Kölnerin Helga Schmitt liest unsere Zeitung seit 75 Jahren. Sie erzählt uns vom Aufwachsen im Krieg und was sie vom Journalismus erwartet.
94-jährige Leserin„Eine Zeitung muss widersprechen, auch wenn es unbequem wird“

Helga Schmitt ist seit 1951 Abonnentin des „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Copyright: Martina Goyert
Frau Schmitt, Sie lesen den „Kölner Stadt-Anzeiger“ seit 75 Jahren. Wie sieht das aus, wenn Sie morgens die Zeitung aufschlagen?
Helga Schmitt: Ich lese zuerst die politischen Nachrichten. Früher hatte ich dafür allerdings viel weniger Zeit als heute. Während meines Studiums und später als Mutter und Lehrerin musste ich mich um so vieles kümmern. Da habe ich Nachrichten eher gehört. Inzwischen lese ich intensiver. Und ich freue mich auch auf bestimmte Autoren. Wenn Joachim Frank schreibt, lese ich besonders aufmerksam. Er vertritt seine Meinung. Er scheint auch nicht anfällig für Kritik zu sein. Er schreibt, was er denkt. Das finde ich richtig, auch wenn es natürlich angenehm ist, wenn seine Meinung mit meiner übereinstimmt.
Eine Zeitung ist für mich ein wichtiger Begleiter. Deshalb ärgere ich mich, wenn sie nicht kommt. In der vergangenen Woche blieb sie einmal ganz aus, ein anderes Mal wurde sie erst mittags zugestellt. Das darf nicht sein. Die Zeitung gehört zum Tagesbeginn. Sie muss zuverlässig da sein.
Ihr Vater abonnierte den „Stadt-Anzeiger“ 1951. Was für eine junge Frau waren Sie damals?
Ich war gerade 20 Jahre alt. Ich kannte meinen späteren Mann bereits, er studierte damals noch. Kennengelernt hatten wir uns in der Pfarrgemeinschaft. Er besuchte die Schule in der Nussbaumer Straße und wohnte nur einen Steinwurf entfernt. Als ich Abitur machte, konnte er mir während der Prüfungen vom Balkon seines Elternhauses zuwinken.
Ich war eine gute Schülerin und hätte selbst gern studiert. Aber wir hatten im Krieg alles verloren. Mein Vater war beim Fernmeldeamt beschäftigt. Er war ein kluger, später sehr angesehener Mann und wurde Leiter der Fernmeldeschule. Aber nach dem Krieg sagte er zu mir: Wenn du körperlich behindert wärst, würde ich dich studieren lassen. Aber du bist gesund. Wir haben nichts mehr. Mir wäre deshalb lieber, wenn du arbeitest.
Weil Sie gesund waren, mussten Sie also mit anpacken.
Ja. Das Studium war teuer, und wir lebten zunächst noch aus Kisten. Ich hätte mit meinem Abitur sogar eine Ingenieurslaufbahn bei der Bundespost einschlagen können. Aber wenn ich die Ausbildung abgebrochen hätte, wären 4000 Mark fällig gewesen. Das war ein unkalkulierbares Risiko. Also begann ich in einer niedrigen Position im Fernmeldeamt West. In der Rechnungsstelle musste ich lange Zahlenbänder abtippen und miteinander vergleichen. Später kam ich zur Anmeldestelle. Dort hatte ich mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, unter anderem mit Zuhältern, die ein Telefon brauchten.
Ich hatte mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, unter anderem mit Zuhältern, die ein Telefon brauchten.
Welche Bilder aus den Kriegsjahren haben sich bei Ihnen festgesetzt?
Die letzte Zeit der Bombardierung von Köln war für mich besonders schlimm. Schlimmer als der Einschlag selbst war oft das Surren der Flugzeuge. Wir wohnten in der Heidemannstraße. Wenn ein Mitmieter seinen Hut aufsetzte, wusste ich: Jetzt wird es ernst. Diese Geste bedeutete, dass die Gefahr näherkam. Es knallte, alles wackelte. Ich habe mich manchmal aus Angst vor einen Stuhl gekniet, mir eine Decke über den Kopf gezogen und dabei versucht, mich für den Weg in den Keller halbwegs angemessen anzuziehen. Dieses Tempo, in dem ich damals vom Bett in den Keller gelangte, habe ich bis heute nicht vergessen.
Ein anderes Bild, das mich bis heute verfolgt: Hinter einem Hügel hörte ich Geschepper. Dann kamen graue Gestalten mit leeren Kochgeschirren. Ausgemergelte Menschen verteilten sich auf einer Hügelspitze in Lindlar. Ich weiß nicht, ob es Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter waren. Vielleicht flohen sie aus einer Fabrik.
