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Gefälscht und gefährlichZoll Köln warnt vor Ramsch auf Shopping-Plattformen

7 min
Zoll-Sprecher Jens Ahland hält gefälschte Schuhe in Händen.

Jens Ahland vom Hauptzollamt Köln präsentiert aktuelle Produktfälschungen.

Der 11.11. ist nicht nur Karnevals-Auftakt. Am Singles Day startet die jährliche November-Rabattschlacht. Kleinsendungen mit Billigware aus Fernost fluten die Paketzentren.

Der Playstation-Controller im Camouflage-Design, das Real-Madrid-Trikot und die Stiefeletten mit Louis Vuitton-Monogramm, die zusammen auf dem Tisch liegen, scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam zu haben – und tun es doch. All diese Produkte sind gefälscht. Sie sind in den letzten Monaten dem Kölner Zoll in die Hände gefallen.

Hier, wie überall sonst in Deutschland, häufen sich die Probleme mit Kleinsendungen aus nicht EU-Ländern, vor allem aus China. Plunder-Plattformen wie Temu, Shein oder AliExpress befeuern den Trend. Wurden 2023 noch 183.000 dieser Fälschungen vom Hauptzollamt Köln sichergestellt, waren es 2024 schon 376.000.

Heute, am Singles Day, dem Auftakt zur jährlichen November-Rabattschlacht, gefolgt von Aktionen wie Black Week, Black Friday und Cybermonday, trommeln die Billigheimer dafür, dass 2025 erneut zum Rekordjahr wird.

Zoll-Sprecher: „Gefälschte Schuhe erkennt man oft schon am Geruch“

Hat man die Mogelware vor sich, ist sie leicht als billige Kopie zu erkennen. Die Bedienknöpfe am falschen Playstation-Controller klappern, das Kontrolllämpchen, das gewöhnlich die Funkverbindung zur Konsole anzeigt, fehlt ganz.

„Die Abzeichen auf Trikots sind aufgebügelt statt aufgenäht, die gefälschten Schuhe erkennt man oft schon am Geruch, da muss man nicht einmal auf die Nähte achten“, zählt Zoll-Sprecher Jens Ahland weitere typische Mängel auf. Verbraucher unterschätzen oft die Gefahren der vermeintlichen Schnäppchen, finanziell wie gesundheitlich.

Erst im Oktober hat die Stiftung Warentest umfangreiche Testkäufe auf den Plattformen der chinesischen Händler Temu und Shein gemacht. Das Ergebnis: Mehr als zwei von drei Produkte erfüllten nicht die europäischen Sicherheitsanforderungen. Rund ein Viertel der Ware stuften die Verbraucherschützer gar als „potenziell gefährlich“ ein.

Stiftung Warentest findet giftiges Schwermetall in Halskette

Auf der Mängelliste taucht zum Beispiel eine Halskette auf, bei der das Labor Cadmium in 8500-facher Höhe des zulässigen Grenzwertes ermittelt hat. Das giftige Schwermetall gilt als krebserregend und kann Knochen- und Nierenschäden verursachen. Im konkreten Fall ist die Schadstoffbelastung so hoch, dass die Kette nicht einmal im Hausmüll entsorgt werden darf. Der Ausspruch „Shoppen bis der Arzt kommt“, bekommt hier ungewollt seine wörtliche Bedeutung zurück.

Das Bild zeigt gefälschte Sportschuhe des Herstellers Nike. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Gefälschte Sportschuhe von Nike stehen im Zollamt am Flughafen Leipzig auf einem Tisch. Bei den Schuhen wurde das Nike-Logo von Fälschern für den Transport mit einem Flicken übernäht, der später am Zielort wieder entfernt werden sollte. Von der Handyhülle mit Fahrzeuglogo bis zur Luxusuhr reicht die Palette der sichergestellten Gegenstände.

