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Zum Weltfrauentag„Im Zentrum der Macht ist die Frau noch immer die Ausnah­me“

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Eine Frau steht in einem Bürozimmer am Fenster und telefoniert über ein Headset. (zu dpa: «Frauen führen deutlich häufiger in Teilzeit als Männer») +++ dpa-Bildfunk +++

Auf eine weibliche Dax-Vorstandschefin kommen neun männliche CEOs.

Viele Einblicke in die Job-Realität von Frauen sind schockierend. Unsere Autorinnen haben darüber mit 50 Managerinnen gesprochen, die es nach oben geschafft haben.

Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Berufswelt ist enorm. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen stagniert seit Jahren – außer in Dax-Konzernen, wo die Quote gilt. Und dennoch stehen einer Vorständin drei Männer gegenüber; einer weiblichen CEO neun männliche CEOs. Wer jetzt denkt: „Die Frauen wollen halt nicht“, verkennt die Realität. Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz räumte im Juni vergangenen Jahres bei einer Konferenz ein, dass es bei der Besetzung der Topstellen nicht immer nach Leistung und Befähigung geht. „Andere Faktoren spielen eine Rolle, und nicht selten begünstigen diese Faktoren die Männer und benachteiligen die Frauen.“

Viele Einblicke in die Realität sind schockierend

Über diese Faktoren haben wir mit 50 Frauen gesprochen, die es ganz nach oben geschafft haben. Managerinnen erzählten uns, wie sie sich gegen Diskriminierung, Vorurteile und Übergriffigkeiten durchboxen und wo das System versagt. In diesen Gesprächen zeigen sich wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Konditionen, die gegen Frauen wirken. Vom Ehegattensplitting, das ihre Teilzeit fördert, über eine männlich dominierte Unternehmenskultur mit Präsenzfetisch bis zur hartnäckigen „Rabenmutter“-Diskussion, die wir von klein auf aufsaugen in Kommentaren wie „Mädchen brauchen kein Mathe“ oder am Sportplatz „Ach wie schön, die Anna hat auch eine Mutter!“.

Viele dieser Einblicke in die Job-Realität sind schockierend: Eine Managerin schildert eine Firmenfeier. Einer der führenden Köpfe des Konzerns betritt den Saal. Sie kennt ihn nicht persönlich. Er schüttelt den Herren um sie herum die Hand, sie küsst er mitten auf den Mund. Das Schlimmste, so sagte sie, sei aber nicht ihre persönliche Paralyse gewesen, sondern dass die Kollegen nicht reagierten.

Müssen wir im Jahr 2026 wirklich noch über sexistische Übergriffe reden? Leider ja. Der Backlash, den die Trump-Regierung in Amerika losgetreten hat, schwappt nach Europa und wird von Unternehmen aufgenommen. Diversity-Themen verschwinden aus der Kultur. Und der Ton wird rauer.

Die Schweigenden müssen Haltung zeigen

Plötzlich sind Dinge wieder sagbar und möglich, die der Vergangenheit angehören sollten: Der Tischnachbar behält während eines Dinners seine Hände nicht bei sich, ein Ge­schäftspartner erzählt in der Kaffeepause schlüpfrige Geschichten, ein Staatsmann schickt belästigende SMS zu nächtlicher Stunde, obwohl die Frau deutlich „kein Interesse“ signalisiert hat. Manager gehen auf einem Off-Site abends betrunken nackt baden und rufen der einzigen Frau zu: „Komm mit rein, sei nicht so prüde.“ Sie hat das Thema am nächsten Tag angesprochen, die Kollegen reagierten verständnislos: „Wir waren doch alle nackt.“

Es gibt viele schlaue Tipps, wie sich Frauen wehren können. Doch die wichtigste Lehre ist die: Nicht die betroffenen Frauen müssen mutiger sein, die Schweigenden müssen mehr Haltung zeigen. Häufig fehlt den betroffenen Frauen der Mut oder die Schlagfertigkeit, besonders wenn sie noch jung und unerfahren sind. Männer, die in solchen Momenten klarstellen, dass sie dieses Verhalten nicht tolerieren, setzen ein wichtiges Signal.