Sie sagen, für Sie als Kind sei der Krieg auch Normalität gewesen, Sie haben ihn in Ihr Spiel eingebaut.
Wir Kinder sammelten Bombensplitter und Flakgeschosse. Das war beinahe eine Sucht. Die Splitter kamen uns wie Schätze vor. Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinem Roller bis zur damaligen Flakkaserne gefahren bin, um die Soldaten dort zu fragen, ob der Splitter echt sei. Ich weiß genau, wie stolz ich war, als er mir das bestätigte.
Wenn wir über die Zeitung reden, dann geht es ja auch um Nachrichten. Was sind die wichtigsten, an die Sie sich in Ihrem Leben erinnern?
Die führen mich auch in die Zeit des Krieges zurück. Auch wenn ich damals vieles noch nicht richtig verstanden habe. Aber ich werde das nie vergessen: Mein Vater stand auf einem Stuhl am hohen Küchenschrank und versuchte, am Radio Nachrichten zu empfangen. Es rauschte und quietschte und ich bat ihn, das abzustellen. Aber er stand weiter konzentriert und angespannt auf dem Stuhl und antwortete nur: Stör mich nicht. Er versuchte, die Nachrichten der BBC mitzuhören.
Einmal fand ich ein Flugblatt. Darauf waren Bilder von Juden zu sehen, abgemagert und dem Tod nahe. Ich wusste nicht, was ich da vor mir hatte, hab es erst viel später richtig verstanden.
Nach dem Krieg ging es nicht sofort aufwärts. Woran erinnern Sie sich?
Hauptsächlich an Hunger. Ich kochte Brotsuppe aus vertrockneten Schulweckchen. Meine Mutter wurde auf unserem Küchentisch an Hungerödemen operiert. Zwei Ärzte kamen, einer gab ihr die Narkose, der andere schnitt sie auf. Das Krankenhaus war schließlich voll. Auch Krücken gab es nicht. Meine Mutter half sich dann mit einem Schrubber und einem Besenstiel.

Helga Schmitt: „Als wir heirateten, verdienten wir jeweils 250 Mark im Monat. Davon konnten wir leben, wenn auch nur gerade so. Man muss bedenken: Ein kleiner Kühlschrank mit 60 Litern Fassungsvermögen kostete damals 400 Mark.“
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Wann wurden die Aussichten besser?
Mein künftiger Mann erreichte schließlich den Status eines Assessors. Wir verdienten zu dieser Zeit beide 250 Mark im Monat. Davon konnten wir leben, wenn auch nur gerade so. Man muss bedenken: Ein kleiner Kühlschrank mit 60 Litern Fassungsvermögen kostete damals 400 Mark. Daran sieht man, dass sich unsere Lebensverhältnisse schon deutlich verbessert haben. Wir heirateten 1955. Da kam langsam alles in Schwung. Immer wurde es ein Stückchen besser. Wir nutzten, was möglich war, machten schöne Ferien und waren dankbar dafür.
Sie gründeten eine Familie und gaben Ihre Erwerbsarbeit zunächst auf. Warum haben Sie so entschieden?
Ich wollte bei den Kindern sein. Meine erste Tochter wurde 1959 geboren, die zweite 1963. Die glücklichsten Jahre meines Lebens waren, als die Kinder klein waren. Ich schrieb ihre Äußerungen auf, manchmal auf irgendwelche Fetzen Papier. Wenn sie einen runden Geburtstag hatten, versah ich die Aufzeichnungen mit Fotos. Ich wollte sie begleiten, solange sie noch nicht schulpflichtig waren. Das war mir wichtig. Heute beginnen junge Mütter meist schon nach einem Jahr wieder zu arbeiten, oft in Vollzeit. Ich verstehe, dass sie an ihre Rente und an den Lebensstandard denken müssen. Aber ideal finde ich es trotzdem nicht.
Was war Ihnen in der Kindererziehung besonders wichtig?
Kinder brauchen Zeit und Begleitung. Sie müssen lernen, wie man mit anderen umgeht, wie man Freunde gewinnt und was richtig und falsch ist. Heute mache ich mir Sorgen, weil Kinder zu früh und zu lange auf Bildschirme schauen. Ich freue mich, dass man sich inzwischen ernsthafter mit diesem Problem beschäftigt. Das ist viel zu lange verharmlost worden. Ich würde meinem Kind ein Handy für den Notfall mitgeben, aber in der Schule sollte es eingeschlossen werden. Auch in der Pause sollte es nicht benutzt werden.
