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Flut 2021Fünf Jahre nach dem Hochwasser: Diese Lehren zieht der Kreis Euskirchen

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Das Bild zeigt Soldaten im Gespräch mit Mitarbeitenden des THW. Der Soldat sitzt an der Steinbachtalsperre auf einem Panzer.

Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Organisationen spielt im Bevölkerungsschutz eine entscheidende Rolle. In der zivil-miltärischen Zusammenarbeit ist die Bundeswehr ein wesentlicher Akteur. Nach der Flut waren die Soldaten im Hilfseinsatz.

In den fünf Jahren seit der Flutkatastrophe hat sich im Kreis Euskirchen im Bevölkerungsschutz viel verändert.

Ein „weiter so“ verbietet sich nach einer Katastrophe wie der Flut vor fünf Jahren. Das ist den Verantwortlichen in den Rathäusern und im Kreishaus klar, als der Wiederaufbau noch in den Kinderschuhen steckt.

Auch heute sind die Erinnerungen an die schreckliche Nacht zum 15. Juli 2021 präsent, als sei es gestern gewesen. In der Stadt Schleiden hat die Flut eine 17 Kilometer lange Schneise der Verwüstung geschlagen. Neun Menschen sind gestorben, 26 im Kreis. In der Nacht haben die Feuerwehrleute zuerst Oberhausen aufgeben müssen, dann Malsbenden, dann das ganze Tal. Wie in Schleiden haben die Einsatzkräfte auch in vielen anderen Orten im Kreis vor der Wucht der Katastrophe kapitulieren müssen.

Bevölkerung hat konträre Ansichten

Heute ist der Katastrophenschutz mit seinen zahlreichen Facetten Alltag – für den Landrat, die Bürgermeister, in den Verwaltungen, in den Blaulichtorganisationen. Dabei sehen sich die Verantwortlichen immer wieder mit sehr konträren Ansichten der Bevölkerung konfrontiert. So sensibilisiert und interessiert die einen, so genervt die anderen, die von Panikmache und Blödsinn sprechen.

Auch wenn Landrat Markus Ramers (SPD) und Schleidens Bürgermeister Ingo Pfennings (CDU) nicht politisch gleicher Couleur sind, sind sie bei diesem Thema auf dem gleichen Kurs. Im Gespräch erläutern sie sowie Wolfgang Fuchs, stellvertretender Kreisbrandmeister und in Schleiden Leiter der Feuerwehr sowie des Fachbereichs Brand-, Zivil- und Katastrophenschutz im Rathaus, einige Lehren aus der Flut.

Die Lage

„Wir wissen nicht, ob das so geht, wir machen das mal.“ So hatte Pfennings wenige Wochen nach der Flut die Arbeitsweise beschrieben. In der Tat war vieles improvisiert, weil es eben keine entsprechenden Strukturen und Pläne gab. Eine solche Katastrophe im Kreis Euskirchen? Das lag bis zum 14. Juli 2021 fern jeder Vorstellungskraft.

Inzwischen hat sich vieles verändert. Strukturen und Abläufe sind entwickelt, die sich längst nicht nur auf die Blaulichtorganisationen beschränken. Denn, so Ramers: „Beim Krisenmanagement müssen alle ran.“ Alle Kommunen verfügen inzwischen über einen SAE (Stab für außergewöhnliche Ereignisse) mit entsprechend geschultem Personal.

Wir müssen das immer wieder üben, damit sich Strukturen und Abläufe einspielen und Schnittstellen klar sind.
Markus Ramers, Landrat

Beim Kreis, so Ramers, seien inzwischen 50 Mitarbeiter entsprechend geschult.   Dies ist nicht mit einem einmaligen Seminarbesuch erledigt, regelmäßige Übungen sind obligatorisch. Und wichtig, wie Ramers betont: „Wir müssen das immer wieder üben, damit sich Strukturen und Abläufe einspielen und Schnittstellen klar sind.“

All diese Planungen beziehen sich längst nicht nur auf eine Flut, sondern im Prinzip auf alle Katastrophen und Krisen, zu denen auch etwa ein langanhaltender Stromausfall, der Ausfall der Trinkwasserversorgung, ausgedehnte Waldbrände, ein Störfall im Atomkraftwerk Tihange, Cyberangriffe oder die zivile Verteidigung gehören können.

