Aquakulturbetriebe in NRW blicken in eine unsichere Zukunft: Wasser- und Fachkräftemangel plagen die Branche. Zwei Betriebe trotzen den Herausforderungen mit technischen Lösungen.
Export in 75 LänderDer Klimawandel macht Fischzüchtern zu schaffen – ein Sauerländer Betrieb profitiert

Sebastian Linn (v. l.), Norbert Linn und Prokurist Ulrich Bischopink machen den Großteil ihres Geschäfts nicht mit der Fischzucht, sondern mit der Produktion von Geräten für andere Aquakulturbetriebe.
Copyright: Linn Gerätebau GmbH
Die Fischerei in Oberelspe kennen wohl die meisten Einwohner im sauerländischen Lennestadt. Ein türkisfarbenes Schild weist schon an der Ortsdurchfahrt auf den Direktverkauf im kleinen Hofladen hin. Hier gibt es schon seit 1929 Regenbogen- und Lachsforellen sowie Bachsaiblinge zu kaufen, frisch gefangen nur wenige Meter weiter, in der ein Hektar großen naturnahen Teichanlage von Norbert Linn, der auch mit 80 Jahren noch nicht genug vom Geschäft mit den Fischen hat. 120 Tonnen pro Jahr produziert sein Familienbetrieb eigenen Angaben zufolge jährlich. In Nordrhein-Westfalen waren es laut Statistischem Bundesamt 2024 insgesamt 909 Tonnen – ein großer Anteil der im Land gezüchteten Speisefische kommt damit aus Oberelspe.
Reich werden die Linns damit nicht. Und dass die Firma nur zehn Prozent ihres Umsatzes mit der landwirtschaftlichen Fischzucht macht, das wissen hier die wenigsten. Der Vertrieb der Fische begrenze sich auf die Region. Privatkunden, Gastronomie und Betreiber von Angelteichen sind Abnehmer.
Exportschlager aus dem Sauerland: Linn produziert Geräte zur Gewässerbelüftung
Der industrielle Zweig des Familienunternehmens hingegen genießt unter Experten weltweite Bekanntheit. Denn zwei Kilometer weiter, auf einer kleinen Anhöhe im Industriegebiet, liegt die eigentliche Cashcow des Unternehmens: die Linn Gerätebau GmbH – eigenen Angaben zufolge führender europäischer Hersteller für Geräte zur Gewässerbelüftung. Das Unternehmen bedient zwar einen Nischenmarkt, gilt aber als „Hidden Champion“ (heimlicher Gewinner) der Branche. „Ich bin mir sicher, dass jeder, der mehr als zwei Teiche in Deutschland hat, Kunde bei uns ist“, sagt Ulrich Bischopink, Prokurist der Firma. Neben Fischzuchten, Hobbyzüchtern und Aquakulturanlagen setzen unter anderem der Kölner Zoo, Golfklubs in Pulheim, Köln und Bergheim sowie die Stadt Münster in ihrem Aasee die Technik ein.
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Der 1973 eher aus der Not heraus gegründete Betrieb – Norbert Linn hatte damals selbst Probleme mit seinen Teichen – exportiert inzwischen in 75 Länder der Welt. 2025 betrug der Umsatz des 15-Mann-Unternehmens, dem der Sohn Sebastian Linn vorsitzt, 4,5 Millionen Euro, berichtet Bischopink.

