Bis zu vier Milliarden Euro könnten in riesige Anlagen im Ausland fließen. Was bedeutet das für die deutschen Standorte?
Leverkusener KunststoffherstellerCovestro will Milliarden in China und Nahost investieren

Luftaufnahme der Covestro Integrated Site Shanghai
Copyright: Covestro
Covestro sieht seine Zukunft verstärkt in Asien. Der Leverkusener Kunststoffspezialist hat am Dienstag Pläne für den Bau zweier großtechnischer Industrieanlagen bekannt gemacht. Eine soll in der Region Shanghai entstehen, eine weitere könnte in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) folgen. Beide Anlagen sollen die Hartschaumkomponente MDI produzieren. Die wiederum ist Ausgangsmaterial für Polyurethan-Schaumstoffe. Sie begegnen Verbrauchern in Form von Matratzen, kommen aber hauptsächlich als Dämmmaterial für Gebäude und Kühlgeräte sowie im Autobau zum Einsatz.
Beide Anlagen sollen das sogenannte World-Scale-Format haben, also ein gigantisches Ausmaß, das die Produktion für ganze Weltregionen gewährleistet. Covestro macht zunächst noch keine Angaben zum Investitionsvolumen. Vergleichbare Anlagen kosteten in der Vergangenheit aber rund 1,5 bis 2 Milliarden Euro.
Dieses Investitionsprogramm ist ein klares Bekenntnis zu unseren Kunden und zu unseren langfristigen Wachstumsambitionen im MDI-Markt
Dynamische Nachfrage aus Asien
Covestro sieht in MDI einen verlässlichen Wachstumsmarkt. Das Unternehmen rechnet mit einer weltweiten Zunahme des Bedarfs um rund vier Prozent pro Jahr. „Besonders dynamisch entwickeln sich die Märkte in Asien und im Nahen Osten“, heißt es bei Covestro. Energieeffizientes Bauen und Sanieren sowie Haushaltsgeräte gelten als Nachfragetreiber. „Dieses Investitionsprogramm ist ein klares Bekenntnis zu unseren Kunden und zu unseren langfristigen Wachstumsambitionen im MDI-Markt“, ordnet Covestro-Vorstandschef Markus Steilemann die Ankündigung ein.
Ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland ist der Investitionsplan indes nicht. Im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ spricht Steilemann von „grundlegenden Kostennachteilen Europas gegenüber Standorten in Asien und dem Nahen Osten“. Gemeint sind Energie- und Bürokratiekosten, auch der europäische Emissionshandel belastet die Chemiebranche. Zudem entwickelt sich die Nachfrage in Europa derzeit schlecht. Industrielle Abnehmer für MDI-Produkte, etwa aus dem Automobilbau, verringern ihre Produktionskapazitäten und nehmen folglich weniger Ware ab. Mit Folgen für die lokale MDI-Produktion?
Zwei MDI-Anlagen in Deutschland
Derzeit betreibt Covestro in Europa vier Anlagen, die der Herstellung der Hartschaumkomponente dienen. Eine in Antwerpen, eine weitere im spanischen Tarragona und zwei deutsche Anlagen in Brunsbüttel und Krefeld-Uerdingen. An beiden hiesigen Standorten habe Covestro zuletzt investiert. Eine Produktionsverlagerung finde nicht statt, beteuert das Unternehmen.
Bei den geplanten Großprojekten handle es sich vielmehr um „Wachstumsinvestitionen“, so Covestro auf Nachfrage unserer Redaktion. Covestro verfolge einen „lokalen Produktionsansatz“. Exporte von China oder aus dem Nahen Osten nach Europa seien nicht geplant. Die neuen Anlagen stünden dementsprechend nicht im Wettbewerb mit den hiesigen Produktionsstätten.
Covestro: Lage in Nahost wird sich stabilisieren
Neben der Nähe zum Kunden in Fernost und den Standortkosten in Europa nennt Covestro außerdem „steigende Anforderungen an die Versorgungssicherheit“ als Grund für die Investitionspläne in Shanghai und Abu Dhabi. Die neuen Anlagen „stärken unsere Fähigkeit, Kunden in großem Maßstab zuverlässig zu versorgen“, so Steilemann. Das mag auf den ersten Blick irritieren. Schließlich liegt Abu Dhabi am Persischen Golf und ist gerade derzeit stark von Beeinträchtigungen des Schiffverkehrs in der Straße von Hormus betroffen.
Der Chempark in Al Ruwais, an dem auch die neue Produktionsanlage von Covestro entstehen könnte, geriet in den vergangenen Monaten laut Medienberichten mehrfach unter den Beschuss iranischer Drohnen und Raketen. Es kam zu Bränden, erheblichen Schäden an den dortigen Anlagen und zu Produktionsausfällen.
Covestro geht hingegen davon aus, dass sich die Lage in der Region mittel- und langfristig stabilisieren werde. Von Abu Dhabi aus ließen sich insbesondere die lokalen Märkte in Indien und der Türkei versorgen, geben die Leverkusener an.
Integration ins Firmengeflecht von Adnoc
Keine unbedeutende Rolle spielt gewiss auch, dass der neue Eigentümer von Covestro, der staatliche Öl- und Gaskonzern Adnoc, seinen Sitz im Wüstenemirat hat. Bereits im Februar, rund zwei Monate nach Abschluss der Übernahme Covestros durch Adnoc, hatten die Leverkusener angekündigt, sie würden künftig mit den Adnoc-Töchtern Fertiglobe und TA'ZIZ beim Bezug von Ammoniak kooperieren. Auch eine Versorgung mit Chlor und Methanol aus der Produktion in Al Ruwais ist nach Angaben von TA'ZIZ offenbar denkbar und würde die Integration von Covestro in das Firmengeflecht der Araber vertiefen. Eine Machbarkeitsstudie soll zunächst weitere Details über die Wirtschaftlichkeit einer Fertigung in Abu Dhabi ermitteln.
Für den Standort in Shanghai sind die Covestro-Pläne bereits konkreter. Hier könnte die Produktion schon „Ende dieses Jahrzehnts“ anlaufen. Neben der eigentlichen MDI-Anlage sollen auch zusätzliche Anlagen für die Produktion von Vorprodukten entstehen. Außerdem will Covestro in die Infrastruktur des bestehenden Chemparks investieren. Mit einer finalen Investitionsentscheidung rechnen die Leverkusener im Jahr 2027. Ob diese Entscheidung noch vom jetzigen CEO Markus Steilemann getroffen werden wird, ist ungewiss. Der langjährige Covestro-Chef wird seinen im Mai 2028 auslaufenden Vertrag bei der ehemaligen Bayer-Tochter nicht verlängern. Die Suche nach einem Nachfolger läuft bereits.