Die Anschaffungen

Viel haben Kreis und Kommunen in den vergangenen fünf Jahren in Technik und Ausrüstung investiert. Satellitentelefone und Starlink-Systeme stehen etwa zur Verfügung, falls Funk und Telefon als gängige Kommunikationsmittel ausfallen. Boote sind vielerorts beschafft, um Menschen retten zu können. Notstromaggregate stehen bereit. Rund 300 Sirenen sind neu installiert oder aufgerüstet und stehen neben Cell-Broadcast und Apps für die Bevölkerungswarnung zur Verfügung.

Auch hier geht es um das Bewusstsein, beim Bauen und Kaufen den Krisenvorsorge-Aspekt mitzudenken. Dass bei Fahrzeugen auf einen hohen Radstand geachtet wird. Oder bei einem Neubau wie dem des Berufskollegs in Euskirchen, dass es als Notunterkunft genutzt werden kann. „Wir werden nicht auf Verdacht etwas bauen, sondern Dinge so herrichten, dass eine Doppelnutzung möglich ist“, beschreibt Ramers eine der Lektionen, die man für die Infrastruktur gelernt habe.

Die Einsatzkräfte

Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin hat 2025 aufhorchen lassen. Unter dem Titel „Wer kommt, wenn es knallt?“ ist die Verfügbarkeit von Einsatzkräften   untersucht worden. Mehr als 1,7 Millionen Kräfte engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich im   Bevölkerungsschutz – in der Feuerwehr, im THW, im medizinischen Bereich, in den Hilfsorganisationen. Das Problem: Viele von ihnen arbeiten auch im Bereich der Kritischen Infrastruktur (KRITIS), im Einsatzfall geht dann im Zweifel Beruf vor Ehrenamt.

Daher kommen die Autoren der Studie zu dem Schluss, dass nur rund ein Drittel der Einsatzkräfte jederzeit verfügbar ist und real im Ernstfall nur etwa 44 Prozent der registrierten Ehrenamtlichen. In ihrem Fazit schlagen sie Alarm: „Die Studie zeigt, dass der Bevölkerungsschutz in Deutschland auf wackligen Beinen steht. Ohne schnelle strukturelle Veränderungen drohen im nächsten Großschadensereignis nicht nur Versorgungslücken – sondern im schlimmsten Fall das Scheitern des gesamten Einsatzsystems.“

Die Problematik der Doppelrollen ist auch im Kreis bekannt. „Im ersten Aufschlag sind wir sehr stark besetzt. Aber nach 72 Stunden und mehr wird es dünner“, sagt Fuchs. Exakte Erhebungen gibt es indes (noch) nicht. Für die Feuerwehr ist dies laut Fuchs Aufgabe der Kommunen. In Schleiden werde man die Zahlen für den nächsten Brandschutzbedarfsplan erfassen.

Die exakte Zahl, wie viele ehrenamtliche Einsatzkräfte – alleine die Feuerwehren im Kreis verfügen über mehr als 3200 Aktive – tatsächlich zur Verfügung stehen, ist für Ramers nicht mal das entscheidende: „Viel wichtiger ist das Bewusstsein, dass wir mit einem Bruchteil der Personalstärke auskommen müssen.“ Denn die Problematik trifft nicht nur den Blaulichtbereich, sondern ebenso die Verwaltungen und beispielsweise Versorgungsunternehmen.

Die Bevölkerung

Die Flut hat gezeigt, dass im Katastrophenfall vieles nicht funktioniert wie gewohnt: kein Strom, kein Wasser, kein Internet, keine Geschäfte, keine Müllabfuhr. Der Ruf nach dem Staat verhallt dann ungehört, zu sehr ist der mit der Bewältigung der Lage beschäftigt – oberste Priorität hat dann die Rettung von Menschenleben.

