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Krankenstand im RheinlandWarum Frauen häufiger bei der Arbeit fehlen als Männer

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ARCHIV - 29.10.2015, Niedersachsen, Hannover: ILLUSTRATION - Verschiedene Erkältungsmittel liegen auf einem Tisch. Auch in Hamburg ist der Krankenstand wegen Erkältungskrankheiten und Corona-Infektionen derzeit hoch. Das hat Auswirkungen in wichtigen Bereichen wie Schulen oder öffentlicher Nahverkehr. (zu dpa: «Zahlreiche Krankmeldungen in Hamburg zeigen Auswirkungen») Foto: Susann Prautsch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Auch die Berufswahl könnte ein Grund dafür sein, dass Frauen sich mehr krankmachende Viren und Bakterien einhandeln als Männer.

Wenn Frauen häufiger wegen Krankheit am Arbeitsplatz fehlen, dann liegt das nicht an ihrer fehlenden Belastbarkeit. Eher im Gegenteil.

Frauen fallen an ihrem Arbeitsplatz häufiger wegen einer Erkrankung aus als Männer. Nach einer aktuellen Studie der AOK Rheinland/Hamburg lag der Krankenstand bei Frauen im Jahr 2024 bei 7,34 Prozent, bei Männern bei 6,88 Prozent. Betrachtet man die einzelnen Regionen, so zeigt sich, dass die Unterschiede in den großen Städten wie Köln, Leverkusen, Düsseldorf und Bonn geringer ausfallen, während die Geschlechter beispielsweise im Kreis Viersen am eklatantesten auseinanderklaffen (8,44 Prozent zu 7,33 Prozent).

In einigen Landstrichen, wie beispielsweise in Euskirchen oder im Oberbergischen Kreis sind die Verhältnisse allerdings gar umgekehrt und die Männer übertreffen die Frauen in puncto Krankenstand.

Ein Krankenstand von 7,34 Prozent bei Frauen und 6,88 Prozent bei Männern bedeutet, dass täglich durchschnittlich 7,3 von 100 Frauen und 6,9 von 100 Männern krankgeschrieben waren. Insgesamt, so offenbart eine neue Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), mussten Arbeitgeber im Jahr 2024 rund 82 Milliarden Euro für Entgeltfortzahlungen im Krankheitsfall ausgeben.

Doppelbelastung könnte Frauen anfälliger machen

Sind Arbeitnehmerinnen im Schnitt also weniger belastbar als Arbeitnehmer? Fragt man Dr. Laura Wortmann, die an der Universität Bielefeld zur Geschlechtersensiblen Medizin forscht, so ist das nicht der Fall. Im Gegenteil drücke sich in den Zahlen auch die Tatsache aus, dass Frauen gerade in bestimmten Lebensphasen zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit einen Großteil der Familienarbeit übernehmen müssten.

„Wer mehr Zeit mit den Kindern verbringt, der bekommt auch eher die aus dem Kindergarten mitgebrachten Viren ab“, sagt Wortmann im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Hinzu komme, dass Frauen häufiger auch beruflich mit Kindern oder Kranken zu tun haben und sich auch hier mehr Infektionskrankheiten abholten. „Wir haben das zum Beispiel auch an den Covid-19-Ansteckungen während der Arbeit gesehen. Hier waren überwiegend Pflegekräfte und damit Frauen betroffen“, so Wortmann.

Frauen sind oft mehrfach belastet

Generell schulterten Frauen klassischerweise aber häufig auch einfach eine größere Last, wenn neben dem Job noch ein Großteil des Haushalts, die Kinderbetreuung sowie vielleicht die Pflege eines Elternteils zu organisieren seien. „Wer aber auf diese Weise permanent über seine Belastungsgrenzen hinausgeht, den streckt eine Krankheit schneller nieder“, so Wortmann.

Besonders häufig meldeten sich den Zahlen zufolge Frauen im Alter zwischen 40 und 60 am Arbeitsplatz krank. Auch Sabine Deutscher, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg, wittert hier soziale Gründe: „Die private Care-Arbeit, also die Versorgung der Familie sowie die Pflege der Eltern, liegt weiterhin überwiegend in Frauenhand. Frauen bleiben häufiger wegen eines erkrankten Kindes zu Hause. Gerade in den mittleren Lebensjahren sind viele Frauen durch Doppelbelastungen stark beansprucht.“ Aber auch die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren fällt in diese Zeit und könnte eine erhöhte Anfälligkeit begründen.

