Über die kommenden fünf Jahre rechnet das Unternehmen mit deutlichen Personaleinsparungen. KI sei aus der Pilotphase heraus, jetzt werde skaliert, so CEO Schildknecht.
Kölner VersichererKI soll bei Zurich bis zu 30 Prozent der Mitarbeiter ersetzen

Carsten Schildknecht, Vorstandschef Zurich Versicherung, setzt voll auf KI.
Copyright: Alexander Schwaiger
2025 feierte die Zurich Versicherung das 150. Jahr ihres Bestehens in Deutschland. „Wir haben aber nicht nur das Jubiläum zelebriert, sondern auch geliefert“, fasst Vorstandsvorsitzender Carsten Schildknecht die Jahresergebnisse zusammen. Die können sich sehen lassen. Der deutsche Ableger der Zurich Insurance Group erzielte Rekorde bei den Einnahmen und beim Betriebsergebnis. Letzteres stieg gegenüber dem Vorjahr um 61 Prozent auf 554 Millionen Euro. Die Bruttoprämien kletterten im selben Zeitraum auf 6,2 Milliarden Euro (Vorjahr: 5,9 Milliarden).
Zurich wächst schneller als der Markt
Getragen wird der Erfolg sowohl von einem guten Vertriebsergebnis, als auch von einer verbesserten Kostenstruktur. So verbesserte sich die Schaden-Kosten-Quote um 10,6 Prozentpunkte auf auskömmliche 93,8 Prozent. Der Wachstumstreiber, die Schaden- und Unfallversicherung, legte elf Prozent zu und damit stärker als der Markt, der 2025 ein Plus von acht Prozent verbuchen konnte. Auch die Lebensversicherungssparte, bei Zurich hauptsächlich vom Vertrieb fondsgebundener Produkte getrieben, kann im längerfristigen Vergleich seit 2018 Wachstumsraten von sieben Prozent vorweisen, während der Markt nur auf drei Prozent kommt.
Damit das so bleibt, setzt Zurich voll auf Effizienz- und Serviceverbesserungen durch den Einsatz von KI. „Künstliche Intelligenz wird das Betriebssystem der Versicherungsbranche“, erklärt Zurich-Chef Carsten Schildknecht bei der Präsentation der Zahlen. Wer die Technologie richtig einsetze, werde Marktanteile gewinnen. Zurich hat sich das für die Zukunft vorgenommen. In den kommenden Jahren will der Kölner Versicherer seine Effizienz 50 Prozent stärker steigern als der Wettbewerb. „Wenn der Markt fünf Prozent wächst, wollen wir 7,5 Prozent zulegen“, so Schildknecht.
Hyperpersonalisierte Angebote
E-Mail-Bots könnten Kundenanliegen erkennen, Prämien berechnen, neue Angebote erstellen und sie dem Kunden kommunizieren. „Wenn alle Informationen vorliegen, innerhalb von Sekunden“, so Schildknecht. Der Zurich-Chef spricht von hyperpersonalisierten Angeboten, die nicht nur Arbeitskosten einsparen, sondern auch höhere Cross-Selling-Quoten, also Mehrfachabschlüsse bei Bestandskunden erzielen und gleichzeitig den Schadenaufwand reduzieren sollen.
So könnte ein KI-Agent etwa den Sturmschaden im Garten bei dem ein Baum einen Zaun sowie ein dort aufgestelltes Trampolin beschädigt hat, vollständig autonom regulieren. Die KI erkenne anhand der eingereichten Schadensmeldung und der beigefügten Bilder den Schaden, und gleicht das Ergebnis dann mit den Policen des Kunden ab. Auch Betrugsversuche könnten so ausgemacht werden. Die Rückmeldung, beispielsweise, dass der Zaun als Teil des Gartens versichert, das Trampolin von der dafür nötigen Hausratversicherung aber nicht abgedeckt sei, könne der KI-Agent dem Kunden ebenfalls kommunizieren.
KI-Agenten in mehr als 60 Anwendungsfällen aktiv
Solche Anwendungsfälle seien „längst aus der Pilotierung heraus, wir gehen in die Skalierung über“, erläutert Schildknecht. Die digitalen Versicherungskaufleute übernehmen also mehr und mehr Anwendungsfälle. Etwa 60 sind es bei der Zurich derzeit. In naher Zukunft würden solche Bots der Versicherer und jene der Kunden untereinander kommunizieren und miteinander eigenständig Verträge abschließen, ist man beim Kölner Versicherer überzeugt. Das „schreibt die Spielregeln unserer Branche neu.“
Das wird auch Folgen für den Personalbedarf haben. Während bislang die von der KI erfüllten Aufgaben häufig noch überprüft und von menschlichen Arbeitskräften autorisiert wurden, beschränken sich die Eingriffe des Personals nun auf einzelne Stichproben. Entsprechend könnte in den kommenden fünf Jahren ein Personalüberhang von „zehn bis 30 Prozent“ entstehen, so Schildknecht: „Natürlich fallen Stellen weg.“ Wegen des demografischen Wandels, der auch bei der Zurich-Versicherung damit einher gehe, dass rund ein Drittel der Belegschaft in den kommenden Jahren in den Ruhestand ausscheide, hält Schildknecht zum jetzigen Zeitpunkt Kündigungen aber nicht für nötig. „Wir werden Stellen nicht nachbesetzen“, sagt er.
Sonderkonjunktur bei der Altersvorsorge
Eine Sonderkonjunktur erwartet das Unternehmen zudem bei der privaten Altersvorsorge. Zwar sehe man einige Elemente der geplanten neuen Riester-Rente kritisch, etwa Auszahlungsmodelle, die mit dem 85. Lebensjahr enden oder dass der Staat ein eigenes Renten-Produkt an den Markt bringe. „Insgesamt überwiegen aber die Chancen durch die Reform“, sagt Schildknecht. „Die neue Altersvorsorge ist attraktiv und wird das Geschäft in den kommenden zwei, drei Jahren beleben.“ Diese Chance wolle man nutzen. Langfristige Vertriebskooperationen, etwa mit der Deutschen Bank und Postbank, über die rund 70 Prozent der Zurich-Policen aus diesem Segment vertrieben werden, sollen dabei helfen.
Der geplante Verkauf von Altbeständen mit Garantiezusage liegt indes weiter auf Eis. Der Versicherer bekräftigt, dass diese Produkte nicht mehr zum Kerngeschäft zählen. Für einen Verkaufsprozess habe man sich aber noch nicht entschieden.