Von einer Vollversorger-Mentalität wird gerne gesprochen, von der die Bevölkerung weg muss. „Die Flut hat deutlich gemacht, Dinge nicht als selbstverständlich anzusehen“, sagt Ramers. Aber auch: „Das Rundum-sorglos-Paket durch den Staat gibt es dann nicht mehr.“ Jeder einzelne müsse sich über seine Eigenverantwortung klar werden.

Pfennings fasst das mit einem Blick in die USA zusammen: „Von dem Prinzip, dass man 72 Stunden alleine klar kommt, bis die Kavallerie kommt, können wir lernen.“ Als Vorteil sehen alle drei die ländliche Struktur im Kreis Euskirchen. Gerade in den Dörfern kennen die Menschen sich, organisieren sich, helfen sich.

In der Krise geht es auch um das Zusammenspiel von Bevölkerung und Einsatzkräften. Die Notfallmeldestellen sind ein Beispiel. 174 gibt es davon seit 2023 im Kreis Euskirchen. Gekennzeichnet sind sie mit einem orangen Schild mit blauem Dreieck. In der Hauptsache können von diesen Meldestellen beim Ausfall von Stromversorgung und/oder Kommunikation Notrufe abgesetzt werden. Daher sind viele dieser Stellen in Feuerwehrgerätehäusern eingerichtet. Es gibt sie aber auch in Bürgerhäusern, wo entsprechende Verknüpfungen mit den Dorfgemeinschaften genutzt werden.

Im Einsatz waren die Meldestellen bereits häufig. Bei entsprechenden Lagen ist es inzwischen Standard, dass sie besetzt werden.

Die Kommunikation

Zahlreiche Informationsmöglichkeiten gibt es für die Bevölkerung, wo Anlaufstellen sind und wie man sich krisenfest aufstellen kann, seien es Broschüren der unterschiedlichen Organisationen oder die zahlreichen Online-Angebote wie die   Homepage des BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) mit ihren zahlreichen Listen, was sinnvollerweise daheim vorrätig sein sollte.

Doch weiß das auch jeder? Ramers, Pfennings und Fuchs wissen, dass sie und viele andere sich beruflich oder ehrenamtlich enorm mit diesen Themen beschäftigen und für sie vieles selbstverständlich ist. Von einer Bringschuld spricht Fuchs, die Informationen zu den Menschen zu bringen und die Verbindungen zu schaffen.

Doppelte Arbeit

Wer macht was und am Ende machen alle alles? So soll es natürlich nicht sein, da niemand Personalressourcen und Geld zu verschenken hat. Dennoch ist die Gefahr groß, dass es bestimmte Dinge in vielfacher Ausführung mit weitgehend gleichem Inhalt gibt. Informationsbroschüren sind so ein Beispiel: Der Kreis hat eine herausgegeben, das BBK, das DRK, das Land, die Stadt Schleiden, andere Kommunen.

Doch Ramers sieht darin nichts überflüssiges, da sich die Inhalte nicht widersprechen und man immer wieder auf die Thematik aufmerksam machen müsse. Pfennings zeigt sich prompt generös, was das Schleidener Heft angeht: „Wenn eine andere Kommune das haben will, kriegen sie die Datei. Wir haben alle zu wenig Personal für alles.“ Eine andere Kommune müsste dann nur Adressen und Anlaufstellen austauschen.

Grundsätzlich begrüßt Pfennings, dass einige Themen vom Kreis federführend übernommen werden: „Katastrophenlagen wurden bislang zu kleinteilig gedacht. Die machen nicht an Kommunengrenzen halt.“ Ganz entscheidend sei, dass die Akteure sich kennen und wissen, wer für was zuständig ist.

Ramers weiß, wie viel in den vergangenen fünf Jahren geschafft wurde. Aber auch, dass es beim Thema Bevölkerungsschutz unterschiedliche Geschwindigkeiten in den Kreis-Kommunen gibt, einige weiter sind als andere. Und dass das Thema wohl nie zu den Akten gelegt werden kann. Denn ein großer Brocken steht mit der zivilen Verteidigung schon vor der Tür – wenn auch noch nicht wirklich bekannt ist, welche Vorgaben und Anforderungen dazu vonseiten des Bundes kommen werden.