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„Niederlagen an allen Fronten“Großangriff, Unruhe – und Wut auf Putin vor Parade in Moskau

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Kremlchef Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz. (Archivbild)

Vor der am 9. Mai geplanten Siegesparade in Moskau greift die Ukraine mit hunderten Drohnen an – in Russland herrscht Frust. 

Großangriff vor Siegesparade: Die russische Armee hat nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau in der Nacht mehr als 300 ukrainische Drohnen abgefangen. 347 Drohnen seien von Mittwochabend bis zum frühen Donnerstagmorgen „zerstört“ worden, erklärte das Ministerium. Diese Zahl ist vergleichsweise hoch.

Die Angriffe erfolgten kurz vor einer von Moskau einseitig ausgerufenen Waffenruhe mit der Ukraine am 8. und 9. Mai. Am 9. Mai wird in Russland feierlich an den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg erinnert.

Russland greift Kindergarten an – Ukraine setzt auf Drohnen

Kyjiw hatte seinerseits eine Waffenruhe für den 6. Mai vorgeschlagen, die Moskau ignorierte – und bei heftigen Angriffen sogar einen Kindergarten in der Grenzregion Sumy ins Visier nahm, wie ukrainische Behörden mitteilten.

Bei dem nun gemeldeten ukrainischen Großangriff sollen ersten Berichten zufolge auch Ziele in der Region Moskau attackiert worden sein. In den sozialen Netzwerken kursierten Videos, die einen Drohneneinschlag in Naro-Fominsk, etwa 70 Kilometer südwestlich der russischen Hauptstadt gelegen, zeigen sollen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. 

Moskau droht der Ukraine mit „Vergeltungsschlag“

Das russische Außenministerium hatte zuvor ausländische Botschaften in der ukrainischen Hauptstadt aufgefordert, ihr Personal für den Fall eines russischen Angriffs auf Kyjiw in Sicherheit zu bringen.

Soldaten exerzieren im vergangenen Jahr bei der Militärparade auf dem Roten Platz. Russland feiert den 81. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland dieses Jahr mit einer zusammengeschrumpften Parade. (Archivbild)

Soldaten exerzieren im vergangenen Jahr bei der Militärparade auf dem Roten Platz. Russland feiert den 81. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland dieses Jahr mit einer zusammengeschrumpften Parade. (Archivbild)

Die Botschaften sollten die „rechtzeitige Evakuierung von Personal aus diplomatischen und anderen Vertretungen sowie von Bürgern aus der Stadt sicherstellen“, erklärte das Ministerium in Moskau in einer Note an ausländische Botschaften. Es warnte vor einem russischen „Vergeltungsschlag“, sollte die Ukraine die Gedenkfeiern am 9. Mai in Moskau stören.

Wut und Anspannung in Russland vor Siegesparade am 9. Mai

Die Anspannung in der russischen Hauptstadt im Vorfeld der Siegesparade steigt unterdessen weiter an. Bereits zu Wochenbeginn war eine ukrainische Drohne in einem Hochhaus in Moskau eingeschlagen. Nun meldete die „New York Times“-Reporterin Nataliya Vasilyeva großflächige Internetsperren rund um Moskau.

„Das Ausmaß der Internet-Ausfälle in Russland vor der Siegesparade scheint weitaus schlimmer zu sein als berichtet“, schrieb Vasilyeva auf der Plattform X. In einer Siedlung außerhalb Moskaus sei das mobile Internet seit etwa 36 Stunden ausgefallen, berichtete die Reporterin. „Telefonate sind ebenfalls stundenlang blockiert. Nichts davon wird in unabhängigen russischen Medien berichtet.“

Kreml setzt offenbar erneut auf Internetsperren

Bereits seit Wochen verhängt der Kreml immer wieder Internetsperren in russischen Großstädten und rechtfertigt diese mit Schutzmaßnahmen gegen ukrainische Drohnenangriffe. Nach einer ganzen Reihe erfolgreicher ukrainischer Angriffe gegen die Öl-Industrie Russlands war zuletzt auch ungewohnt offene Kritik an Kremlchef Wladimir Putin laut geworden.

Sowohl im russischen Parlament als auch von einer prominenten Influencerin musste Putin sich deutliche Kritik gefallen lassen. Unruhe herrscht derweil auch unter den russischen Kriegsbloggern angesichts der jüngsten militärischen Erfolge der Ukraine. So beklagte sich der populäre Propagandist Evgeni Golman zuletzt über das Versagen der russischen Luftabwehr und Rückschläge an der Front.

„Sie werden gelöchert wie Käse und sterben jeden verdammten Tag“

„Wir radieren unsere eigenen Leute aus – sie werden gelöchert wie Käse und sterben jeden verdammten Tag“, schimpfte Golman in einem Video. „Wisst ihr noch, wie wir damals nach Paris marschiert sind?“, führte der Kriegsblogger schließlich mit Blick auf historische russische Feldzüge aus und fügte hinzu: „Aber das war früher, als wir noch richtige Anführer und nicht nur verdammte Versager hatten.“

Jeder im russischen Machtapparat müsse „ausgetauscht“ werden, forderte Golman weiter und nahm dabei auch Putin nicht aus. „Sie haben lang genug da herumgehockt, zu viel gelogen und zu viel gestohlen“, hieß es mit Blick auf die Regierung im Kreml. 

„Russland erleidet Niederlagen an allen Fronten, also was feiern wir?“

Es sind jedoch nicht nur Kriegsblogger, Influencer und Politiker, die derzeit offene Kritik äußern. In einer Straßenumfrage des unabhängigen russischen Medienprojekts Sota wurde der Frust auch bei der Bevölkerung in Moskau im Vorfeld der ohne Militärtechnik stattfindenden Siegesparade deutlich.

„Ich glaube, der 9. Mai entwickelt sich zu einem vollkommen unbegreiflichen Ereignis“, erklärte etwa ein Mann und fügte hinzu: „Russland erleidet Niederlagen an allen Fronten, also was feiern wir?“ Dass die Parade in diesem Jahr deutlich kleiner ausfalle, sei ein Zeichen dafür, dass „Russland wahrscheinlich etwas falsch macht“, erklärte ein anderer Russe. „Putin ist auf die Idee gekommen, das groß zu feiern … und dann ist etwas schiefgelaufen“, hieß es weiter. 

Wolodymyr Selenskyj attackiert Wladimir Putin

Aus der Ukraine kommen unterdessen weiterhin klare Botschaften. „Russland hat so lange gekämpft, dass nun sogar seine wichtigste Parade von uns abhängt. Das ist ein klares Signal: Genug ist genug“, erklärte Staatschef Wolodymyr Selenskyj am Mittwochabend (6. Mai). Moskau habe aus der Ukraine einen klaren Vorschlag für einen Waffenstillstand erhalten, darauf jedoch lediglich mit „fast stündlichen“ Angriffen reagiert, führte der Ukrainer aus.

Der Kreml wisse, wie er Kontakt aufnehmen könne, um die Rahmenbedingungen einer Feuerpause abzuklären. „Wenn die eine Person in Moskau, die ohne Krieg nicht leben kann, sich nur um eine Parade und sonst nichts kümmert, ist das eine andere Geschichte“, fügte der ukrainische Staatschef hinzu. (mit afp)