Seit 1929 züchtet die Familie Linn Regenbogen- und Lachsforellen sowie Bachsaiblinge in der ein Hektar großen naturnahen Teichanlage in Oberelspe.
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Während der Klimawandel die Fischzucht unten im Dorf erschwert, beleben die mit Hitzewellen und Dürreperioden einhergehenden Herausforderungen das Geschäft des Gerätebauers. „Wie in allen anderen landwirtschaftlichen Sparten kann man von der Fischzucht nur leben, wenn möglichst viele Tiere im Wasser gezüchtet werden. Das wird aber immer schwieriger, weil es immer wärmer wird und das Wasser knapper. Also braucht es immer mehr Technik. Das spielt uns im Gerätebau in die Karten“, sagt Bischopink, der in etwa so lange im Unternehmen ist, wie es den Aqua-Pilz bei Linn gibt.
Klimawandel erschwert die Fischzucht
Mit diesem Wasserbelüfter schaffte der Gerätehersteller 1982 den Durchbruch. Er sorgt dafür, dass das Wasser in Teichen, Kanälen und natürlichen Gewässern in Bewegung bleibt, mit Sauerstoff angereichert wird und das Algenwachstum eindämmt. Die Technik hat Linn seitdem weiterentwickelt. „Wenn das Umwälzen von Wasser an der Oberfläche nicht mehr ausreicht, dann geht man den Weg, den man auch im Krankenhaus wählt: Man stellt einen Sauerstofftank neben die Anlage“, erklärt der 60-Jährige. So könne das Vierfache von dem in der Luft enthaltenen O2 ins Wasser gepumpt werden. „Das wiederum bedeutet, dass die Fischmenge im Teich erhöht werden kann und der Fischzüchter gewinnt.“

Mit fortschreitenden Auswirkungen des Klimawandels wird die Technik in der Fischzucht immer entscheidender – zum Beispiel kommen Monitoringsysteme zum Einsatz.
Copyright: Janne Ahrenhold
Seine Produkte testet das Unternehmen in den eigenen Teichen. Die Fischzucht der Familie konnte ihre Produktion durch die eigenen Innovationen peu à peu von 40 auf 120 Tonnen verdreifachen.
Damit gehören sie laut Angaben des Landwirtschaftsministeriums (MLV) zu 63 Aquakulturbetrieben in NRW, die Fisch im Haupterwerb produzieren. Trotz hoher Einwohnerzahlen und der steigenden Nachfrage nach regional hergestellten Produkten sei die Fischerzeugung im Land damit jedoch relativ niedrig, schreibt das MLV. Bayern und Baden-Württemberg liegen weit vorn. NRW liefert gerade einmal fünf Prozent der bundesweiten Produktion von aufgerundet 17.000 Tonnen Fisch zu.
NRW liefert mit 915 Tonnen fünf Prozent der bundesweiten Fisch-Produktion
Mit dieser Menge ist Deutschland weit davon entfernt, den Trend hoher globaler Wachstumsraten im Aquakultursektor, also der kontrollierten Fischzucht, mitzugehen. Als Alternative zur klassischen Fischerei wird dieser aber immer wichtiger – denn die Menschheit will tierische Proteine nicht missen. Als Eiweiß- und Fettsäurenlieferant empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung etwa ein bis zwei Portionen pro Woche.
Die Kapazitäten der Meere allerdings sind schon seit den 90er Jahren erschöpft. Die Nachfrage wurde mit dem Durchmarsch der Aquakultur gedeckt. Inzwischen übertrifft der Anteil der Zuchtbetriebe am weltweiten Fischverbrauch die Wildfischfänge.

2022 hat die Aquakultur mit einem Anteil von 51 Prozent erstmals die Fangfischerei bei der weltweiten Produktion aquatischer Tiere übertroffen. Bis 2032 wird mit einem Wachstum auf 111 Millionen Tonnen (54 Prozent) gerechnet.
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Was nach einer ökologisch vertretbaren Alternative klingt, ist aber nur in wenigen Fällen eine nachhaltige Lösung. Aquakulturen machten in der Vergangenheit durch negative Schlagzeilen auf sich aufmerksam. Die Produktionsbedingungen in asiatischen Garnelenfarmen gelten als katastrophal. Mit Überbesatz, starkem Medikamenteneinsatz, überhöhten Nahrungs- und Ausscheidungsresten machten auch die offenen Lachszuchten an der Küste Chiles und Norwegens auf sich aufmerksam. Hinzu kommen teils lange Lieferwege und ein hoher Co2-Fußabdruck.
Großteil des Fischs wird importiert – Selbstversorgungsgrad in Deutschland bei 20 Prozent
Die Landesregierung empfiehlt deshalb, regional hergestellten Fisch zu kaufen. Der ist teurer. Bei Linn zahlt man im Hofladen für eine frische Speiseforelle knapp fünf Euro. Im Großhandel seien es sechs bis sieben Euro, allerdings pro Kilo. Dafür unterliege die Aufzucht im sauerländischen Gewässer strengen Vorschriften. „Wir dürfen zum Beispiel keine Antibiotika ansetzen“, sagt Bischopink von der Fischzucht Linn. Zudem sei die Besatzdichte in deutschen Betrieben meistens geringer als in anderen Ländern. Die Enge führt nicht nur zu Stress, Krankheiten und einer höheren Sterblichkeit unter den Tieren, sondern spiegelt sich teils auch in Verletzungen an Flossen und Schuppen wider.
Mag die Qualität auch hoch sein, die Quantitäten reichen hierzulande bei weitem nicht aus, um die Nachfrage zu bedienen. 80 Prozent des in Deutschland konsumierten Fischs werden importiert. Laut Versorgungsbilanz des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat lag der Selbstversorgungsgrad 2024 bei 20,4 Prozent.