Wechseljahrssymptome werden häufig nicht als solche erkannt

Vor allem dann, wenn sie nicht oder erst spät korrekt diagnostiziert werde. Zwar habe sich die Aufmerksamkeit der Perimenopause in der Medizin erhöht, dennoch finden laut Wortmann noch immer viele Fehldiagnosen statt. „Häufig werden Depressionen diagnostiziert, obwohl die Symptome hormonell bedingt sind und als solche gut behandelbar wären“, so Wortmann.

Auch die AOK-Zahlen zeigen, dass sich bei Frauen in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) aufgrund psychischer Probleme um mehr als 150 Prozent erhöht hat. Depressive Episoden haben bei ihnen im Jahr 2024 mit einem Anteil von 17,3 zu den meisten Fehltagen geführt. Männer fehlten aus psychischen Gründen im Schnitt nur an gut jedem zehnten Fehltag, dafür streckten sie häufiger, nämlich in mehr als einem Fünftel der Fälle Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen nieder. Und auch von Herz-Kreislauf-Erkrankungen scheinen Männer den Zahlen zufolge häufiger betroffen zu sein als angestellte Frauen.

Laura Wortmann weist aber auch hier darauf hin, dass eine zu wenig gendersensible Forschung zu einer Verzerrung der Daten führen könnte. „Unsere Diagnostiktools favorisieren häufig ein Geschlecht“, sagt sie. Bei den Depressionen achte man eher auf Symptome wie Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und Traurigkeit, während erkrankte Männer sich häufiger mit Aggression, Reizbarkeit und Suchtverhalten herumschlagen müssten und so ihre Krankheit gar nicht sofort mit einer Depression in Verbindung gebracht würde.

Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen liefen dagegen umgekehrt häufig Frauen unter dem Radar. „Betroffene Frauen haben beispielsweise oft nur unter Belastung auffällige Werte, bei der Ärztin oder dem Arzt wird aber meist nur der Ruhe-Blutdruck untersucht“, so Wortmann.

Gendermedizin wird vernachlässigt

Neben vielen Unterschieden verdeutlicht der Gesundheitsbericht des BGF-Instituts auch Gemeinsamkeiten. Dazu gehört, dass bei beiden Geschlechtern der Krankenstand mit zunehmendem Alter immer höher wird, bevor er sich bei Beschäftigten ab 60 Jahren auf dem ähnlich hohen Niveau von 11,52 Prozent bei den Männern und 11,53 Prozent bei den Frauen trifft. „Eine Ursache dafür ist, dass die Krankheitsschwere und die Genesungsdauer mit dem Alter zunehmen. Bestimmte Erkrankungen mit besonders langer Falldauer wie psychische Störungen oder Krebs treten in höherem Alter häufiger auf“, sagt Merit Kirch, Geschäftsführerin des BGF-Instituts.

Für Laura Wortmann ist die Auswertung ein deutliches Zeichen dafür, dass geschlechtersensible Gesundheitsförderung auch in der Prävention mehr Gewicht bekommen muss. „Noch immer wird das Geschlecht als entscheidende Variable in der Medizin vernachlässigt“, sagt Wortmann. Dabei wäre mehr Forschung wichtig, um angepasst vorzusorgen und Arbeitsschutz je nach Bedürfnis richtig zu adressieren. Dazu könnte auch ein Recht auf Menstruationsurlaub zählen, also ein Anspruch, während der Monatsblutung eine Form des bezahlten Sonderurlaubs zu erhalten.

In Spanien ist dieser seit zwei Jahren gesetzlich verankert und wird von der Sozialversicherung finanziert. Wortmann zufolge könnten derlei Maßnahmen auch zu einer Verringerung des Krankenstandes in Deutschland und letztlich zu erhöhter Produktivität führen. „Wer das Gefühl hat, dass der Arbeitgeber die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Blick hat, der landet auch seltener im Burnout.“