Ein Klinik-Chefarzt klagt gegen seinen katholischen Arbeitgeber. Kurz bevor eine Berufungsverhandlung beginnt, wird lautstark demonstriert.
Abtreibungsverbot an KlinikumChefarzt wirft Kirche „moralische Arroganz“ vor – Haßelmann und Lang bei Demo

Der Streitfall wird in zweiter Instanz verhandelt. (Archivbild)
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In Hamm in Westfalen haben mehrere Hundert Menschen „gegen das katholische Abtreibungsverbot“ am Klinikum Lippstadt protestiert. Hintergrund ist ein juristischer Streit zwischen dem dort beschäftigten Chefarzt Joachim Volz und dem katholischen Träger des fusionierten Klinikums Lippstadt – Christliches Krankenhaus.
Volz sagte kurz vor Demobeginn, das erstinstanzliche Urteil halte er für fehlerhaft. „Ich hoffe, dass wir heute die richtige Entscheidung bekommen, denn es geht um ein sehr grundlegendes Problem.“ Schwangere müssten Entscheidungsfreiheit haben bei einem schwer kranken oder schwer missgebildeten Fötus. „Es geht um die Freiheit der Medizin und die Rechte der Frauen.“
Haßelmann: Versorgungslage für Frauen immer schwieriger
Auf Transparenten war „Mein Körper ist kein Kirchengut!“ und „Abbruch ist Frauenrecht“ zu lesen. Fraktionschefin Britta Haßelmann und Ricarda Lang (beide Grüne) sowie weitere Politikerinnen und Politiker aus Bund und Land NRW waren vor Ort.

Der Gynäkologe Joachim Volz spricht bei einer Demonstration. In Hamm in Westfalen haben mehrere Hundert Menschen „gegen das katholische Abtreibungsverbot“ am Klinikum Lippstadt protestiert.
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„Wir sehen, dass die Versorgungslage für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen möchten, immer schwieriger wird“, sagte Haßelmann. Da der ökonomische Druck zu weiteren Klinikfusionen führen werde, sei zu befürchten, dass die Versorgungslage sich weiter verschärfen werde. Bund und Länder seien hier gemeinsam in Verantwortung.
Chefarzt wirft Kirche „moralische Arroganz“ vor
Zu der Demonstration hatte der Gynäkologe Volz mit seiner Unterstützerin Sarah Gonschorek (Grüne) aufgerufen. „Die Frage, die heute gestellt wird, lautet: Ist es legitim, dass das Selbstordnungs- und Verwaltungsrecht der Kirche über den Grundrechten der Frauen steht?“, sagte Gonschorek. Die Kundgebung mit laut Polizei rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlief friedlich.
Volz warf der Kirche unterdessen „moralische Arroganz“ vor. Bei der Demonstration in Hamm betonte der Gynäkologe, Schwangerschaftsabbruch sei eine „höchstpersönliche Entscheidung der Mutter“. Die Dienstanweisung des katholischen Klinikträgers, die er mit seiner Klage angreife, „atmet einen ganz alten, morbiden Geist“, kritisierte der Mediziner. Klinik-Fusionen würden von der katholischen Kirche genutzt, um „alte, nicht mehr gewollte kirchliche Dogmen“ durchzusetzen. Und: „Die Politik schweigt.“
Arbeitsgericht hatte Chefarzt-Klage im Sommer abgewiesen
Für ihn als Mediziner sei es essenziell, dass er Frauen in existenzieller Not helfe und sie nicht wegschicke in eine andere Klinik. Damit würden Mauern errichtet, und am Ende würden sich keine Mediziner mehr finden, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, sagte er vor rund 500 Demo-Teilnehmern. „Dann haben wir niemanden mehr, der diesen Frauen hilft.“
Volz war in erster Instanz vor Gericht gescheitert. Das Arbeitsgericht hatte seine Klage gegen Dienstanweisungen des katholischen Klinikträgers im August abgewiesen. Es sei rechtmäßig, dass der Arbeitgeber dem Mediziner Abtreibungen – bis auf enge Ausnahmefälle – verbiete. Der Chefarzt hatte dagegen Berufung eingelegt. Darüber verhandelt das Landesarbeitsgericht. Ein Urteil wird noch heute erwartet. (dpa/das)


