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„Wir werden zerstört und erniedrigt“Ukraine attackiert Ziele tief in Russland – Kriegsblogger wütend

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Auf einem Screenshot aus einem Video, das aus der russischen Region Perm stammen soll, ist ein Großbrand zu sehen.

Auf einem Screenshot aus einem Video, das aus der russischen Region Perm stammen soll, ist ein Großbrand zu sehen.

Die Ukraine setzt ihre Angriffe auf russische Öl-Infrastruktur fort – in Russland sorgen die erfolgreichen Angriffe für wachsenden Frust. 

Die ukrainischen Streitkräfte haben erneut Ziele im russischen Perm angegriffen. Der Geheimdienst SBU bestätigte nächtliche Angriffe auf eine Lukoil-Raffinerie in der russischen Stadt, die mehr als 1500 Kilometer von der Front entfernt liegt. Den erneuten Schlag habe eine Spezialeinheit des SBU durchgeführt – einen Tag nach einem ersten Drohnenangriff auf dieselbe Anlage am Mittwoch.

Nach Angaben des SBU wurde bei dem Angriff ein zentrales Element der Rohölverarbeitung der Raffinerie getroffen. Durch die Schäden sei die Anlage „faktisch außer Betrieb“ gesetzt worden, teilte der SBU weiter mit. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. 

Ukrainische Angriffe: Großbrände in der russischen Region Perm

Unabhängige Telegram-Kanäle, darunter „Exilenova Plus“, berichteten zudem von Bränden in zwei bis drei Lagertanks einer Ölpumpstation des staatlichen Pipelinebetreibers Transneft in der Region Perm – und veröffentlichten entsprechende Videos, auf denen Großbrände mit enormer Rauchentwicklung zu sehen waren. Jeder dieser Tanks soll bis zu 50 000 Kubikmeter Rohöl (rund 314 000 Barrel) fassen, berichtete die ukrainische Zeitung „Kyiv Independent“.

Perm und die beiden nun attackierten Ziele in der Region liegen im Ural-Vorland, östlich von Moskau, weit entfernt von ukrainisch kontrolliertem Territorium – der erneute Angriff dient somit als weiterer Beleg für die zunehmende Reichweite ukrainischer Drohnenangriffe. Der Standort gilt als bedeutender Knotenpunkt für die Lagerung und den Transport von Rohöl im russischen Pipelinenetz. 

Ukraine droht mit größerer Reichweite von Langstreckenwaffen

Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten ihre Angriffe auf russische Energieinfrastruktur deutlich intensiviert. Ziel ist es, die militärische Treibstoffversorgung zu stören und so eine der wichtigsten Einnahmequellen des Kreml im Krieg zu blockieren.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in dieser Woche angekündigt, die Reichweite ukrainischer Langstreckenwaffen weiter ausbauen zu wollen. Russland müsse seinen Krieg beenden, forderte der Staatschef zudem.

Frust und Ärger über Putin  in Russland ungewohnt sichtbar

Auch in der russischen Stadt Tuapse ist es nach ukrainischen Angriffen auf Öl-Infrastruktur in dieser Woche zu einem Großbrand gekommen. Auf kursierenden Videos, die aus Tuapse stammen sollen, waren massive Rauchwolken und Großbrände zu sehen. Anwohner berichteten in den sozialen Netzwerken zudem von beißendem Gestank und „schwarzem Regen“. 

Angesichts der ukrainischen Angriffe und der für die Bevölkerung spürbaren Auswirkungen scheint der Frust über den andauernden Krieg gegen die Ukraine in Russland unterdessen weiter anzusteigen. „Man spürt die Spannung sowohl in der Luft als auch am Himmel“, zitierte das unabhängige russische Medium „Sota“ eine Bewohnerin in Perm.

„In Russland macht sich eine Art Müdigkeit breit“

In der Umgebung seien Unterrichtsstunden abgesagt worden, berichtete „Sota“ zudem. Die russischen Behörden hätten die Bewohner der Region aufgefordert, ihre Dokumente für den Fall einer Evakuierung griffbereit zu halten. Einige Bewohner hätten bereits beschlossen, vorübergehend in sicherere Gegenden zu reisen.

Auch der BBC-Korrespondent Steve Rosenberg berichtete von wachsendem Unverständnis in Russland. „In Russland macht sich eine Art Müdigkeit breit, während der Krieg gegen die Ukraine sich hinzieht und Drohnen Südrussland ins Visier nehmen“, beschrieb Rosenberg die Stimmung in der Hauptstadt Moskau und veröffentlichte die Aussagen einiger Russinnen und Russen.

Russen zeigen sich genervt: „Alle haben die Schnauze voll“

„Sie sagten, dies würde eine Operation sein, also dachte ich, es würde ein kurzer Konflikt werden. Das war mein Fehler“, erklärte eine Frau demnach gegenüber der BBC. „Alle haben die Schnauze voll. Ich wünsche mir, dass so schnell wie möglich Frieden einkehrt“, erklärte derweil eine andere Moskauerin. 

Zuletzt gab es in Russland ungewöhnlich viel offene Kritik an der russischen Regierung und Kremlchef Wladimir Putin. So warnte etwa der langjährige Vorsitzende der Kommunistischen Partei Russlands, Gennady Zyuganov, bei einem Auftritt in der Duma vor einem Zusammenbruch des Landes. Zuvor hatte bereits eine populäre russische Influencerin in einem viel beachteten Video Kritik an Putin geäußert.

Kreml-Kritik und Warnungen aus den Reihen der Kriegsblogger

Auch die kriegsbegeisterten, nationalistischen Kriegsblogger fanden zuletzt mitunter ungewöhnlich deutliche Worte angesichts der ukrainischen Angriffe, der wirtschaftlichen Lage und der bei der Bevölkerung verhassten Internetsperren, die der Kreml zwischenzeitlich erlassen hatte. 

„Wir werden zerstört und erniedrigt“, schimpfte in dieser Woche nun der „Z-Blogger“ Jewgeni Golman angesichts der neuen ukrainischen Angriffe und der wirtschaftlichen Probleme, die bereits „80 Prozent meiner Freunde“ zu spüren bekämen. „Wir leben in einem verdammten, surrealen Alptraum“, schimpfte der Kriegsblogger und fügte mit vulgärer Wortwahl hinzu: „Wir müssen alles ändern, sonst sind wir im Arsch.“