Weniger Arbeitszeit, voller LohnKölner Kanzlei testet 4-Tage-Woche nach Mehrbelastung durch Pandemie

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Thomas (l.) und Michael Euler, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfungs - und Steuerberatungsgesellschaft Meiners & Euler Treuhand GmbH.

Thomas (l.) und Michael Euler, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfungs - und Steuerberatungsgesellschaft Meiners & Euler Treuhand GmbH.

Gegen Überstunden und Fachkräftemangel: Eine Kölner Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft startet ab April ein Pilotprojekt zur 4-Tage-Woche.

Ab dem 1. April 2023 führt die Kölner Kanzlei Meiners & Euler die 4-Tage-Woche für ihre Vollzeitkräfte ein. Das in Köln in diesem Arbeitsfeld bisher einmalige Pilotprojekt läuft zunächst bis zum 31. Dezember dieses Jahres. Die 4-Tage-Woche bedeutet für die Mitarbeiter reduzierte Arbeitszeit und einen zusätzlichen freien Tag unter der Woche bei gleichbleibendem Gehalt. Doch wie kam es zu der Entscheidung?

Die Corona-Krise hat den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern ein deutliches Mehr an Arbeit beschert. Im ersten Quartal 2020 brachte Covid ganze Volkswirtschaften zum Erliegen, vom ersten Lockdown an sollten Steuerberater und Wirtschaftsprüfer mit massiver Zusatzarbeit konfrontiert werden, schließlich mussten Hilfsprogramme, Soforthilfen und Darlehen von Bund und Ländern geprüft werden.

Ohne Steuerberater und Wirtschaftsprüfer wäre in der Pandemie nichts gelaufen.
Michael Euler

Überall wo der Buchstabe C auftauchte, kamen Fragen auf, die zu lösen waren: „Ohne Steuerberater und Wirtschaftsprüfer wäre in der Pandemie nichts gelaufen“, bestätigt Michael Euler, Geschäftsführer der Kölner Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Meiners & Euler.

„Im Schnitt sind 30 Prozent Mehraufwand für unsere Mitarbeiter während der Pandemie entstanden“, berichtet Euler. Das Kölner Unternehmen hatte, wie viele andere Unternehmen auch, mit zahlreichen Corona-Fällen zu kämpfen. Doch die erhebliche Mehrarbeit ließ den Krankenstand auch abseits von Corona steigen.

Vor rund einem Monat beschloss Euler, dass sich etwas ändern muss: „Es kann nicht sein, dass wir unsere Mitarbeiter in die Krankheit schicken“. Euler stößt bei seiner Recherche zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf die 4-Tage-Woche.

Positive Bilanz der ersten Langzeitstudie zur 4-Tage-Woche aus Großbritannien

Die 4-Tage-Woche besteht im Durchschnitt aus 34 Stunden Arbeit und einem zusätzlichen freien Tag unter der Woche bei gleichbleibendem Lohn. Vor einer Woche präsentierte Großbritannien die Ergebnisse aus der ersten Langzeitstudie zur 4-Tage-Woche.

Die Forscher aus Boston und Cambridge zogen aus ihrer Analyse zu dem sechsmonatigen Pilotprojekt ein positives Fazit: 56 von 61 beteiligten Arbeitgebern wollen die reduzierte Arbeitszeit bei vollem Lohn für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter behalten. Es gab 65 Prozent weniger Krankheitstage der Mitarbeiter, vier von zehn Beschäftigten fühlten sich weniger gestresst als vor dem Projekt.

„Auch wir möchten die Mitarbeitergesundheit verbessern und halten das 4-Tage-Modell für ein geeignetes Testprojekt. Konkret soll die Arbeitszeit von 40 auf 34 Stunden reduziert werden, bei gleichbleibendem Lohn und einem zusätzlichen, frei wählbaren Tag unter der Woche. Aufgrund unserer konsequenten Optimierung von digitalen Prozessen wird die Unternehmens-Umstellung gut umsetzbar sein“, sagte Euler.

Kölner Kanzlei mit New Work-Mentalität: Das sagen die Mitarbeiter zur 4-Tage-Woche

„Man kann das durchaus mal wagen, die 4-Tage-Woche anzugehen und ich sehe da bei uns vor allem die technische Voraussetzung als Pluspunkt, wir arbeiten schon lange digital“, sagt Nico Schmitz, Steuerfachangestellter bei Meiners & Euler. Der 33-Jährige möchte den Freitag als zusätzlichen freien Tag für Einkaufen und Hausarbeit verwenden, um so das Wochenende vollends frei gestalten zu können.

Als einen Vorteil der 4-Tage-Woche sieht er die bessere Erholung an drei Tagen. Er hofft, dass sich in kürzerer Zeit fokussierter arbeiten lässt. „Ein Nachteil könnte sein, dass die Mandanten zunächst mit der verringerten Erreichbarkeit hadern, aber ich denke, mit guter Kommunikation lässt sich das lösen.“

Das wirft den bisherigen Alltag natürlich erst einmal aus der Bahn und man muss sich umgewöhnen.
Marina Strigin

Auch Marina Strigin, Bilanzbuchhalterin bei Meiners & Euler ist gespannt auf die 4-Tage-Woche: „Das wirft den bisherigen Alltag natürlich erst einmal aus der Bahn, und man muss sich umgewöhnen. Aber ich bin positiv gestimmt auf die Umstellung und freue mich auf einen freien Tag mehr in der Woche“.

Die 31-Jährige ist noch etwas skeptisch gegenüber der Aufgabe, die gleiche Arbeit in weniger Zeit zu erledigen: „Ich glaube, es braucht ein paar Wochen, um sich an die verringerte Arbeitszeit zu gewöhnen. Man muss sich selbst gut organisieren und darf sich nicht verschätzen“.

Der freie Tag ist für Strigin allerdings der größte Vorteil der 4-Tage-Woche – sie möchte den zusätzlichen freien Tag teils für Haushaltsarbeiten, teils für etwas nutzen, „wozu man sonst nie kommt, wie ein Buch lesen oder einfach Zeit für sich haben.“

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