Der Buch-Autor und Journalist Andrey Gurkov spricht über die Angriffe der Ukraine gegen Moskau, Putins Ideologie und die hybride Gefahr aus Russland.
Kölner Russland-Experte„Für die Menschen in Moskau ist der Krieg ein Reizfaktor, aber mehr auch nicht“

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin
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Moskau ist gerade Ziel einer großen Angriffswelle aus der Ukraine geworden. Die russische Nachrichtenagentur Tass spricht von der heftigsten Attacke seit zwei Jahren. 620 Drohnen sollen Richtung Moskau geflogen sein. Was lösen Angriffe wie diese im Kreml aus?
Wenn wir vom Kreml sprechen, sprechen wir von Putin, und der demonstriert eine verbissene Hartnäckigkeit beim Festhalten an seinen Kriegszielen. Er scheint nach wie vor der Meinung zu sein, dass er sich zwar sehr langsam, aber stetig auf der Siegerstraße bewegt. Er lässt sich durch die immer intensiver und zielgerichteter werdenden Luftschläge nicht beirren, sondern beantwortet sie mit einer weiteren Eskalation des Beschusses der Ukraine vor allem mit Raketen, weil er da eine Schwachstelle sieht. Tatsächlich hat die Ukraine gegenwärtig Probleme, Raketen abzufangen, weil der Nachschub für das amerikanische Flugabwehrsystem Patriot fehlt. Deswegen will Putin auch keine Angebote aus Kiew annehmen, die gegenseitigen Luftangriffe generell oder zumindest auf die Energie-Infrastruktur zu beenden. Er hält solche Angebote für ein Merkmal der Schwäche.
Wir wissen nichts über Schäden oder Verletzte nach dem Angriff auf Moskau. Aber die Bevölkerung der Hauptstadt muss die Abwehrschlacht über ihren Köpfen mitbekommen. Wie reagiert sie?
Den Menschen nicht nur in Moskau, sondern auch in vielen anderen russischen Städten ist ziemlich bewusst, dass der Krieg zu ihnen gekommen ist. Aber gerade die Bevölkerung in Moskau hat sich vier Jahre lang nicht vom normalen, komfortablen Leben ablenken lassen. Für sie ist der Krieg ein Reizfaktor, der sie aus ihrer Komfortzone rauswirft, aber mehr auch nicht. Jedenfalls führen die Angriffe nicht dazu, dass die Mehrheit den Krieg beenden will. Es gibt zwar Umfragen, die besagen, dass eine Mehrheit für Friedensverhandlungen ist, aber nur zu den Bedingungen, die Russland stellt. Die Unterstützung in Moskau für den Krieg ist aktuell sogar größer als in vielen kleineren und mittleren Städten.
Seit Mai hält die Benzinkrise wegen Angriffen der Ukraine auf Raffinerien an. Russland muss sich jetzt sogar etwa aus Indien mit Benzin beliefern lassen. Das Thema Benzin muss die Bevölkerung doch massiv reizen.
Die Krise verschlechtert ihr Leben definitiv, und die Lage hat sich jetzt auch wieder zugespitzt, gerade in Moskau. Die Menschen sind sehr unzufrieden. Sie stehen oftmals stundenlang in Schlangen. Trotzdem führt das nicht zu einer massiven Antikriegsstimmung, sondern eher zu einer Aggressivität gegen die, die ebenfalls in der Schlange stehen.
Jetzt hat der Kreml Richtung London gedroht, weil im Raum stand, dass es möglicherweise britische Drohnen waren, die nach Moskau geflogen sind. Zeigt sich hier eine neue Nervosität?
Man könnte Bücher damit füllen, wem Russland in den vergangenen Jahren alles gedroht hat. Trotzdem würde ich sagen, dass die Intensivität der Drohungen zugenommen hat. Ich würde das schon als steigende Nervosität werten. Denn ob es nun Putin einsehen will oder nicht: Die politische Elite in Russland spürt natürlich, dass sich die Situation verschärft und verschlechtert.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat laut der Nachrichten-Agentur AFP in Richtung London gesagt, Russland werde westliche Nachschublinien für die Ukraine gezielter angreifen.
Lawrow müsste klar sein, dass ein Angriff gegen ein britisches Ziel ein Angriff auf die NATO wäre. Großbritannien ist zudem ein atomares NATO-Mitglied. Würde Russland das wahrmachen, wäre es eine Kriegserklärung. Deswegen droht Lawrow hier eher als dass er vor etwas warnt, was man in Moskau tatsächlich umzusetzen versucht. Allerdings könnten die hybriden Aktionen deutlich zunehmen. Dass angesichts dieser Gefahr die Bundesregierung gerade eine Geheimdienstreform beschlossen hat, die dem Bundesnachrichtendienst und dem Verfassungsschutz aktive operative Rückschläge bei hybrider Kriegsführung ermöglicht, ist ein Signal, das man in Moskau sicher sehr aufmerksam vernommen hat.
