Rudi Gürster aus dem niederbayerischen Landkreis Regen erlebte bei der Hochwasserkatastrophe am 14. Juli 2021 in Nettersheim die schlimmsten Stunden seines Lebens.
Flut 2021Todesangst im Flutgraben bei Nettersheim – Da stoppt der Retter im silbernen BMW

In der Mitte des Berges, so berichtet Daniel Schmitz bei einem Besuch vor Ort, habe er Gürster im Flutgraben an der L206 entdeckt und mit seinem Wagen gestoppt. Damit wurde er für den Mann aus Bayern zum Lebensretter.
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Als Daniel Schmitz an diesem Tag mit seinem Wagen vom Zingsheimer Kreisverkehr die L205 hinunter in Richtung Nettersheim fährt, beschäftigt ihn die bange Frage, ob er es bis nach Hause in Schmidtheim schaffen wird. Schmitz, Zivilbeschäftigter der Bundeswehr in Euskirchen, hat die Heimfahrt angetreten, ohne zu ahnen, welche Katastrophe an diesem 14. Juli 2021 über den Kreis Euskirchen hereinbricht. Wegen des dichten Regens und der Wassermengen auf der Fahrbahn ist er diesmal auf der Autobahn nicht wie sonst bis zur Abfahrt Blankenheim gefahren, sondern „sicherheitshalber“ in Zingsheim abgefahren.
Nun plagen ihn Zweifel, dass das eine gute Idee war. Aus den seitlichen Gräben schießen sprudelnd unfassbare Wassermassen und überfluten die Fahrbahn. Weiter unten in Richtung Brücke hat sich die Fahrbahn in eine einzige Wasserfläche verwandelt.

Die in den Ort strömenden Wassermassen der Urft machten am 14. Juli 2021 für Rudi Gürster den direkten Weg von der Rosenthalstraße zu Frau und Tochter im Urlaubsdomizil unpassierbar.
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Plötzlich sieht er neben der Fahrbahn eine Gestalt, die sich aus dem Graben kämpft. Der 42-Jährige stoppt – und wird zum Retter für einen Mann, der seit Stunden um sein Leben kämpft und völlig entkräftet ist.
Rudi Gürster macht mit Frau und Tochter in Nettersheim Urlaub, wo seine Frau Verwandte hat. Doch an diesem Tag ist der 54-Jährige, der sich daheim im niederbayerischen Landkreis Regen selbst bei der Feuerwehr engagiert, zunächst als Helfer aktiv. Im Bereich der Rosenthalstraße hilft er Robert Nelles, einem Familienmitglied seiner Frau, weil dessen Keller voll Wasser läuft.
Wasser dringt ins Haus des Onkels: Es wird gefährlich
Die Männer bringen Inventar in Sicherheit und versuchen, den Keller mit einer Spundwand zu schützen. Doch dann strömt das schlammige, eiskalte Wasser mit brachialer Gewalt ins Haus. Schließlich steht dem 1,98 Meter großen Gürster das Wasser bis zur Brust. Die Situation wird gefährlich. Gürster: „Bis dahin habe ich nie verstanden, wie jemand in seinem Keller ertrinken kann. Doch seit dem Tag verstehe ich das.“
Urft und Genfbach überschwemmen die Straße, auf direktem Weg ist die andere Seite des Ortes schon nicht mehr zu erreichen. Daniel Thielen, Mitglied der Nettersheimer Feuerwehr, ist ebenfalls zum Haus von Nelles, seinem Onkel, geeilt, muss nun aber selbst in den Feuerwehreinsatz. Er bittet seinen Onkel und dessen Frau, sich in Sicherheit zu bringen. Die Feuerwehr evakuiere jetzt den Bereich.

Rudi Gürster schildert im Videointerview mit der Redaktion die erlebten Schrecken während der Flutkatastrophe in Nettersheim.
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Gürster ist der direkte Weg zur Unterkunft, in dem seine Frau und seine Tochter warten, versperrt. Thielen rät dem Mann aus Bayern, der seit 30 Jahren hier Urlaub macht und sich in Nettersheim gut auskennt, den Weg ein Stück hinauf in Richtung Zingsheim zu laufen. So könne er in einem Bogen zum Ortsteil jenseits der Urft zu gelangen. Daraufhin trennen sich die Männer, da Thielen das Feuerwehrgerätehaus ansteuert.
Neben dem Haus des Onkels kommt ein Mensch in der Flut ums Leben
Thielens Einschätzung, dass die Situation gefährlich ist, bewahrheitet sich später auf schreckliche Weise, als die Wassermassen auf der Rosenthalstraße den Urfter Felizius Poth, der zwei Jugendliche in Sicherheit bringen will, mitreißen. Felizius Poth kommt neben dem Haus von Robert Nelles ums Leben.

