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Abgehängt
Forscher erklärt, warum Köln so ungleich ist

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Der Soziologe Marcel Helbig

Der Soziologe Marcel Helbig

Der Soziologe Marcel Helbig hat untersucht, wie stark die Kluft zwischen Arm und Reich sich durch deutsche Städte zieht. Warum Köln die ungleichste Millionenstadt ist – und was man machen kann.

Herr Helbig, Sie haben untersucht, wie ungleich deutsche Städte sind. Wo ist die Ungleichheit besonders ausgeprägt?

Helbig: Es gibt deutliche regionale Unterschiede. In ostdeutschen Städten ist die Ungleichheit zwischen 1995 und 2005 so stark angestiegen, dass sie das westdeutsche Niveau überholt hat – und seitdem weiter zunimmt. Ein sehr ähnliches Muster sehen wir in den letzten Jahren in den Städten des Ruhrgebiets: Der Niedergang der Stahlindustrie hat zu großer Arbeitslosigkeit geführt, diejenigen, die anderswo Arbeit gefunden haben, sind weggezogen, und aus Arbeiterquartieren wurden Armutsquartiere. In München, Frankfurt, Hamburg oder Berlin geht die Ungleichverteilung von Armut eher zurück. Köln gehört auch zu den Städten mit sehr angespanntem Wohnungsmarkt. Dass es hier trotzdem keinen Rückgang gibt, ist auffällig.

Warum geht die räumliche Trennung von arm und reich in vielen großen Städten zurück, in Köln aber nicht?

Auch wenn es paradox klingt: Ein angespannter Wohnungsmarkt kann, wenn er die gesamte Stadt erfasst, am Ende zu einer besseren sozialen Mischung führen – weil sich dann auch die Mittelschicht viele teure Viertel nicht mehr leisten kann und dadurch weniger aussuchen kann, welche Gegenden sie meidet. Köln ist unter den Großstädten besonders stark durch die Trennung entlang des Rheins geprägt – man hat im Grunde zwei große Blöcke. Berlin ist viel stärker zerklüftet, München wirkt eher mosaikartig. Diese klare räumliche Trennung zwischen arm und nicht arm könnte dazu beitragen, dass Gentrifizierungsprozesse, die anderswo für mehr Durchmischung sorgen, hier schwerer in Gang kommen.

Woran zeigt sich in Ihrer Studie, dass die Segregation in Köln besonders stark ist?

Bei der Armutssegregation liegt Köln auf Platz 118 von 153 Städten, also im oberen Drittel der ungleichsten Städte Deutschlands. Unter den Millionenstädten ist Köln die ungleichste. Bei der räumlichen Trennung von Akademikern und Nicht-Akademikern liegt die Stadt sogar auf Platz 147 in Deutschland. Zudem lebt ein Drittel aller Kölner Kinder in Stadtteilen, in denen mindestens ein Drittel aller Kinder arm ist.

Mit Blick auf die Entwicklung über die Zeit zeigt sich: Die Armutssegregation in Köln ist in den vergangenen zehn Jahren leicht gestiegen. Das läuft gegen den Trend in anderen Großstädten mit angespanntem Wohnungsmarkt.

Eigentlich kann also Wohnungsnot zu mehr sozialer Durchmischung führen, nicht aber in Köln.

Genau. Es ist anzunehmen, dass das auch an den Entfernungen liegt beziehungsweise der Abgeschiedenheit einiger armer Viertel. Der Weg von der linksrheinischen Seite nach Ostheim oder Finkenberg ist relativ weit – genauso wie der Weg in Stadtteile wie Chorweiler oder Meschenich, die weit vom Zentrum Kölns entfernt liegen.

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Wenn über Ungleichheit in Köln gesprochen wird, redet man seit Jahrzehnten über dieselben Viertel. Warum ändern sich diese Muster nicht?

Das sind Entwicklungen, die sehr weit zurückreichen. Großwohnsiedlungen wie Chorweiler und Meschenich wurden anfangs als modern wahrgenommen, dann aber relativ schnell abgewertet – auch medial, vielleicht auch vor dem Hintergrund einer Systemkonkurrenz: Das sieht ja aus wie bei denen im Osten. Dann setzt ein Abwärtstrend ein, aus dem man nicht leicht wieder herauskommt. Wenn ein Viertel eine bestimmte Armutsquote erreicht – oft verbunden mit einem hohen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte –, wollen bestimmte Gruppen dort nicht mehr hinziehen.

Was lässt sich dagegen tun?

Wenn man für mehr soziale Durchmischung sorgen will, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten. Erstens muss man in den Vierteln, in denen sich arme Menschen das Wohnen normalerweise nicht leisten können, stärker in den Markt eingreifen – also etwa Sozialwohnungsbau auf der linksrheinischen Seite schaffen. Bis in die 1980er Jahre wurde sozialer Wohnungsbau auch explizit eingesetzt, um soziale Gruppen räumlich zu verteilen. Davon hat man sich vollständig verabschiedet.

