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Schokolade aus EhrenfeldDie Kwatta-Fabrik war einst das süße Herz des Veedels

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Die ehemalige Kwatta-Fabrik in der Roßstraße: Links der frühere Verwaltungsbau, ganz rechts der Putzbau mit dem Schriftzug aus dem Jahr 1928. Foto: Rösgen

Die ehemalige Kwatta-Fabrik in der Roßstraße: Links der frühere Verwaltungsbau, ganz rechts der Putzbau mit Schriftzug. 

An der Roßstraße in Ehrenfeld wurde vor 100 Jahren Schokolade produziert, später nutzten die Bühnen Köln das Gebäude, dann kamen Künstler. 

Die alte Kwatta-Schokoladenfabrik erkennt Gerrit Hingst am Geruch. An Aromen von Kakao, Vanille oder Karamell denkt er dabei jedoch nicht. Als ihn seine Eltern, ein Künstlerpaar, in den 1970er Jahren fast täglich mit in ihr Atelier in der Roßstraße 16 nahmen, war jeglicher süße Duft längst verflogen. Was Gerrit Hingst in seiner Kindheit als typische Kwatta-Geruchsmischung wahrnahm, waren die Gerüche von modrigem Gemäuer, von rostigem Eisen, Schwaden von Lösungsmitteln oder Kunstharz.

Die stillgelegte Fabrik ist einer der ersten Kunstorte Ehrenfelds. Maler, Bildhauer und auch Schauspieler fanden schon vor mehr als einem halben Jahrhundert Platz in zwei trutzigen Ziegelbauten mit Rundbogenfenstern aus der Kaiserzeit, einem modern anmutenden Putzbau mit dem noch erhaltenen Schriftzug der Kwatta-Fabrik.

Gerrit Hingst im Atelier seiner Mutter Doris Nöthen.

Gerrit Hingst steht im Atelier seiner Mutter Doris Nöthen.

Einst gehörte zum Komplex noch eine mächtige Fabrikhalle, die bis zur Mechternstraße reichte. Die ältesten Gebäude von 1890 gehörten zur Rhenania-Brauerei, die nach Konkurs von der Ehrenfelder Adler-Brauerei übernommen wurde. Relikt aus der Zeit der Bierproduktion ist ein riesiger Keller, bestehend aus vier Gewölben, jedes 35 Meter lang und sieben Meter breit. Die „Deutsche Kwatta“, Tochtergesellschaft eines niederländischen Kakao- und Schokoladeherstellers, produzierte von 1926 bis 1964 in Ehrenfeld Pralinen, Konfekt und sehr populäre Schokoriegel – eine beliebte Verpflegung in Schulranzen, Aktentaschen und Marschgepäck.

Nachdem Kwatta schloss, waren die damals noch frei stehenden Fabrikgebäude zunächst dem Verfall preisgegeben. „Die alte Produktionshalle war ein faszinierender Abenteuerspielplatz voller Unkraut, rostigen Förderbändern, Unmengen von Müll und Taubendreck“, erinnert sich Hingst.

Kreative und die Städtischen Bühnen übernahmen die Fabrik

Künstler und Schauspieler waren die Ersten, die Kwatta ein neues Leben schenkten. Die städtischen Bühnen hatten kurzzeitig ein Kulissenlager und eine Probebühne. Bildhauer nutzten auch das Freigelände mitunter zum Arbeiten. Es war ein Ort ungezwungener Kreativität und neuer künstlerischer Ansätze. Von der Nachbarschaft mitunter etwas skeptisch beäugt. So beginnt meist – von den Akteuren unbeabsichtigt – Gentrifizierung, dieser Wandel über Jahrzehnte vom tunlichst gemiedenen schmuddeligen Arbeiterstadtteil in eine gefragte schicke Wohngegend.

Gedanken daran hatte Gerrit Hingst wohl eher nicht, wenn er mit Freunden auf dem Kwattagelände spielte oder im Atelier vom Sofa aus die verzierte Backsteinfassade des Fabrikgebäudes betrachtete. „Die Ziertürmchen an den Ecken sahen für mich aus wie riesige Wachsmalstifte“, erzählt er. Beobachtungen, die ihn zur Fotografie brachten. Bis heute ein Hobby. Gerrit Hingst wurde kein Künstler wie Vater und Mutter.

Schon in seiner Jugend veränderte sich viel rund um Kwatta. Ehrenfeld war ein Problemviertel mit sterbender Industrie, Wohnhäusern in meist schlechtem Zustand und düsteren Straßen ohne Grün. Bei Bürgerversammlungen an Informationsständen wurde daher viel über Stadtverschönerung und Wohnumfeldverbesserung gesprochen – gängige Schlagworte im damaligen Sanierungsgebiet.

In den 1980er Jahren verschwand die Fabrikhalle. Die Stadt Köln, mittlerweile Eigentümerin der Gebäude, ließ auf der freien Fläche inmitten des Carrees aus Vogelsanger, Roßstraße, Barthelstraße und Mechternstraße einen kleinen Park anlegen. Was stehengeblieben war, bekam einen neuen Anstrich. Die einst von arbeitslosen Jugendlichen angebrachte Malerei auf der Rückseite des Gebäudes ist noch erhalten. Das pittoresk wirkende Ensemble steht unter Denkmalschutz.

Ein rotes Fabrikgebäude und ein dahinter aufragender Turm

Die Kwatta-Fabrik mit dem Backsteinturm vom Kwatta-Park aus gesehen

Die Kwatta-Fabrik, wo inzwischen Kunst länger produziert wird als Schokolade, beherbergte die Ateliers einiger später namhafter Kunstschaffender. Adolf Cerny, Hermann Abrell und Alf Schuler arbeiteten hier. Auch Heinz-Günter Prager, dessen „Doppelachsen“ vor 40 Jahren auf dem Friesenplatz aufgestellt wurden. Inzwischen seit 30 Jahren prägen die drei markanten Zacken des „Holografisches Objekts“ von Martin Hingst den Kölner Mediapark an der Erftstraße. Martin Hingst ist der Vater von Gerrit Hingst. Zunächst arbeitete er mit Doris Nöthen gemeinsam in der Kwatta-Fabrik. Das Paar trennte sich 1983.

Doris Nöthen blieb und schuf in der ehemaligen Chefetage der Kwatta-Fabrik, weiter ihre Arbeiten aus Eisen, Holz, Stroh oder auch Plastik. Eine fast lebenslange Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Natur und Technik.

Damit ist in wenigen Wochen Schluss. Aus Altersgründen verlässt die bald 80-Jährige das Atelier. Die Teilnahme an der Ehrenfeld Kunstroute 2026 am Wochenende 2. und 3. Mai bedeutet den Abschied von Ehrenfeld. Gerrit Hingst stellt seine Fotoserie zum Thema Atelierküchen aus. Besucher können die Arbeiten und Rohmaterial erwerben.