Rekonstruierten im Gespräch mit der Redaktion noch einmal den Ablauf der Geschehnisse bei der Flut: Daniel (v.l.) und Thorsten Thielen, Daniel Schmitz und Stephanie Mandl.
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Rudi Gürster macht sich auf den von Thielen genannten Weg, kommt aber von diesem ab. Und erlebt die schlimmsten Stunden seines Lebens. Er verirrt sich, kämpft sich durch das herabschießende Wasser, über überflutete Wiesen, über Hindernisse und Zäune, stürzt immer wieder in Gräben und weiß schließlich nicht mehr, wie er sich in Sicherheit bringen kann. Er hat Todesangst. Einmal will er über einen Graben mit der reißenden Flut springen, um sich so auf die L205 durchzuschlagen. Heute sagt er: „Gott sei Dank bin ich da nicht gesprungen.“
Ich hatte keine Kraft mehr. Ich glaubte nicht mehr, dass ich das überleben würde.
Auch eine andere Querung, die er nutzen will, ist nicht passierbar. Über eine Brücke gelangt er schließlich auf die andere Seite. Dort stürzt er fünf Meter eine Böschung hinab. Mehrere Minuten bleibt er im reißenden Wasser des Seitengrabens liegen. „Ich hatte keine Kraft mehr. Ich glaubte nicht mehr, dass ich das Überleben würde.“ Als er sich doch aus dem Graben gekämpft hat, hält neben ihm der silberne BMW von Daniel Schmitz. Gürster: „Mein absoluter Lebensretter.“
Daniel Schmitz hat sich der Anblick, den Gürster bot, eingebrannt. „Ich habe nie zuvor jemand gesehen, der so von Kopf bis Fuß eingeschlammt war.“ Er öffnet die Beifahrertür und fordert Gürster auf, ins Auto zu steigen. Der will erst nicht. Er mache ja alles voll Schlamm, wenn er einsteige. Schmitz, der die Situation richtig einschätzt, wird nachdrücklich: „Steigen Sie in die scheiß Karre!“
Steigen Sie in die scheiß Karre!
Der tiefliegende BMW von Schmitz ist keineswegs geeignet, sich durch das Wasser der überfluteten Straße zu kämpfen. Doch es gelingt. Hinter der Talbrücke, von deren Seite Wasserfälle stürzen, geht es wieder bergauf. Über die von Bahrhaus kommende Straße erreichen sie ihr Ziel, den Höhenweg.
Dort übergibt Schmitz seinen Passagier an dessen Familie. Und bevor Gürster ihm danken kann, ist er schon weg. Gürster kennt nicht mal seinen Namen. Nur das Kfz-Kennzeichen hat er sich gemerkt. Über Umwege gelangt Daniel Schmitz wohlbehalten nach Schmidtheim.
Die Flucht aus Nettersheim führt die Familie just in das noch schrecklicher getroffene Ahrtal
Wie sehr das Erlebte Rudi Gürster geschockt hat, zeigt sich am Morgen. Er bricht seinen Urlaub ab, will nur noch weg, Frau und Tochter in Sicherheit bringen. In aller Frühe startet er auf die Heimreise – und wählt in Unkenntnis über das Ausmaß der Katastrophe eine fatale Route. Just durchs Ahrtal, in dem die Flutkatastrophe noch schrecklicher gewütet hat, will er zur Autobahn. Der Versuch endet kurz vor Müsch vor einem Krater. Es folgt eine Irrfahrt. Erst elf Stunden später trifft die Familie in ihrem Heimatort ein.