Zweitens kann man attraktiven Wohnraum dort schaffen, wo ärmere Menschen bereits leben, um Menschen aus der Mittelschicht für diese Gebiete zu gewinnen. Aber wenn ein Gebiet erst einmal stark sozial abgehängt ist, lässt es sich mit normalen Mitteln kaum wieder stabilisieren. Wir haben Hinweise darauf gefunden, dass Segregation ab einer bestimmten Schwelle selbstverstärkend wirkt. Wenn das Ausmaß zu groß wird, erleben Bewohner sehr konkret, dass es Stadtteile gibt, in denen beispielsweise fast nur arme Menschen leben und sich Problemlagen bündeln. Dann geht aus der Mittelschicht niemand mehr den Schritt in das Viertel, weil die Sorge zu groß ist, dass das dem eigenen Leben oder dem der Kinder schaden könnte.


Zur Methodik

Helbig vergleicht in seiner Studie „Hinter den Fassaden. Zur Ungleichverteilung von Armut, Reichtum, Bildung und Ethnie in den deutschen Städten.“ 153 deutsche Städte und schaut, wo innerhalb einer Stadt arme und wohlhabendere Menschen wohnen. Dafür nutzt er kleinräumige amtliche Daten, zum Beispiel dazu, wo Menschen mit Bürgergeldbezug, hoher Bildung oder hohem Einkommen gemeldet sind.

Die Segregationskennziffer zeigt dann, wie stark sich eine Gruppe in bestimmten Vierteln ballt. Bei Armut heißt ein hoher Wert: Menschen mit Bürgergeldbezug wohnen nicht gleichmäßig über die Stadt verteilt, sondern konzentrieren sich besonders stark in einigen Stadtteilen; je höher die Zahl, desto stärker ist diese Trennung. Besonders hoch ist die Ziffer in Greifswald, Salzgitter, Erfurt, Halle und Rostock mit Segregationskennziffern von über 40. Auf der anderen Seite liegt die Segregationskennziffer in Karlsruhe, Mainz, Bremerhaven und Offenbach bei unter 15. Köln liegt mit einer Kennziffer von 35,1 im oberen Drittel – vor allen anderen Millionenstädten.


Gibt es auch Positivbeispiele in Deutschland?

München ist seit mindestens 30 Jahren ein Vorreiter. Dort werden Investoren verpflichtet, ein Drittel frei zu vermarkten, ein Drittel zu moderaten Preisen anzubieten und ein Drittel als Sozialwohnungen zu bauen. So entstehen auch in teuren Lagen Sozialwohnungen. Andere Städte sind inzwischen nachgezogen, Stuttgart etwa. Wien wird immer wieder genannt. Da muss man allerdings sagen: Die dortige Wohnungsbaupolitik gibt es schon seit über 100 Jahren. In Österreich existiert eine zweckgebundene Steuer, die direkt in die Wohnungsbaupolitik fließt.

Was würden Sie einer Stadtpolitik raten, die räumliche Trennung von arm und reich ernsthaft verringern will?

Das ist nicht einfach, weil die Zwänge groß sind. Nehmen wir die Grenzen bei den Kosten der Unterkunft: Die Stadt legt eine Mietobergrenze fest, und Transferleistungsempfänger können nur dort wohnen, wo diese eingehalten wird. In Köln bedeutet das tendenziell, dass entsprechende Wohnungen überwiegend rechtsrheinisch liegen. Alles, was eine Stadt gegen Segregation tun will, arbeitet oft gegen Automatismen des Wohnungsmarkts an.

Für kurzfristige und mittelfristige Veränderungen hat eine Kommune also nur begrenzte Möglichkeiten. Was möglich ist, sind sozialpädagogische Maßnahmen – Sozialarbeit, Quartiersmanagement, Jugendhilfe. Das ist im Grunde das Einzige, was man sinnvoll tun kann, weil man nicht 30 Jahre warten kann, bis sich die Sozialstruktur verändert hat, während in der Zwischenzeit zwei Generationen von Kindern diese Verhältnisse durchlaufen.

Ein aktuelles Beispiel ist das Startchancen-Programm der Bundesregierung, mit dem Bund und Länder sozial benachteiligte Schulen fördern. Positiv ist daran vor allem, dass es erstmals eine große wissenschaftliche Evaluation gibt. Ob Geld in solchen Programmen tatsächlich die Kompetenzen von Kindern verbessert, ist in Deutschland bislang kaum untersucht worden.

Welche Entwicklung erwarten Sie für die kommenden zehn Jahre – in Deutschland und in Köln im Besonderen?

Insgesamt spricht einiges dafür, dass die soziale Segregation in den Großstädten eher abnehmen könnte, weil der Wohnungsmarkt weiter angespannt bleibt und deshalb auch in benachteiligte Gebiete investiert werden muss – möglicherweise verbunden mit Verdrängungsprozessen ins Umland. Köln ist ein Sonderfall, weil es in den vergangenen Jahren eben nicht zu dieser Entwicklung gekommen ist. Deshalb lässt sich nicht so leicht sagen, ob Köln denselben Weg nehmen wird.

Gleichzeitig könnte die Bildungssegregation weiter zunehmen, weil Akademiker stärker in die Innenstädte drängen. Wir haben festgestellt, dass Akademiker in Städten deutlich kürzere Wege haben, weil sie in den Zentren wohnen und häufiger mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV unterwegs sind. Das ist ein Lebensentwurf, der mit bildungsnahen Schichten einhergeht und sich in den kommenden Jahren vermutlich noch verstärken wird. Wie stark das Verdrängungsprozesse auslöst, die ärmere Menschen aus den Zentren herausdrängen, ist offen.