Ähnlich ernüchternd fielen die Testergebnisse auch bei Babyspielzeug aus. Verschluckbare Kleinteile lösten sich, Spielzeug war viel zu laut für die Ohren von Kleinkindern oder mit allergieauslösenden Chemikalien durchsetzt. Auch 52 von 54 Netzteilen rasselten durch den Test. Viele wurden zu heiß oder waren schlecht isoliert. Es drohen Gehäuseverformungen und schlimmstenfalls Brandgefahr.

Auf Ware aus Nicht-EU-Ländern fallen Steuern an

Probleme, die Jens Ahland nur zu gut kennt. „Beim Öffnen von Containern aus Asien ist es üblich, dass erst einmal die Schadstoffbelastung gemessen wird, ehe der Zoll die Container in Hamburg oder anderen Überseehäfen überhaupt betreten kann“, berichtet er. Erst wenn die Container entgast sind und die Messgeräte grünes Licht geben, können die Beamten die Sendungen prüfen, ohne ihre Gesundheit zu riskieren. So stark reichert sich die Containerluft mit giftigen Ausdünstungen der Ramsch-Ware an.

Ein zweites Verbraucherrisiko betrifft nicht die Gesundheit, sondern den Geldbeutel. Denn grundsätzlich fällt bei der Einfuhr von Ware aus Nicht-EU-Staaten Umsatzsteuer an. Je nach Ware werden sieben oder 19 Prozent fällig. Das macht beim Smartphone-Schnapper für 400 Euro immerhin einen Aufschlag von 76 Euro. Ab einem Warenwert von 150 Euro können zusätzlich Zollgebühren anfallen. Beispiel Lederwaren: Die schmucke Jacke für 300 Euro verteuert sich damit nicht nur um knapp 60 Euro Einfuhrumsatzsteuer, sondern zusätzlich noch um 12 Euro Zoll.

Zoll wird schon aktiv, wenn die Ware noch in China liegt

Um wenigstens die Zollabgaben zu umgehen, teilen die asiatischen Verkäufer die Bestellung gerne auf unterschiedliche Sendungen auf – oder deklarieren schlicht falsche Preise. Das ruft die Zollkontrolleure auf den Plan. Denn die setzen mit ihrer Arbeit schon bei der Anmeldung der Ware an. „Wir prüfen schon, wenn die Pakete noch in China liegen“, bestätigt Ahland. „Wenn uns im Anmeldebogen ein hochwertiges Smartphone für 80 Euro unterkommt, schauen wir schon mal nach, ob das stimmen kann“, sagt Ahland.

Und nun wird’s für den Käufer kompliziert. Der Zoll darf die Ware nämlich nicht selbst öffnen, sondern er bestellt den Empfänger ein, damit das Paket gemeinsam ausgepackt werden kann. Stellt sich dann heraus, dass falsch deklariert wurde, drohen Nachzahlungen und Bußgelder. Noch ärgerlicher wird es für den Empfänger, wenn die Ware im Verdacht steht, Markenrechte von anderen Unternehmen zu verletzen, sprich: gefälscht zu sein. Dann behält der Zoll das Fake-Trikot oder die falschen Sneaker nämlich ein und benachrichtigt den Rechteinhaber. Der kann dann juristisch gegen den Käufer vorgehen, was häufig mit einer Abmahnung und Anwaltskosten einhergeht. Die Ware ist dann sowieso futsch. Auch die Kosten für die Vernichtung trägt der Empfänger.

Temu will „gemeldete Angebote umgehend überprüfen und entfernen“

Warum immer noch so viele Kunden das Risiko eingehen? Jens Ahland ist ratlos. „Nach unserer Erfahrung stehen die Chancen nicht gut, das Geld vom Verkäufer zurückzubekommen.“ Denn der sitzt häufig im fernen China. Die Plattformen selbst haften nicht. Laut EU-Recht müssen Online-Händler seit Dezember 2024 zwar sicherstellen, dass alle von ihnen vertriebenen Produkte, den europäischen Gesetzen und Sicherheitsstandards entsprechen. So richtig klappt das aber offenbar nicht, wie Testkäufe und Zoll-Aufgriffe zeigen.

Gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ beteuert Temu zwar, man arbeite „mit führenden Testorganisationen“ zusammen und habe ein „mehrstufiges Qualitätskontrollsystem“. Konkrete Angaben, wie das funktioniert, macht der Online-Händler aber nicht. Immerhin habe man das Personal aufgestockt, das mit Produktsicherheit befasst ist und gelobt, man werde „gemeldete Angebote umgehend überprüfen und entfernen“.

Zwölf Millionen Pakete mit geringem Warenwert täglich

Onlinehändler wie Temu müssen aktiv werden, nicht nur, weil die Berichte über Fälschungen und potenziell gefährliche Ware dem Image schaden. Bei andauernden Verstößen droht auch eine empfindliche Geldbuße der EU von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Die gesetzlichen Standards einzuhalten, ist für Temu wie für den Zoll allerdings keine leichte Aufgabe. Schuld ist die schiere Masse der umgeschlagenen Pakete. 2024 kamen 4,6 Milliarden Pakete mit geringem Warenwert in die EU, also zwölf Millionen Sendungen pro Tag. Das waren doppelt so viele wie 2023 und etwa dreimal so viele wie 2022.

Für die Kontrolleure verschärft sich die Lage noch dadurch, dass die Kleinsendungen nicht über unterschiedliche Paketzentren in der EU anlangen, sondern über ausgewählte – die dann völlig überlastet sind. So meldeten die belgischen Behörden etwa, dass am Flughafen Lüttich 2024 täglich vier Millionen Sendungen auch Nicht-EU-Ländern eingegangen sind, jedes dritte Paket in die EU überhaupt. 2017, vor dem Beginn des China-Shopping-Booms, waren es gerade einmal 1600. Das Personal, das die Kontrollen durchführt, wurde über den Zeitraum, in dem die Paketflut sich um das 2500-fache gesteigert hat, aber nur von 105 auf 138 Vollzeitstellen aufgestockt. „Das betrifft auch deutsche Verbraucher“, erklärt Ahland. Denn Ware, die einmal in die EU eingeführt ist, wird innerhalb der Union nicht erneut kontrolliert. „Darauf hat der deutsche Zoll keinen Zugriff“, so Ahland. Am größten ist die Pakete-Schwemme übrigens nicht im Dezember, sondern erst im Januar. „Wegen der langen Lieferzeiten aus Asien kommt ein Großteil der Pakete erst deutlich nach Weihnachten“, so Ahland.

Shopping-Plattformen werben aggressiv über Social Media

Ihn besorgt vor allem, dass die Kunden von Temu, Shein & Co. immer jünger werden. „Wir erleben mehr und mehr junge Menschen, die auf die aggressive Werbung über Social Media hereinfallen und teilweise riesige Pakete ordern, bis bei den Eltern ein Brief vom Zoll hereinflattert“, sagt er. Die müssen sich dann im Zweifel gegenüber dem Rechteinhaber verantworten. Zu groß ist die Versuchung der vermeintlichen Super-Schnäppchen. Die Star Trail Ankle Boot von Louis Vuitton, die Ahland in Händen hält, kostet im Original 1450 Euro, die Kopie nur einen winzigen Bruchteil davon.

Eben das ist für Ahland auch das sicherste Anzeichen für Käufer, dass es sich bei der Ware um eine Fälschung handelt. „Wer billiger verkaufen will, muss auch billiger produzieren“, gibt Ahland zu bedenken. Das müssten sich Online-Käufer vergegenwärtigen. Das Schnäppchenversprechen der Shopping-Plattformen aus Fernost ist schlicht zu schön, um echt zu sein.