Peter Berger ist seit 46 Jahren dort unterwegs, wo Geschichten entstehen – eine Hommage an den in seinen Augen schönsten Beruf der Welt
KStA-Chefreporter Peter Berger„Journalismus lebt von Begeisterung und Neugier“

Peter Berger, Jahrgang 1959, ist Chefreporter beim „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Copyright: Arton Krasniqi
Ich bin ein Haustür-Journalist. Seit 46 Jahren. Meine ersten Haustüren sind Aschenplätze im Ruhrgebiet, auf denen Landesligakicker in Recklinghausen sonntags ihren Traum von der Bundesliga leben, obwohl ihr größter Erfolg, das Probetraining beim VfL Bochum, schon zehn Jahre zurückliegt und sie den Rest der Woche bei der Müllabfuhr arbeiten.
Es sind Türen von Sozialwohnungen in Herne, hinter denen resolute Rentnerinnen leben, die über Jahre gegen einen Immobilienhai kämpfen, der diese Schrottimmobilien ahnungslosen Kleinanlegern als Kapitalanlage aufgeschwatzt hat.
Es ist die Tür zum Fraktionsraum der SPD im Kölner Rathaus, hinter der im März 2002 der Bestechungsskandal um die Müllverbrennungsanlage auffliegt und ein politisches Erdbeben auslöst.
Die Geschichten liegen auf der Straße
Es ist die Wohnungstür einer mutigen Ärztin, die mir 2013 das Vertrauen entgegenbringt und berichtet, dass einem Vergewaltigungsopfer in einem Kölner Krankenhaus in katholischer Trägerschaft die gynäkologische Untersuchung zur Spurensicherung verwehrt worden war, weil damit ein Beratungsgespräch über eine mögliche Schwangerschaft und deren Abbruch verbunden sei.
Ich bin ein Haustür-Journalist und sehr erstaunt darüber, dass im Digitalzeitalter viele neue Initiativen so tun, als hätten sie dieses Genre gerade erfunden. Um der Wucht der sozialen Medien etwas entgegenzusetzen.
Die Geschichten liegen auf der Straße. Sie lagen dort, als ich mit meiner Reiseschreibmaschine ein Jahr nach dem Mauerfall durch die neuen Länder gereist bin, um dort als kleiner Lokalreporter ebenso kleine Betriebe aus dem westfälischen Dorsten aufzusuchen, die dort Fuß fassen wollten.

In unserem Verlag berichtet Peter Berger seit rund 30 Jahren über Themen wie Energiewende, Kohleausstieg und Verkehr.
Copyright: Peter Berger
Sie lagen dort bei einem Rhein-Niedrigwasser um die Jahrtausendwende, als ich für den EXPRESS meinen Versuch in den nagelneuen iMac tippte, in Höhe des Messeturms in Deutz zu Fuß durch den Rhein zu laufen, weil davon doch jeder Kölsche träumt. Mit freundlicher Mitwirkung der Wasserschutzpolizei. Damals hat es mir sehr schnell den Boden unter den Füßen weggezogen.
Die Geschichten werden weiter auf der Straße liegen, und da ist selbst die klügste aller künstlichen Intelligenzen nicht unterwegs. Aber die Bausteine für eine gute Geschichte müssen erst aufgeklaubt werden. Von Reportern, die vor die Haustüre gehen, wie sie das immer getan haben und sich nicht hinter dem Flachbildschirm im World Wide Web verschanzen.
Die recherchieren, querdenken, zweifeln, hinterfragen, verwerfen und sich manchmal auch daran berauschen, weil ihnen eines ihrer Stücke besonders gut gelungen scheint. Bei denen die Grenze zwischen Job und Privatleben fließend ist, weil das Leben eben so ist.
Haustür-Journalismus kann man nicht lernen. Haustür-Journalismus lebt von der Begeisterung, der Neugier und der Bereitschaft, aus dem Augenblick heraus auch ohne lange Planung zu reagieren.
Warum sollte der Kölner Dom nicht in Erwägung ziehen, aus der Kirche auszutreten, weil die ihn mit dem Eintrittsgeld entwertet und zu einem Museum gemacht hat? Wie muss sich das für ihn anfühlen? Diese Geschichte kann man nur erzählen, wenn man sich die Zeit nimmt, immer wieder hingeht und hineinhorcht, was die Menschen denken und fühlen, die ihn besuchen, seit Kurzem streng getrennt nach Betenden und Touristen.
Haustür-Journalismus kann man nicht lernen. Haustür-Journalismus lebt von der Begeisterung, der Neugier und der Bereitschaft, aus dem Augenblick heraus auch ohne lange Planung zu reagieren. Es klingt verrückt, aber als Student im ersten Semester an der Ruhr-Uni in Bochum hatte ich keine Ahnung, dass diese Eigenschaften in mir schlummerten. In der kleinen Ruhrgebietsredaktion Witten wurden sie geweckt. Von einem Lokalchef, der mich angesichts gähnend leerer Lokalseiten sofort auf die Straße gejagt hat. Reporter, die in der Redaktion rumhocken, hätten ihren Beruf verfehlt, hat er mir noch hinterhergebrüllt.
Ich habe geliefert. Nach drei Stunden. Draußen auf der Straße mit zwei Müllwerkern gesprochen, die gerade dabei waren, sauschwere Abfallcontainer zu verschieben. Was das soll, habe ich sie gefragt. Die müssen weg, weil sie während der Kirmes immer im Weg stehen und sich alle wieder aufregen. Dass die Stadt Witten ein Presseamt hat und städtische Mitarbeiter eigentlich Reportern nichts erzählen dürfen, wusste ich da noch nicht. Die Müllwerker zum Glück auch nicht. Ruhrpott eben, geradeheraus, offen, direkt.
Meine erste Exklusivgeschichte: Endlich! Müllcontainer weichen der Zwiebelkirmes. Das war der Einstieg in den für mich schönsten Beruf der Welt. Weil er das pralle Leben liefert. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Man muss nur vor die Haustür gehen und danach suchen.