Ich habe Verständnis für eine alleinerziehende Mutter, die froh ist, wenn ihr Kind einmal ruhig ist und sie arbeiten kann. Trotzdem tut es mir weh, wenn Kinder stundenlang auf einen Bildschirm schauen.
Sie holten das Studium später nach. Wie kam es dazu?
Als die beiden Kinder in der Schule gut zurechtkamen, dachte ich: Ich muss wieder etwas machen. Eine Berufsberaterin sagte zu mir: Wenn Sie die Ferien für Ihre Familie haben möchten, können Sie eigentlich nichts Anständiges machen, außer eben Lehrerin werden. Also studierte ich doch noch: Deutsch, Kunst und Mathematik auf Lehramt. Ich war die Älteste, dafür hatte ich einiges an Lebenserfahrung. Mein Mann fand es großartig, dass ich mich dazu entschlossen hatte. Schließlich kam ich an eine Grundschule nach Porz. Ich erinnere mich gern an die Autofahrt dorthin. Am Straßenrand lagen Waldstücke und Kornfelder, Ampeln gab es kaum. Heute ist dort alles zersiedelt.
Welche Begegnung mit Ihren ehemaligen Schülern hat Sie zuletzt besonders amüsiert?
Wir hatten vor fünf Jahren ein Klassentreffen. Ich musste zu den Jungen hochgucken, die ersten bekamen schon eine Glatze. Einen ehemaligen Schüler habe ich sogar als Anlageberater ausgewählt. Er macht das von Berufs wegen und macht es sehr gut.
Wenn Sie auf Köln blicken: Was schmerzt Sie, was lieben Sie?
Ich liebe die romanischen Kirchen. Kunst hat meinen Mann und mich sehr interessiert. Wir fotografierten Gewölbe, reisten nach England und Frankreich. Den Dom liebe ich besonders. Einmal kam ich so früh am Morgen, dass ich fast allein war. Da war ich glücklich. Aber ich trauere um Orte wie den Neumarkt, den Friesenplatz. Drogen und Kriminalität belasten mich. Die Vorstellung, dass Schulkinder dort täglich damit klarkommen müssen, ist unfassbar. Man müsste dort um der Jugend willen schneller handeln und eine vernünftige Lösung schaffen.

Helga Schmitt konnte nach dem Krieg zunächst nicht studieren, weil das Geld nicht reichte. Ihr Vater habe zu ihr gesagt: „Wenn du körperlich behindert wärst, würde ich dich studieren lassen. Aber du bist gesund. Wir haben nichts mehr. Mir wäre deshalb lieber, wenn du arbeitest.“
Copyright: Martina Goyert
Sie haben Krieg, Hunger, Wiederaufbau und Wohlstand erlebt. Was macht Ihnen heute Angst – und was gibt Ihnen Hoffnung?
Wenn ich heute jung wäre, würde ich mich nicht trauen, ein Kind zu bekommen. Das hätte ich früher nicht gesagt. Damals ging es immer darum, was man erreichen konnte, wie man etwas zu essen bekam. Wir waren zuversichtlich, weil es dauernd kleine Fortschritte gab. Hoffnung geben mir die Kinder und Enkel. Meine Urenkelin hat ihr erstes Schuljahr sehr souverän gemeistert. Sie kann in der Nachmittagsbetreuung wählen, ob sie Kunst macht oder sich bewegt. Aber man muss das auch ernst nehmen, darf Kinder nicht bloß verwahren.
Was sagen Sie dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu seinem 150. Geburtstag?
Bleiben Sie aufmerksam. Hören Sie nach. Nehmen Sie die Sorgen der Menschen ernst. Und geben Sie die Fakten nicht auf. Eine Zeitung muss widersprechen können, auch wenn es unbequem wird. Sie soll die Stadt nicht nur abbilden, sondern allen Akteuren auch auf die Finger sehen. Das habe ich zuletzt besonders bei der großen Hitze erlebt. Die Zahl der Hitzetoten und die Umstände, unter denen Menschen gestorben sind, haben mich sehr belastet. Da muss Journalismus genauer hinschauen: Was ist passiert? Wer hat versagt? Warum dauerte es so lange, bis gehandelt wurde?
Eine Zeitung muss ihre Stadt beobachten und ihren Lesern Orientierung geben. Sie muss dorthin gehen, wo es unangenehm wird. Und sie muss morgens pünktlich geliefert werden.