Putin steht zunehmend mit dem Rücken zur Wand. Welche Optionen bleiben ihm noch?
Die unwahrscheinlichste Option ist, dass Putin nachgibt und sich zu Friedensverhandlungen bereit erklärt. Die beiden realistischen sind: Er macht weiter wie bisher, möglicherweise mit einer noch größeren Brutalität, oder er eskaliert sogar massiv, aber nur auf dem Schlachtfeld in der Ukraine.
Sie halten einen Angriff auf einen NATO-Staat also für ausgeschlossen?
Da sollten wir definieren, was wir unter Angriff verstehen: Eine Panzerkolonne, die sich in Richtung der estnischen oder der litauischen Hauptstadt bewegt, halte ich für absolut ausgeschlossen. Einen hybriden Angriff, einen Sabotageakt oder mehrere Drohnenangriffe, das ist schon durchaus wahrscheinlicher. Denn wenn wir davon ausgehen, dass die Nervosität in Moskau steigt, dürften die Versuche zunehmen, die Europäer einzuschüchtern. In Moskau weiß man nicht genau, wo sich die rote Linie für die NATO befindet. Man wird versuchen, möglichst nah an diese Linie ranzukommen, allerdings ohne sie zu überschreiten.
Niemand in Moskau ist derzeit stark genug, Putin von seiner Position abzubringen
Halten Sie es für möglich, dass die in Leipzig am Flughafen gefundene Drohne aus Russland kommt?
Möglich in jedem Fall. Allerdings gibt es auch andere mögliche Akteure, etwa von extremistischer Seite.
Falls sich herausstellt, dass die Drohne aus Russland kam, stellt sich ja die Frage: Wie reagiert man am besten darauf, wenn Putin genau beobachtet, wie weit er gehen kann?
Sobald das feststünde, müsste man sich in der Tat eine Antwort überlegen. Die ist aber auf mehreren Ebenen denkbar. Manchmal ist es die klügere Taktik, die Öffentlichkeit nicht damit zu behelligen und Putin über andere Kanäle mitzuteilen: Wir wissen, dass du das warst. Dafür sind Botschaften unter anderem da.
Der russische Top-Ökonom Andrei Klepatsch hat gerade seinen Job verloren, weil er gesagt hat, dass es für Russland unmöglich sei, diesen Abnutzungskrieg gegen die Ukraine zu gewinnen. Hat er recht?
Absolut. Deshalb ist die massive Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, worauf die Ukraine mit ihren Schlägen hinarbeitet, definitiv ein guter Hebel, wenn auch noch nicht stark genug.
Aber dann muss Putin doch auch unter dem Aspekt klar sein, dass die Zeit gegen ihn läuft.
Ich halte es für gut möglich, dass er das ausblendet und mit Tunnelblick nur das eine Ziel vor Augen hat. Er hat sich Ende Juli in Omsk mit dem kasachischen Präsidenten getroffen, der ihm klipp und klar gesagt hat, dass man diesen Krieg beenden sollte. Er weiß sicher auch, dass der Moskauer Bürgermeister gewarnt hat, man dürfe nicht alle Mittel in den Krieg stecken, weil das normale Leben weitergehen müsse. Das ist für russische Verhältnisse eine außerordentlich klare Botschaft. Doch während sich die russische Elite zunehmend in der Sackgasse fühlt, hält Putin borniert an seinen Zielen fest. Ein Nachgeben würde den glorreichen Platz in der Geschichte, den er für sich ausgemalt hat, in seiner Wahrnehmung enorm schmälern. Und niemand in Moskau ist derzeit stark genug, Putin von seiner Position abzubringen.

Der Russland-Experte und Buchautor Andrey Gurkov lebt in Köln.
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Zur Person
Andrey Gurkov ist ein in Köln lebender russisch-deutscher Journalist und langjähriger Russland-Experte. Er wurde in Moskau geboren und arbeitet seit Ende der 1980er‑Jahre für internationale Medien, unter anderem für die Deutsche Welle. Gurkov gilt als einer der profiliertesten deutschsprachigen Erklärer russischer Innen‑, Außen‑ und Propagandapolitik. 2025 veröffentlichte er das Buch „Für Russland ist Europa der Feind“.

