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Immer öfter StarkregenVersicherungspflicht verhindert keine Schäden

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Die Bundesstraße durch das Ahrtal war hinter einem Tunnel von der Sturzflut im Juli 2021 weggerissen worden (Luftaufnahme mit einer Drohne).

Die Bundesstraße durch das Ahrtal war hinter einem Tunnel von der Sturzflut im Juli 2021 weggerissen worden (Luftaufnahme mit einer Drohne). 

Olaf Bläser, Vorsitzender des Vorstands der Eergo Versicherung AG über die Konsequenzen aus der Ahtal-Katastrophe und die Pläne, eine Elementarschadenversicherung zur Pflicht zu machen

Die Politik diskutiert die Einführung einer Versicherungspflicht für Elementarschäden. Wie gut sind die Deutschen denn bislang – also ohne Versicherungspflicht – abgesichert?

Private Gebäudeinhaber in Deutschland haben zu nahezu 100 Prozent eine Wohngebäudeversicherung. Die umfasst neben Feuerschäden in der Regel auch Leitungswasserschäden. Jeder Vierte glaubt allerdings, dass in seiner Police neben Sturm- und Hagelschäden auch Elementargefahren wie Starkregen und Flutereignisse mit abgesichert wären. Das ist aber nicht der Fall.

Dafür braucht es dann den Elementarschutz?

Genau. Diese Absicherung wird immer wichtiger, weil Starkregenereignisse in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Die Ahrtal-Flut vor fünf Jahren ist vielen noch sehr präsent. Hervorgerufen wurde sie durch sehr starke Regenfälle in einer Region, in der die geografischen Bedingungen zusätzlich noch sehr ungünstig waren.

Gefährlich lebt man mit Blick auf Hochwasser nicht nur im Ahrtal, sondern auch in der Kölner Innenstadt…

Ja, wenn man sich die Kölner Altstadt anschaut, dann weiß jeder, der Rhein führt ab und zu ein Hochwasser für das die Präventionsmaßnahmen in der Stadt nicht ausreichen. Für diese Fälle muss man über einen Versicherungsschutz nachdenken. Die Menschen, die in den betroffenen Gebieten leben, tun das und sind in der Regel auch entsprechend versichert. Starkregen tritt zunehmend aber auch in Regionen auf, die bislang nicht betroffen waren und nicht in der Nähe eines Flusses oder Baches liegen. Das hat mit der wachsenden Versiegelung der Böden zu tun, aber auch mit der gestiegenen Niederschlagsmenge. Viele Gebäudebesitzer stellen erst fest, dass diese Ereignisse nicht von ihrer Gebäudeversicherung abgedeckt sind, wenn im Keller ein Meter Wasser steht. So war es im Ahrtal auch.

Olaf Bläser

Olaf Bläser, Vorstandsvorsitzender Ergo Versicherung AG

Dann wäre eine Versicherungspflicht also angebracht?

Wir begrüßen den Vorschlag, der im Koalitionspapier festgehalten ist, dass jedem Kunden ein Angebot zu einer Schadenabdeckung gemacht werden soll. Wir bieten dies unseren Kunden bereits heute an. Eine Pflichtversicherung ist nicht sinnvoll, da es genügend Angebote im Markt gibt. Jeder kann sich versichern. Die Diskussion um eine mögliche Versicherungspflicht greift daher zu kurz, denn sie verhindert keinen einzigen Schaden. Nur eine Kombination aus Prävention, Klimafolgenanpassung und Versicherungsschutz ist hilfreich.

Wie viele Hauseigentümer oder Wohnungsbesitzer sind denn gegen Elementarschäden versichert?

Bei unseren Kunden liegt die Quote aktuell bei 63 Prozent. Zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe im Ahrtal betrug sie noch rund 45 Prozent. Die eindrücklichen Bilder, nicht nur im Ahrtal, sondern auch von anderen Unwetterereignissen, haben das Thema stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass noch immer fast jeder Zweite keinen Versicherungsschutz hat.

Wie teuer ist der denn?

Das kommt auf die Lage und natürlich auf das Gebäude selbst an. Habe ich ein Haus in einer Mittelgebirgsregion in einer erhöhten Lage, ist ein Hochwasserschaden sehr unwahrscheinlich, entsprechend ist die Versicherung deutlich günstiger. Da fangen die Prämien bei rund 250 Euro im Jahr an. Bei einer Immobilie in einer Senke oder in Flusslagen kann die Jahresprämie durchaus 800, 900 Euro betragen.

Und was ist mit den Hochrisikolagen?

