der Kölner Michael Mertens gilt als Pionier der Verschlüsselungs- und Blockchain-Technologie

Köln – :

Den Gegner hat Michael Mertens immer genau im Blick – am Handgelenk auf seiner Smart Watch. Eine Uhr also, die mehr anzeigt, als Zeit und Datum. Sie zeigt, wie schnell das Herz gerade schlägt oder wie viele Schritte der Träger an diesem Tag schon gegangen ist. Es sind kleine Computer, die mehr über ihren Nutzer wissen, als der über sich selbst – und die diese Daten manchmal nicht nur für sich und für den Nutzer behalten.

„Man muss auch wissen, wie die Gegenseite funktioniert“, sagt Mertens. Die Gegenseite, das sind für den 43-jährigen Kölner diejenigen, die Daten sammeln: Facebook, Google, Amazon zum Beispiel. Milliardenkonzerne, die über gewaltige Mengen an Kundendaten verfügen und deren kostenlose Leistungen man genau damit bezahlt: gläsern zu sein.

Michael Mertens löste mit zwölf Jahren Aufgaben aus dem Mathestudium.

Mertens möchte, dass die Menschen die Hoheit über ihre Daten zurückgewinnen. „Momentan sind die Unehrlichen im Vorteil. Die Blockchain dreht dieses System um“, sagt Mertens. Eine „Blockchain“, auf deutsch eine Kette von Blöcken, kann man sich vereinfacht als eine Aneinanderreihung von Informationsblöcken vorstellen, die auf tausenden Rechnern dezentral gespeichert und kryptografisch verschlüsselt sind. Die Informationen liegen also in verschlüsselter Form bei allen Mitgliedern des Netzwerks und nicht auf einem zentralen Server. Ändert ein Mitglied die Datei auf seinem Rechner, bleibt sie auf allen anderen verschlüsselt im Original erhalten. Diese dezentrale Speicherung soll Manipulationen sicher verhindern. Mertens hat sich auf Lösungen für die Automobil-, Pharma- und die Logistikbranche spezialisiert.

Bekannt geworden aber ist Blockchain vor allem durch virtuelle Kryptowährungen wie Bitcoin, wo sie als eine Art digitales Kassenbuch funktioniert. Blockchain soll es Betrügern unmöglich machen, das Kassenbuch zu verändern oder einen Bitcoin doppelt auszugeben.

Die Technik gilt als revolutionär – sie wird Geschäftsmodelle und die Gesellschaft verändern. Sie soll Wahlen fälschungssicher machen und Produktionsketten von Medikamenten sowie Herstellungswege von Lebensmitteln nachvollziehbar dokumentieren.

Mertens gilt als einer der Pioniere auf diesem Gebiet weltweit. Er nennt die Blockchain-Technologie eine „Revolution der Ehrlichkeit“. Die komplexe Technologie erklärt Mertens mit einem Glas und 100 Würfeln. Die extrem hohe Sicherheit der Blockchain beruht auf der Zufälligkeit von Würfelergebnissen.

Geboren wurde Mertens in Düren. Sein Vater, der bei IBM arbeitete, begeisterte ihn schon früh für Mathematik und Technik. Bereits im Alter von zwölf Jahren löste er Aufgaben aus dem Mathestudium, begann zu programmieren und zu hacken. „Ich merkte, wie einfach es war, alle Daten zu stehlen, darum wollte ich sie fortan sicherer machen“, sagt er. Seit 1992 beschäftigt er sich mit dem Thema Kryptografie, also der Verschlüsselung.

Bereits während seines Studiums begann er, an dezentralen Lösungen für das Thema Geld zu arbeiten. Mertens ist Co-Autor zahlreicher renommierter Studien dazu. 2004 schloss er sein Studium der Kryptografie an der RWTH Aachen mit einer Diplomarbeit ab, die sich mit dem befasst, wofür Mertens bis heute brennt: Sicherheit für alle benutzerfreundlich machen. Noch im selben Jahr gründete er in Köln sein erstes Unternehmen, um Sportwetten mit Blockchain-Lösungen abzusichern. Später folgte die Cryptotec AG.

Als vor etwa fünf Jahren der Bitcoin-Hype begann, wurde sein besonderes Interesse an der Blockchain noch einmal befeuert. „Die Nachfrage ist enorm“, sagt Mertens. 20 Kunden habe er auch im Raum Köln: Hochschulen, Konzerne, Anwälte, Steuerberater. Auch die Nachweismöglichkeit der Echtheit von Medikamenten, von Autoteilen und Lebensmitteln mittels Blockchain stößt auf großes Interesse. Obwohl sein Unternehmen, mittlerweile mehr als 50 Mitarbeiter stark, auch Niederlassungen in Hongkong, Neu-Delhi und im Silicon Valley hat, sei er den Großteil der Zeit in Köln. „Blockchain eröffnet Offenheit, Ehrlichkeit und Direktheit, das passt perfekt zu Köln und den Menschen hier“, sagt Mertens.

Einen „Meilenstein“ auf diesem Weg haben Mertens und sein Team in den vergangenen Jahren zur Marktreife entwickelt: den Messaging-Dienst „Cipherbook“. „Cipherbook bietet den anwenderfreundlichsten und sichersten blockchainfähigen Messenger, den es auf dem Markt gibt“, so Mertens. Für den PC steht der Dienst bereits kostenlos zum Download auf der Homepage des Unternehmens bereit, im Laufe dieses Jahres soll er auch für das Smartphone erhältlich sein – ebenfalls kostenfrei. „Nur für Industriekunden wird die Anwendung kostenpflichtig“, sagt Mertens. Nachrichten, Bilder, Dateien und Kryptowährungen – auch in enormer Größe – kann die Plattform in Sekundenschnelle verschlüsselt über eine Blockchain versenden. Diese Blockchainfähigkeit unterscheidet „Cipherbook“ von Messenger-Konkurrenten wie WhatsApp, deren Ansätze zwar gut seien, so Mertens, aber noch nicht das Niveau böten, um Blockchainfähigkeit und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung auch für große Dateien zu erreichen.

Die Möglichkeiten der Technologie will er weiter ausloten. Die Gegenseite immer im Blick – am Handgelenk.

So funktioniert die Blockchain

Die sogenannte Blockchain setzt sich aus einzelnen Datenblöcken zusammen. Das Neue ist die Kette (engl. chain). Aufgereihten Perlen auf einer Schnur ähnlich setzt die Blockchain nacheinander einzelne neue Datenblöcke in die Kette ein. So entsteht eine digitale Schnur. Beispiel Bankkonto: Ein Konto wird eröffnet und in Block 1, 2 und 3 stehen Name, Adresse und Kontonummer des Kunden. Der Kunde zahlt 2000 Euro ein und es entsteht der Block Nummer 4. Später kommt das Gehalt des Kunden aufs Konto. Dieser Geldzugang lässt Block 5 entstehen. Hieraus folgt der neu gebildete Block 6 mit dem neuen Kontostand. Niemals wird gekürzt, kein Block wird gelöscht, der die Datenspur verwischen könnte.

Verschafft sich jemand unerlaubt Zugang zum Konto und hebt virtuell Geld ab, wird ihm das mit einer Blockchain nicht gelingen. Denn die Daten der Blockchain werden in Tausenden Daten-Clouds und Servern an verschiedenen Orten aufbewahrt. Jedes Mal, wenn das Bankkonto verändert wird, prüfen das tausende Maschinen weltweit. Passt die digitale DNA eines Vorgangs bei einem Rechner nicht zu den anderen identisch notierten Blockchains, dann lehnt die Maschine den Deal ab. (ksta)