Kurz vor Ende der Scheinwahlen meldet Moskau den bisher größten Angriff. Vor Tankstellen bilden sich lange Schlangen.
Ukraine setzt neue Waffe ein„Beispielloser“ Angriff trifft Moskau – Operation Vivaldi gestartet

Ein vom ukrainischen Generalstab veröffentlichtes Video soll Brände auf dem Gelände einer Moskauer Raffinerie zeigen.
Copyright: Screenshot/Telegram/Defense of Ukraine
Die ukrainischen Streitkräfte haben in der Nacht auf Sonntag (20. September) Moskau angegriffen. Auf russischer Seite ist vom bisher größten Schlag gegen die russische Hauptstadt die Rede. Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin sagte, die Luftverteidigung habe in der Nacht rund 450 Drohnen abgeschossen – und bezeichnete die Angriffswelle als „beispiellos“. Die Attacke sei „eindeutig geplant gewesen, um die Wahlen zu stören“, behauptete Sobjanin und fügte hinzu: „Der Feind hat es nicht geschafft.“
In Russland enden am Sonntag die dreitägigen inszenierten Parlamentswahlen. Die zehn Parteien auf dem Wahlzettel gelten durchweg als kremlnah und unterstützen den 2022 von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Angriffskrieg. Für einen Friedensschluss eintretende Oppositionskräfte wurden nicht zur Wahl zugelassen.
Ukraine bestätigt Angriffe: Moskauer Raffinerie im Visier
Russische Kremlkritiker im Exil wie Wladimir Kara-Mursa, Michail Chodorkowski oder Oleg Orlow sprachen im Vorfeld von „Scheinwahlen“ und einem „Scheinparlament“, das „nicht anerkannt werden dürfe“. Zivilgesellschaftliche Beobachter oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) wurden nicht als Wahlbeobachter zugelassen.

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)
Copyright: picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP
Sowohl der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj als auch der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte bestätigten unterdessen am Sonntag die massiven Angriffe auf die russische Hauptstadtregion.
Wolodymyr Selenskyj: „Es geht um Milliarden von Dollar“
Eines der Ziele war demnach eine Gasprom-Raffinerie im Süden Moskaus, eine der größten des Landes. Videos in den sozialen Medien zeigten, wie eine Drohne in die Raffinerie stürzte und schwarze Rauchwolken den Sonnenaufgang verhüllten. Mehrere Bereiche der Anlage standen in Flammen. Ein nahegelegenes Kraftwerk und ein Lagerhaus wurden ebenfalls beschädigt.
Die Angriffe hätten „erhebliche Auswirkungen auf die Region Moskau“ gehabt, erklärte Staatschef Selenskyj derweil. Eine der „wichtigsten Anlagen der russischen Ölindustrie“ sei getroffen worden. „Dabei geht es um Milliarden von Dollar, die die Kriegsmaschinerie am Laufen halten.“
Raffinerie-Betrieb laut ukrainischer Rüstungsfirma eingestellt
Nach Angaben der ukrainischen Rüstungsfirma Fire Point kamen FP-1-Drohnen bei dem Angriff zum Einsatz. „Infolge der Treffer wurde der Betrieb der Raffinerie vollständig eingestellt“, verkündete der Waffenhersteller bei Telegram.
Auch Selenskyj berichtete vom Einsatz von FP-1-Drohnen und zählte weitere Waffensysteme auf, die bei der Angriffswelle zum Einsatz gekommen sein sollen, darunter der Marschflugkörper Flamingo und eine neue Waffe namens „Pelican“. Berichten zufolge könnte es sich dabei um eine ballistische Rakete handeln, die wie der Flamingo von Fire Point entwickelt und bislang als FP-7 bezeichnet wurde. Die „Pelican“-Rakete könnte demnach testweise zum Einsatz gekommen sein.
Massive Angriffswelle: „Chaos“ an Moskauer Flughäfen
An allen drei Moskauer Hauptflughäfen wurde der Flugverkehr infolge der Angriffswelle eingestellt, mitunter war in russischen Medien von „Chaos“ an den Airports die Rede. Mehr als 400 Flüge waren demnach von Einschränkungen betroffen.

Nach einem ukrainischen Drohnenangriff sind Flammen und Rauch zu sehen, die aus der Moskauer Ölraffinerie im Südosten der Stadt aufsteigen.
Copyright: picture alliance/dpa/UGC
In mindestens elf Moskauer Vororten gingen zudem Trümmer nieder, teilten russische Behörden mit. Zwei Menschen seien bei den Angriffen gestorben, hieß es weiter. Landesweit seien insgesamt rund 1110 Drohnen abgeschossen worden, erklärte zudem das russische Verteidigungsministerium.
Russland und Ukraine setzen Angriffe fort – Trump zum Trotz
Russland und die Ukraine haben in dieser Woche weiterhin Energieinfrastruktur angegriffen, obwohl US-Präsident Donald Trump zu Wochenbeginn behauptet hatte, die beiden Länder hätten sich auf ein Ende derartiger Schläge geeinigt.
Der US-Präsident macht die Angriffe für den Anstieg der globalen Dieselpreise verantwortlich. Trump äußerte sich bisher jedoch nicht zu den jüngsten Angriffswellen, die bereits Stunden nach seiner Erklärung von beiden Kriegsparteien fortgesetzt wurden.
„Das bedarf keines Kommentars, verdammte Hölle“
In Russland sorgen die andauernden Attacken auf Ölraffinerien unterdessen weiterhin für Treibstoffknappheit in vielen Regionen des Landes. Immer wieder kursieren nach ukrainischen Schlägen Aufnahmen von enormen Schlangen vor russischen Tankstellen. Auch nach der jüngsten Attacke auf die Raffinerie in Moskau war das der Fall.
„Das bedarf keines Kommentars, verdammte Hölle“, hört man einen Russen etwa in einem vom Telegram-Kanal Exilenova+ veröffentlichten Video sagen, während er mit seinem Auto an zahlreichen weiteren Fahrzeugen vorbeifährt, die den Angaben zufolge vor einer Tankstelle in der Region Moskau anstehen.
Ukraine startet Operation Vivaldi – und meldet Erfolge im Donbass
Die Ukraine meldet derweil auch im Donbass Erfolge – im Rahmen einer offenbar zunächst im Verborgenen geführten Gegenoffensive namens Operation Vivaldi seien zwei weitere Ortschaften in der Region Donezk befreit worden, teilte ein Armeekorps am Sonntag mit.
Die Operation war erst in der vergangenen Woche öffentlich geworden. Der ukrainische Brigadegeneral Andrij Bilezkyj beziffert für die erste, verdeckte Phase der Gegenoffensive zunächst rund 75 Quadratkilometer, die von russischen Truppen in den vergangenen Wochen „bereinigt“ worden seien, darunter der Ort Serednje.
Nun sollen den ukrainischen Angaben zufolge auch die Dörfer Schandryholowe und Derylowe zurückerobert worden sein – womit nun rund 125 Quadratkilometer zuvor von Russland besetztes Land wieder unter ukrainische Kontrolle gebracht worden seien. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.