Daniel Schmitz (r.) und Stephanie Mandl mit Thorsten Thielen (l.) am Haus von Robert und Katharina Nelles. Direkt neben dem Haus kam bei der Flut Felizius Poth aus Urft ums Leben.
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In den Monaten und Jahren danach bemerken Daniel Thielen und sein Bruder Thorsten, dass mit Rudi Gürster etwas nicht stimmt. Gürster: „Ich hatte eine schlimme Zeit. Nachts bin ich schweißgebadet aufgewacht. Hörte wieder das Tosen und Rauschen. Ich konnte das Geräusch von Regen nicht mehr ertragen, ich konnte im Regen kein Auto mehr fahren.“
Ich konnte das Geräusch von Regen nicht mehr ertragen, ich konnte im Regen kein Auto mehr fahren.
Thorsten Thielen rät ihm, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Thielen berichtet, dass es im Kreis Euskirchen Einrichtungen gibt, die Menschen, die extremen psychischen Belastungen ausgesetzt waren, helfen können. Zu einem solchen Team, ausgebildet für die Psychosoziale Notfallversorgung von Einsatzkräften im Kreis, gehört auch Stephanie Mandl, langjährige Feuerwehrkameradin von Thielen und stellvertretende PSNV-E-Teamleiterin. Thielen vermittelt den Kontakt.
Für Rudi Gürster ist der 14. Juli nun ein zweiter Geburtstag
Im vergangenen Jahr kommt es zum Treffen mit Rudi Gürster in Nettersheim. Stephanie Mandl tut das, wofür sie ausgebildet wurde. Sie hört zu, lässt Gürster reden. Gemeinsam gehen die Thielens und Mandl mit Gürster noch mal den Weg, den Gürster in der Katastrophe genommen hat. „Er war wie im Tunnel“, erinnert sich Thorsten Thielen: „Wir kamen kaum hinterher.“
Und Gürster verarbeitet die Geschehnisse. Ein Satz von Stephanie Mandl habe sich ihm eingebrannt, sagt er: „Ich kann dir die Bilder nicht nehmen, du musst aber irgendwann fein damit werden.“ Wird er. Heute fährt er auch im Regen wieder Auto, kann nachts schlafen. Und nennt den 14. Juli seinen zweiten Geburtstag. „Ich bin Stephanie unendlich dankbar.“
Den Retter mit dem silbernen BMW schließlich gefunden
In den Gesprächen berichtet Gürster auch von seinem Retter im silbernen BMW. Wie gerne er „dem Kerl, der mich gerettet hat“, danken wolle: „Ihm müsste man eine Rettungsmedaille verleihen.“ Aber er kenne nicht mal seinen Namen. Und er erfährt, dass seine Tochter das Kennzeichen, das er sich beim Aussteigen gemerkt hatte, notiert hat.
Thorsten Thielen macht sich auf die Suche. „Ich werde ihn finden“, verspricht er Gürster. Und tatsächlich stößt er in Schmidtheim durch einen Zufall auf den silbernen BMW. So kommt es für Gürster und Schmitz zum Wiedersehen. Und zu einem Gespräch über die Geschehnisse dieser Nacht, die sich beiden so tief eingebrannt hat. „Denn so eine Nacht“, so sagt auch Daniel Schmitz, kann man nicht vergessen.
PSNV-E-Team kümmert sich im Kreis Euskirchen um Helfer nach belastenden Einsätzen
Neben dem Kriseninterventionsdienst (KID) im Kreis Euskirchen, der psychosoziale Akuthilfe für Betroffene, Angehörige und Zeugen nach extrem belastenden Ereignissen bietet, gibt es im Kreis Euskirchen eine spezielle Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E-Team). Vorrangig geht es dieser Einheit darum, den Helfern vertrauliche entlastende Gespräche zur Traumaprävention anzubieten. Dabei geht es nicht um Therapie. Die Einheit unterstützt Einsatzkräfte aber dabei, Stressreaktionen zu verstehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Bei Bedarf vermittelt sie weitergehende professionelle Hilfe.
Einsatzkräftenachsorge gibt es bereits seit 2001 im Kreis Euskirchen. Nach der Flutkatastrophe, in der gerade auch viele Einsatzkräfte schreckliche Erlebnisse hatten, wurde im Oktober 2021 ein neues, stabiles Team mit Unterstützung des Kreises und des Kreisfeuerwehrverbands aufgebaut. Es besteht aus 25 Mitgliedern, die eine fundierte und professionelle Ausbildung erhalten haben, und einem Psychologen.
Waren es vor der Flut durchschnittlich etwa drei Einsätze pro Jahr, bei denen eine psychosoziale Versorgung nach belastenden Einsätzen angeboten wurde, so wurden nach der Flut allein bis Ende 2021 rund 700 Einsatzkräfte betreut. Heute wird das Team zu etwa 20 bis 30 Einsätzen im Jahr mit etwa 30 bis 80 Betroffenen herangezogen.
Einsatzleiter können bereits während des Einsatzes Erkunder anfordern. Nach belastenden Einsätzen und Erlebnissen finden Gruppenkrisen- oder auch Einzelkriseninterventionsgespräche statt. Aber auch im Bereich der Prävention und bei Aus- und Fortbildung ist das Team 30- bis 35-mal pro Jahr aktiv.