Zermürbend sind für die Managerinnen vor allem die täglichen Stereotype, denen sie begegnen. Sie werden unterschätzt, übersehen, übergangen. Und permanent bewertet – häufig herablassend. In Meetings unterbrechen Männer Frauen drei Mal häufiger als andersherum. Männer reden länger. Frauen müssen sich dagegen das Rederecht oft erkämpfen, per Handzeichen, manchmal hilft nur die Stoppuhr.

Fehlverhalten ist Männern oft nicht bewusst

Vieles davon ist Männern nicht bewusst. Fresenius-Finanz-Vorständin Sara Hennicken beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema Unconscious Bias – unbewusste Voreingenommenheit. Sie erzählt von einem Bias-Training für Führungskräfte, das sie organisiert hat. An dem Morgen sind sie und zwei andere Teilnehmerinnen schon früh da. „Irgendwann kommt der erste Mann herein, guckt sich um und sagt dann: ‚Oh, ich bin der erste.‘“ Die drei Frauen mussten lachen. „Er hat uns wohl fürs Personal gehalten. Der Bias hatte zugeschlagen, im Bias-Trai­ning.“

Zahlreiche Studien belegen, wie unbewusste Vorurteile unsere Entscheidungen beeinflussen: Investoren (meist Männer) setzen weniger Vertrauen in Frauen. Frauen haben schlechtere Chancen auf Forschungsförderung. Sie werden von Männern seltener zu Konfe­renzen eingeladen. Ihnen wird weniger zugetraut. Sie werden in Aus­wahlverfahren deutlich negativer bewertet als Männer. Frauen sind immer etwas „zu“ – zu laut, zu leise, zu emotional, zu hart. Sie sind entweder zu durchsetzungsschwach oder zu fordernd – manchmal auch beides. Aber nie richtig – gemessen an welchem Standard?

Im Zentrum der Macht ist der Mann die Norm, die Frau noch immer die Ausnah­me. Wenn Menschen befragt werden, was sie mit „Kompetenz“ verbinden, schreiben sie Männern analytisches Denken, Belastbarkeit, Wettbewerbsdenken und Durchsetzungsvermögen zu – Chef-Kompetenzen. Frauen dagegen verkörpern Empathie, Emotionalität, Bescheidenheit, Fürsorglichkeit – klassische Mitarbeiterkompetenzen.

Wandel bedeutet für Männer einen Verlust von Privilegien

Dieses Schubladendenken aufzubrechen dauert Jahrzehnte. Und der Wandel geht für Männer mit einem Verlust an Privilegien einher. Dabei ist es ein Gewinn, wenn nicht jeder Mann 24 Stunden am Tag Karriere machen muss und seine Kinder nur am Wochenende sieht. Es ist ein Gewinn für die Frauen, die eine faire Chance haben, nach oben zu kommen. Und es ist ein Gewinn für die Gesellschaft.

Aber Diversität ist auch ein knallharter Wirtschaftsfaktor, der sich für Unternehmen und den Standort Deutschland rechnet: Unternehmen mit diversen Führungsteams sind innovativer, produktiver und kommen resilienter durch Krisen. 372 Milliarden Euro – so hoch ist alles zusammengenommen der wirtschaftliche Schaden, der Deutschland jedes Jahr entsteht, weil das Potenzial von Frauen nicht voll ausgeschöpft wird.


Die Autorinnen

Bettina Weiguny ist freie Wirtschaftsjournalistin, Publizistin und Kolumnistin. Zuletzt hat sie ein Buch über junge Rebellinnen aus aller Welt veröffentlicht.Christina Sontheim-Leven ist Karrierementorin, Aufsichtsrätin, Ex-SDax-Vorständin und anerkannte Multiplikatorin für Female Empowerment.

Das Buch

Christina Sontheim-Leven, Bettina Weiguny & Anna Sophie Herken: „Machtgebiete – Was Managerinnen erleben und wie sie gegenhalten“, Campus Verlag, 248 Seiten, 22 Euro, E-Book: 19,99 Euro