Der Aqualuturbetrieb Kaiserzander züchtet tonnenweise Fisch in einer hochtechnologisierten Industriehalle in Porta Westfalica.
Copyright: Kaiserzander
„Es ist ethisch und politisch zunehmend weniger vertretbar, dass Deutschland inländische Aquakulturproduktion kaum zulässt und entwickelt, aber Aquakultur-Produkte aus Herkunftsländern mit oft schlechterem Umwelt- und Sozialmanagement in großer Zahl nachfragt“, ist dazu im Nationalen Strategieplan Aquakultur zu lesen. Und auch das Land NRW schreibt: „Ein derart geringer Eigenversorgungsgrad, insbesondere bei der Regenbogenforelle, wäre vermeidbar.“ Demzufolge sind die Zuchtbedingungen, insbesondere in den Mittelgebirgsregionen, eigentlich günstig, wie der Blick ins Sauerland zeigt.
Zucht aus Porta Westfalica produziert Zander in Industriehalle
Und dann gibt es noch Betriebe wie den von Stefan Glammeier und René John, die den „Kaiserzander“ herstellen. In Porta Westfalica zeigt das Unternehmen, dass die Produktion von hochwertigem Fisch auch ohne direkte Wasseranbindung möglich ist. Dort werden die Raubfische in einer großen Industriehalle in Wasserbecken zu Speise- und Besatzfischen herangezogen.
Anders als bei Linn setzen die Gründer auf eine geschlossene Kreislaufanlage: hoch technologisiert, engmaschig überwacht, aber deutlich teurer in der Unterhaltung. Der Vorteil: „Sie sind unabhängig von stetiger Wasserzufuhr von außen, da das Wasser mechanisch und biologisch aufbereitet und wiederverwendet wird“, erklärt das MLV. Die Tiere können von äußeren Einflüssen abgeschirmt und die Haltungsbedingungen auf die Fischart angepasst werden, etwa mit angepasster Lichtsteuerung. Sie machen rund zehn Prozent der 63 Fischzuchtbetriebe des Landes aus. Üblicher ist die Herstellung in klassischen Teichanlagen.
Die Technik kann vieles kompensieren, aber: Fisch ganz ohne Wasser, das geht eben nicht
So oder so: Die meisten Aquakulturen in Deutschland kämpfen mit hoher Bürokratie und Umweltauflagen, fehlender Planungssicherheit, einer unsicheren Wasserrechtslage und hohen Energiekosten für Strom und Sauerstoff – die allein machen Bischopink zufolge mindestens 50 Cent eines Kilos Forellen aus. „Da sind noch kein Futter, keine Arbeit, kein Eimaterial drin verrechnet. Das ist schon happig.“
Für die langfristige Wirtschaftlichkeit seien Investitionen in den nachhaltigen Umbau der Betriebe nötig. Viele Fischzüchter haben jedoch Bedenken, den Schritt zu gehen, schreibt das MLV. Unter anderem seien Fachkräftemangel und starke Wettbewerber aus dem Ausland ein Problem. Die Zukunft der Fischzucht in Deutschland scheint unsicher.
Die Familie Linn zumindest kann auf ihr zweites, stabileres Standbein, den Gerätebau, setzen. Letztlich ist die Branche von den Auswirkungen des Klimawandels abhängig. „Die Technik kann vieles kompensieren“, sagt Ulrich Bischopink, „aber: Fisch ganz ohne Wasser, das geht eben nicht.“