Darüber wird immer viel diskutiert, dabei betrifft das nur rund zwei Prozent der Gebäude in Deutschland. Aber selbst für diese haben wir ein Angebot. Wir würden in solchen Fällen eine Versicherung mit einer hohen Selbstbeteiligung anbieten, um die Beitragshöhe zu reduzieren. Das ist für den Hausbesitzer in der Regel sinnvoll, weil in Hochrisikogebieten oftmals Präventionsmaßnahmen gegen kleinere Hochwasser getroffen wurden. Wenn es dort zu einem Schaden kommt, dann in aller Regel zu einem sehr großen. Der tritt dann aber auch deutlich seltener ein.

Wie stellen Sie denn die Gefährdung eines Hauses fest?

Es gibt ein System, nach dem alle Gebäude in Deutschland in bestimmte Zonen einsortiert sind. Das wird mit geologischen Daten und einer hohen Anzahl an Risikodaten aus der Vergangenheit versehen, z.B. Wetterdaten. Darauf basiert die Kalkulation der Versicherer. In der einen Region gibt es ein höheres Erdbebenrisiko, in der anderen eine Sturm- oder Starkregengefährdung. Das wird miteinander verrechnet und ergibt am Ende den Preis. Die Gefährdung können Sie übrigens selbst einsehen, wenn Sie auf der Internetseite des GDV ihre Adresse eingeben.

Und wie ermitteln Sie den Wert der Immobilie?

Wir ermitteln den Wert anhand einer ganzen Reihe von Fragen. Da geht es etwa um die Wohnfläche, die Bedachung, die Zahl der Stockwerke, ob das Haus unterkellert ist, eine Garage vorhanden ist, usw.

Welche Tücken lauern da?

Häufig verändert sich die Ausstattung der Immobilie im Laufe der Zeit. Vielleicht wird irgendwann einmal das Dachgeschoss ausgebaut oder es entsteht eine Einliegerwohnung. Dann sollte man mit seinem Versicherungsberater sprechen und die Veränderungen melden, damit der höhere Wert der Immobilie auch im Versicherungsschutz abgebildet wird. Nur dann erhalten Sie im Schadenfall auch einen gleichwertigen Ersatz.

Warum sind denn so wenige Menschen gegen dieses Risiko versichert?

Mich erstaunt es tatsächlich selbst immer, dass Kunden zwar bereit sind, ihr Auto für 1000 Euro im Jahr zu versichern, aber wenn es um den Schutz ihres Hauses geht, der wahrscheinlich größten Anschaffung ihres Lebens, zögern sie, einen Bruchteil davon für den Versicherungsschutz auszugeben. Dahinter steht natürlich immer die Hoffnung: Es wird schon nichts passieren. Oder aber das Kalkül: Wenn etwas passiert, wird der Staat helfen. Ich werbe immer dafür, einen klaren Anspruch auf Leistungen durch eine Versicherung zu haben – und sich nicht auf die Politik zu verlassen.

Tut die Politik denn genug für die Prävention?

Da muss aus unserer Sicht mehr investiert werden. Denn durch die veränderte Klimasituation werden Unwetterereignisse häufiger auftreten. Die entscheidende Frage ist: Soll in Hochrisikogebieten weiterhin gebaut werden dürfen? Natürlich ist ein Häuschen in der Flussaue mit Blick aufs Wasser schön. Aus Versicherungsperspektive sollte es aber striktere Regelungen geben, welche Flächen als Baugebiet ausgewiesen werden. Denn viele vergessen: Im Schadenfall ersetzen wir zwar die Immobilie, aber niemand stellt ihnen ein neues Grundstück zur Verfügung. Das bedeutet: Sie geraten wahrscheinlich in die Situation, dass sie wieder an genau dem Ort bauen müssen, an dem Sie bereits einen schweren Schaden erlitten haben. Vor einer solchen Situation sollte die Politik die Bürger besser schützen.

Sie sagen, Unwetterereignisse nehmen zu. Sind das nur Modelle oder lässt sich eine solche Zunahme statistisch belegen?

Wir arbeiten mit sehr langen Zeitreihen in denen natürlich immer mal wieder kleine Ausreißer in den Daten auftauchen. In der Vergangenheit gab es zwischen diesen größeren Schadenereignissen aber viel größere Abstände als wir sie in den vergangenen fünf Jahren gesehen haben. Und auch die Stärke der Ausschläge wird immer größer. Die Antwort lautet daher: Ja, die Zunahme von Unwetterextremen zeichnet sich bereits in den Daten ab.